Belit Onay wird Oberbürgermeister an der Leine Im November ergrünte Hannover

Belit Onay (Bündnis 90/Die Grünen), Spitzenkandidat bei der Oberbürgermeisterwahl der Stadt Hannover, freut sich mit seiner Frau Derya (l) und seinen Unterstützern nach Bekanntgabe der Wahlergebnisse. 
Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpaBelit Onay (Bündnis 90/Die Grünen), Spitzenkandidat bei der Oberbürgermeisterwahl der Stadt Hannover, freut sich mit seiner Frau Derya (l) und seinen Unterstützern nach Bekanntgabe der Wahlergebnisse. Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpa
Hauke-Christian Dittrich

Hannover. Am 10. November wählt Hannover erstmals einen Grünen zum Oberbürgermeister. Ein lokales Ereignis?Mitnichten. Die Partei ist auch in Niedersachsen im Aufwind.

Am 10. November gegen 18:40 Uhr klettert Robert Habeck im Neuen Rathaus in Hannover auf einen Stuhl, um dem neuen grünen Superstar zu applaudieren. Kurz zuvor hat sich der grüne Balken der Stichwahlauszählung nach minutenlangem Kopf-an-Kopf-Rennen vom schwarzen des Konkurrenten gelöst.

Der grüne Balken zeigt um diese Zeit 54 Prozent, damit ist die Sache klar: Hannovers nächster Oberbürgermeister wird ein Grüner. Habeck klatscht, und ein Saal voller Parteifreunde ist außer sich. Nur der Gewinner selbst bleibt fast unbewegt stehen. Belit Onay schaut leicht ungläubig, als ob das alles nicht real wäre, hält die Hand seiner Frau. Der 38-Jährige wird der künftige Oberbürgermeister von Hannover und  schreibt damit an diesem Abend Politgeschichte. Erstmals seit mehr als siebzig Jahren steht kein SPD-Mann an der Spitze der Landeshauptstadt. Und erstmals erobert ein Grüner eine niedersächsische Großstadt. Aus einem bundesweiten Umfragenhöhenflug wird in Niedersachsen am 10. 11. 2019 politische Realität.  

Die Nase voll von der SPD-Regentschaft

Als Habeck auf den Stuhl steigt, ist klar: Ich habe als Reporter auf das richtige Pferd gesetzt, indem bei der Auszählung der Stichwahl nicht zur Wahlparty von Onays Mitbewerber Ecki Scholz gegangen bin. Für einen einzelnen Journalisten ist so ein Wahlsonntag ja ein Vabanque-Spiel: Die Auszählung beginnt um 18 Uhr, und am Ende muss man schnell sein, denn die Redaktionen warten ungeduldig auf den Artikel über den Wahlsieger. Also wohin? Zu Scholz oder zu Onay? Ich entscheide mich aus dem Gefühl für Onay, denn irgendwie scheint die Stimmung in der Stadt danach zu sein. Ob Nachbarn, Passanten, Politiker: Es ist eine interessierte Neugier zu spüren, wenn es um den Grünen geht. Obwohl – oder auch weil – er verspricht, die Innenstadt langfristig autofrei zu machen. 

Zwar ist Onay weder erster Oberbürgermeister noch erster Regent einer Landeshauptstadt seiner in Partei. Insbesondere im vom Grünen Winfried Kretschmann regierten Baden-Württemberg hat Onay Kollegen: In Stuttgart waltet Fritz Kuhn, von Tübingen aus geht der schillernde Boris Palmer seiner Partei auf die Nerven. 

Doch was im Südwesten Polit-Alltag geworden ist, ist im Nordwesten neu. Und es deutet einiges darauf hin, dass die Wahl kein Ausrutscher war. Zwar haben lokale Besonderheiten das Ergebnis bestimmt: Viele Menschen an der Leine hatten nach einer zähen Zulagenaffäre im Rathaus die Nase voll vom SPD-Klüngel und sahen im jungen und besonnen wirkenden Onay einen Neuaufbruch. Und Onays Mitbewerber Scholz kommt aus Braunschweig. Mit der Stadt pflegt Hannover eine langjährige Lokalrivalität. 

Fans schwärmen vom Leine-Obama 

Doch da ist mehr: Im Juni luchste die Grüne Anna Kebschull der CDU den Landratsposten im Osnabrücker Land ab. Umfragen sehen die Partei derzeit auf Augenhöhe mit den bisher in Niedersachsen dominierenden Parteien SPD und CDU. 

Und so stellen sich ganz neue Fragen: Sollen die Grünen – traditionell Mehrheitsbeschaffer der SPD – zur Wahl 2022 einen eigenen Ministerpräsidentenkandidaten aufstellen? Ist ein norddeutscher Kretschmann möglich?

Ein Name wird bereits gehandelt: Belit Onay. Fans schwärmen angesichts des groß gewachsenen, sportlichen Mannes mit kurzen Haaren und schöner Frau schon vom „Obama an der Leine“. Und Reporter haben ihn bereits gefragt, ob er SPD-Regierungschef Stephan Weil – selbst mal OB von Hannover – herausfordern will. Doch Onay winkt ab: Es gehe ihm darum, in Hannover zu regieren. 


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