Freizeit Dem Alltag entfliehen: Städte schaffen Spielalternativen

Von dpa

Ein Spielplatz ist wegen der Corona-Beschränkungen menschenleer. Foto: Jörg Carstensen/dpaEin Spielplatz ist wegen der Corona-Beschränkungen menschenleer. Foto: Jörg Carstensen/dpa
Jörg Carstensen/dpa/Symbolbild

Lüneburg. In der Debatte um weitere Lockerungen kommen Spielplätze noch selten vor. Dabei sind Kinder Experten zufolge stark von den Einschränkungen in der Corona-Krise betroffen. Nun reagieren einige Städte.

Mit Blick auf die geschlossenen Spielplätze in Niedersachsen haben einige Städte Alternativen ins Leben gerufen. Mit dem Angebot wolle man Kindern und Eltern eine Art Flucht aus dem Alltag ermöglichen, hieß es bei den Stadtsprechern. Auf lange Sicht beschäftigen die Familien aber andere Fragen.

FREIZEITANGEBOT FÜR BESONDERS BETROFFENE FAMILIEN

In Lüneburg ist es seit ein paar Wochen etwa möglich, den Aktivspielplatz im Stadtteil Kaltenmoor zu festen Uhrzeiten zu buchen. Einzelne Familien können den Spielplatz dann eineinhalb Stunden nutzen. „Das war eine richtige Entscheidung, die Möglichkeit wurde von Anfang an gut und dankbar angenommen“, sagte Lüneburgs Stadtsprecherin Suzanne Moenck auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur. Das Angebot richte sich vor allem an Familien, die keinen Zugang zu einem Garten und zu Spielmöglichkeiten im Freien haben. Andere Städte ließen sich davon inspirieren und zogen nach: In Braunschweig werden Außenbereiche von Kinder- und Jugendzentren als Spielflächen angeboten. In Wolfsburg sind drei betreute Abenteuerspielplätze stundenweise für Familien buchbar.

Kindern fehlten wichtige soziale Kontakte und die nötige Umgebung, um sich körperlich austoben zu können, hieß es aus Wolfsburg. Dort habe die städtische Jugendförderung es ermöglicht, eine notwendige Ausnahmegenehmigung für die Spielplätze zu bekommen. Familien könnten so „90 Minuten dem Alltag entfliehen“. Schon kurz nach dem Start gab es viele Buchungsanfragen, wie Stadtsprecherin Elke Wichmann sagte. „Die Kinder genießen das unbedarfte Herumtoben auf dem Platz“. Aufgrund der großen Nachfrage werde kurzfristig auch der Biergarten eines Hallenbads zu einem Aktivspielplatz umgewandelt.

KEINE LOCKERUNGEN ABSEHBAR

Hoffnung auf ein baldiges Ende der Belastung für Familien ist derzeit nicht in Sicht. „Eine Öffnung von öffentlichen Spielplätzen ist von der Verordnung nicht gedeckt und bleibt zunächst weiter verboten“, sagte Oliver Grimm, Sprecher des Sozialministeriums in Hannover. In der aktuellen Corona-Verordnung des Landes heißt es weiterhin, dass alle Spielplätze einschließlich Indoor-Plätzen geschlossen sind.

In der Debatte um weitergehende Schritte bei Schulen und Kitas hatte Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) bereits eine vorsichtige Öffnung von Spielplätzen ins Gespräch gebracht. Für den niedersächsischen Städte und Gemeindebund käme diese wohl noch zu früh. Spielplätze zu öffnen bleibe schwierig, weil Abstands- und Hygieneregeln schwer zu kontrollieren seien und es nicht genügend Personal für Kontrollen gebe, sagte Gemeindebundsprecher Thorsten Bullerdiek.

KINDER ALS VERBREITER DES VIRUS?

Für den Infektiologen Matthias Stoll sind die Spielplatz- und Kita-Schließungen vorsorgliche Maßnahmen. Die bisher vorliegenden epidemiologischen Daten zeigten, dass Kinder bislang nicht die „Superspreader“ gewesen seien, die sehr viele Menschen angesteckt hätten, sagte der Professor der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) zu Beginn der Woche. „Wir wissen bisher nicht, ob wir die Falschen vom Leben ausschließen.“

Es müssten kritische Fragen erlaubt sein, warum die Mädchen und Jungen die Bürde mittragen müssen. Dies sei aber ein Abwägen der vielfältigen Interessen in der Gesellschaft und somit eine politische Entscheidung, sagte Stoll der dpa.

Noch gebe es offene Fragen. Stoll zufolge werden Kinder weniger auf den Erreger getestet. „Sie können sich infizieren und jüngere Kinder haben eigentlich eine schwächere Immunantwort gegen Viren. Trotzdem erkranken sie seltener an Covid-19.“ Möglicherweise seien Kinder sogar durch die bei ihnen schwächer ausfallende Entzündungsreaktion vor einer schweren Lungenentzündung geschützt, sagte er.


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