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Und immer wieder Sturmfluten Die Ostfriesischen Inseln blicken auf eine wechselvolle Geschichte

Von Franziska Kückmann


Osnabrück. Wie auf einer 90 Kilometer langen Schnur aufgereiht, liegen die Ostfriesischen Inseln vor der niedersächsischen Nordseeküste. Einst beheimateten sie das Volk der Friesen und boten Seeräubern sichere Verstecke. Heutzutage gehören die Inseln zu den beliebtesten Urlaubszielen in Deutschland.

Schneeweiße Sandstrände hin zur offenen See, die größte zusammenhängende Wattlandschaft der Welt auf der dem Festland zugewandten Seite: Diese Kombination macht die Ostfriesischen Inseln zu einer faszinierenden landschaftlichen Erscheinung. Zwischen 3,5 und zehn Kilometer liegen sie vor der Küste. Auf sieben der Eilande leben Menschen, vier weitere sind unbewohnt.

Auch wenn es so aussieht: Bei den Inseln handelt es sich keineswegs um Überreste des Festlandes, die aus dem Wasser emporragen. Vielmehr sind sie im Laufe der Jahrtausende nach der letzten Eiszeit durch Meeresablagerungen entstanden, die Strömung, Wind und Fluten anschwemmten. Diese Einflüsse haben die Gestalt der Inseln immer wieder verändert und tun es bis heute. Allerdings hat der Mensch Mitte des 19. Jahrhunderts begonnen, die Eilande mit aufwendigen Anlagen zu befestigen, um die natürlichen Veränderungen so stark wie möglich einzuschränken.

Solche Schutzmaßnahmen waren den Menschen in früheren Zeiten fremd. Sie lebten in rauem Klima, den Gefahren von Wind und Wasser ausgeliefert. Ein hartes, karges Leben muss es gewesen sein, das die Bewohner führten. Ab wann genau die Inseln besiedelt wurden, können Forscher nicht zweifelsfrei sagen. Fest steht, dass Langeoog erstmals 1289 als bewohnt urkundlich erwähnt wurde. Von den anderen Inseln gibt es darüber erst spätere Zeugnisse.

Von Plinius beschrieben

Zum ersten Mal schreibt übrigens der römische Gelehrte Plinius der Ältere wenige Jahrzehnte nach Christi Geburt von einer großen Insel vor der ostfriesischen Küste: Burchana. Über ihren Verbleib gibt es verschiedene Theorien. Eine These lautet, Burchana sei bei der ersten Marcellusflut 1219 oder der zweiten Marcellusflut 1362 in mehrere Teile zerrissen worden – die Inseln Borkum, Juist und Buise. Letztere wiederum wurde ebenfalls kurze Zeit später überschwemmt. Das östliche Ende ragt noch aus dem Wasser. Einst hieß es Osterende, heute trägt es den Namen Norderney.

Unter ihrem vollen Namen tauchen alle Eilande erstmals 1398 in den Urkunden auf. Einige von ihnen werden aber bereits in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts in den Aufzeichnungen der Kreuzzüge erwähnt: Um 1227 soll sich vor den Inseln im Meer eine Flotte ostfriesischer Kreuzfahrer gesammelt haben, die von dort aus ins Heilige Land segelten.

Sturmfluten prägten die Gesichter der Inseln und den Alltag der Menschen. Die Friesen, die an der Küste lebten und schließlich auch die Inseln besiedelten, versuchten, Landwirtschaft zu betreiben, doch ständige Überschwemmungen versalzten den Boden. Die Bewohner fingen Fische, Robben und Wale. Sie verstanden sich auf die Seefahrt, den Handel – und die Seeräuberei. Im 13. und 14. Jahrhundert machten die Friesen gemeinsame Sache mit den „Vitalienbrüdern“, einer Kampfgenossenschaft der Seeräuber, deren berühmtester Hauptmann wohl Klaus Störtebeker war. Den Piraten, die auf der Nordsee Schiffe enterten und der Hanse das Leben schwer machten, boten die Ostfriesischen Inseln perfekte Verstecke und Rückzugsorte. Diese nutzten später auch die Schmuggler während der Kontinentalsperre zwischen England und Frankreich Anfang des 19. Jahrhunderts, als der Seehandel offiziell verboten war.

Ständig auf der Flucht

Ständig waren die Menschen auf der Flucht vor dem Wasser. Die unablässig anrollenden Wellen ließen die Inseln im Laufe der Zeit weiter und weiter nach Osten wandern. Und immer wieder Sturmfluten: Die verheerende Petriflut etwa forderte 1651 an der Nordseeküste Zehntausende Todesopfer und zerriss Juist in zwei Teile. Langeoog mussten die Menschen nach der Petriflut und der Weihnachtsflut 1717 komplett verlassen, so zerstört war die Insel. Wenige Jahre später wurde sie von den Nachbarinseln und Helgoland aus wieder besiedelt.

Der Untergang des Dorfes Wangerooge in der Silvesterflut 1854/55 war der Auslöser, die ersten Befestigungsanlagen zum Schutz der Insel zu errichten. Die anderen Eilande folgten diesem Beispiel. Es war die Voraussetzung dafür, die Inseln für Tourismus zu erschließen. Inzwischen kommen jedes Jahr 40 Millionen Übernachtungsgäste und mehr als 60 Millionen Tagesausflügler auf die Inseln. Was früher karg, trostlos und gebeutelt war, ist heute Urlaubsparadies.


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