Kultur Autokultur: Große Emotionen, kein finanzieller Gewinn

Von dpa

Nico Röger, Geschäftsführer von Hannover Concerts.Nico Röger, Geschäftsführer von Hannover Concerts.
Lucas Bäuml/dpa/Archivbild

Hannover. Sido, Revolverheld und zum Abschluss Fury: In Hannover und anderswo ziehen Autokonzerte Hunderttausende von Besuchern an. Aber können die außergewöhnlichen Events die Konzertveranstalter retten? Viele sind durch die Pandemie in Existenznot geraten.

Es ist ein aus der Not geborenes Konzept, um trotz des coronabedingten Shutdowns Live-Auftritte und Kulturgenuss zu ermöglichen: Allein in Hannover zog die Anfang Mai gestartete Autokultur-Reihe rund 100 000 Zuschauer an, damit war sie den Veranstaltern zufolge eine der größten ihrer Art. Zum Abschluss spielte zum dritten Mal Fury in the Slaughterhouse, eine der erfolgreichsten Bands der 90er Jahre. Ihn erinnere die Aussicht von der Bühne an den Film „Cars“, meinte Sänger Kai Wingenfelder zu den Fans in den 1000 Fahrzeugen auf dem Schützenplatz. Auf riesigen Leinwänden wurden per Zoom Szenen aus den Autos eingeblendet, wo das Publikum Party machte oder bei Balladen Feuerzeuge anzündete. Die Zuschauer reckten ihre Arme durch Fenster und Schiebedächer, gejubelt wurde per Hupe und Warnblinklicht.

„Das Feedback der Zuschauer und der Künstler war großartig“, bilanziert Nico Röger, Geschäftsführer von Hannover Concerts, die insgesamt 54 Shows und 67 Filme. Als letzter Act wurde am Sonntag wie schon zum Auftakt Comedian Oliver Pocher erwartet. „Wir waren mit die Ersten und die Größten in Deutschland und sind sehr dankbar, dass es so toll angenommen wurde.“ Rein finanziell könne man so eine Veranstaltung aber nicht erfolgreich gestalten, betonte er. Ohne die Hilfe von Sponsoren wären die Events nicht möglich gewesen.

Trotz der Lockerungen sieht sich die Branche bundesweit weiterhin in ihrer Existenz bedroht. „Es gibt kaum einen Wirtschaftszweig, der derzeit derart am Boden liegt wie die deutschen Konzert- und Tournee-Veranstalter“, sagte Jens Michow, Präsident des Bundesverbandes der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft (BDKV). Die Autokultur-Events hätten meist nicht einmal das Potenzial, die Kosten wieder einzuspielen. Und eine Erholung sei nicht in Sicht: Mit einem geforderten Mindestabstand von 1,50 Meter zwischen den Besuchern lasse sich keine Veranstaltung wirtschaftlich organisieren. Der Verband fordert ein Überbrückungsprogramm mit staatlichen Hilfen in Milliardenhöhe.

„Für die gesamte Branche, für Künstler, Techniker, Security oder Caterer ist die Lage nach wie vor ein Desaster“, meint auch der Chef von Hannover Concerts, Nico Röger. Letztes Jahr organisierte sein Unternehmen 500 Veranstaltungen, dieses Jahr wurden schon rund 200 abgesagt oder verschoben. „Das Problem ist, dass wir nicht wissen, wann und wie es weitergeht. Wie entwickeln sich die Infektionszahlen? Wann können wieder Künstler aus dem Ausland kommen?“

Die Kinobranche blickt ebenso besorgt in die Zukunft. In einigen Bundesländern dürfen die Häuser wieder öffnen, viele tun dies aber nicht, weil zu wenige Plätze vergeben werden dürfen, um die Kosten zu decken. Zudem fehlen attraktive neue Filme. „Das Autokino war eine reizvolle Alternative, auf die zu Anfang viele neugierig waren“, sagte Kino-Unternehmer Hans-Joachim Flebbe, der unter anderem das Autokino in Braunschweig organisierte. Von Woche zu Woche haben jedoch offenbar immer weniger Menschen Geld für eine Eintrittskarte übrig. „Wir merken, dass die Kaufkraft nachgelassen hat“, sagte Röger. Im Hochsommer werde es zudem zu heiß für Autokultur.

Auch die Musiker von Fury in the Slaughterhouse hoffen darauf, bald wieder nicht nur Blechkisten, sondern tanzende, schwitzende und hüpfende Menschen vor der Bühe zu sehen. „Bessere Zeiten werden kommen“, verspricht Sänger Kai Wingenfelder, bevor die tausend Autos nach gut anderthalbstündiger Show vom Platz rollen.


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