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Grohnde: Streit um Transport Mox-Brennelemente: Betreiber von Atomkraftwerken erwarten noch rund 100 Lieferungen

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<em>Idylle im Schatten</em> des Atomkraftwerkes: eine Szene aus Grohnde bei Hameln. Foto: dpaIdylle im Schatten des Atomkraftwerkes: eine Szene aus Grohnde bei Hameln. Foto: dpa

Osnabrück. Kommen sie, oder kommen sie nicht? Seit Wochen erhitzen 16 sogenannte Mox-Brennelemente in der Umgebung des Atomkraftwerks Grohnde, Landkreis Hamel-Pyrmont, die Gemüter. Sie werden aus dem britischen Sellafield zurückerwartet. Nach Recherchen unserer Zeitung stehen Deutschland noch an die 100 derartige Lieferungen ins Haus. Daran ändert auch der Atomausstieg nichts.

Die Aufregung war groß vergangene Woche. Der Nuklear-Frachter „Atlantic Osprey“ hatte im britischen Workington abgelegt. War er unterwegs nach Sellafield ? Das ist eine Siedlung, die aus einem Atomkraftwerk, einer Brennelementefabrik und einer Wiederaufbereitungsanlage für ebendiese besteht. Aufgearbeitet wird seit geraumer Zeit nicht mehr.

Doch auf dem Gelände lagert noch strahlende Fracht für Deutschland: Bis zum 1. Juni 2005 hatten die deutschen Kraftwerksbetreiber 851 Tonnen Schwermetall nach Großbritannien zur Wiederaufarbeitung gesendet. Dann wurde genau das verboten. Völkerrechtlich ist Deutschland aber verpflichtet, die strahlenden Nebenprodukte der Wiederaufarbeitung zurückzunehmen.

Das sind nach Angaben des Bundesamtes für Strahlenschutz in Sellafield 21 Castoren mit Atommüll, der vermutlich ab 2015 seine Heimreise antritt. Darüber hinaus fiel beim Wiederaufarbeitungsprozess aber auch Plutonium an, das in neuen plutoniumhaltigen Mischoxid-Brennelementen Verwendung fand – den sogenannten Mox-Brennelementen.

Nicht alle AKW dürfen diese verwenden. Das Kernkraftwerk Emsland zum Beispiel hat laut RWE keine Genehmigung. Das AKW Grohnde schon. Betreiber Eon hat über die Jahre nach eigenen Angaben 33 Mox-Transporte aus Sellafield mit Ziel Landkreis Hameln-Pyrmont abgewickelt. Weitestgehend unbeachtet von der Öffentlichkeit, so das Unternehmen. Seit 2009 laufen die Planungen für die Rückholung der letzten 16 Brennelemente aus Sellafield. Immer wieder sind Transporte verschoben worden, jetzt liegen alle notwendigen Genehmigungen vor – und der Protest formiert sich.

Weitere Lieferungen

Die Verwendung der plutoniumhaltigen Brennstäbe ist umstritten. Sie gelten als besonders gefährlich. Auch im japanischen AKW in Fukushima kamen sie zum Einsatz. Als sich die „ Atlantic Osprey “ in Bewegung setzte, schrillten bei den AKW-Gegnern die Alarmglocken. „Es wird ernst“, war in diversen Internetblogs zu lesen. Über einen Privathafen in Nordenham sollte die Fracht Richtung Grohnde weiter transportiert werden.

Allerdings kehrte die Osprey nach kurzer Fahrt in der Irischen See zurück in ihren Heimathafen. Schon das Schiff ist umstritten: Der 25 Jahre alte Kahn sollte nach einem Bericht des britischen „Guardian“ bereits abgewrackt werden, wurde dann aber aus Kostengründen reaktiviert. Er ist einwandig und damit aus Sicht der AKW-Gegner vollkommen ungeeignet, strahlende Fracht zu transportieren.

Wann die „Osprey“ das nächste Mal ablegt, ist unklar. Deutsche Behörden hüllen sich in Sachen Route der Brennstäbe in Schweigen. Das unterliege der Geheimhaltung heißt es in Berlin und Hannover. Die AKW-Gegner behalten das Schiff im Auge. Ein Erfolg aus Sicht der Gegner: der Stadtrat Nordenham und der Kreistag Wesermarsch verabschiedeten Montagabend eine Resolution, in der sie sich dagegen aussprachen, dass Nordenham zur Atomdrehscheibe wird. Ob das die Mox-Brennelemente aber wirklich stoppen kann, ist ungewiss.

Nach Informationen unserer Zeitung werden noch zahlreiche weitere derartige Transporte in den kommenden Jahren erfolgen – trotz Atomausstieg. Kraftwerksbetreiber EnBW teilt auf Anfrage mit, dass aus Sellafield etwa 28 Mox-Brennelemente zurückerwartet werden. Das ergebe sich aus der Menge des bei der Wiederaufarbeitung angefallenen Plutoniums.

Abgesehen von der letzten Fracht aus England steht bei Eon noch die Lieferung von etwa 60 Mox-Brennelementen aus der Wiederaufarbeitungsanlage im französischen La Hague aus. Hierhin wurden über die Jahre 5379 Tonnen strahlende Fracht geliefert. Keine genauen Angaben wollte RWE machen, nur so viel: Auch der Essener Konzern muss noch Mox-Brennelemente zurücknehmen.


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