Grüne setzen sich in SPD-Hochburg gegen CDU durch Grüner Onay wird Oberbürgermeister in Hannover

Belit Onay freut sich mit seiner Frau Derya und Unterstützern nach Bekanntgabe der Wahlergebnisse.  Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpaBelit Onay freut sich mit seiner Frau Derya und Unterstützern nach Bekanntgabe der Wahlergebnisse. Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpa

Hannover. Hannover bekommt einen grünen Oberbürgermeister. In der Stichwahl setzte sich Belit Onay gegen den CDU-Kandidaten Eckhard Scholz durch.

Um kurz vor 19 Uhr steigt Grünen-Bundeschef Robert Habeck auf einen Stuhl im Hannoveraner Rathaus und heizt der Menge ein. Bei den Grünen gibt es dann kein Halten mehr: Unter „Belit! Belit! Belit!“-Rufen steigt der Gewinner des Abends auf einen Stuhl neben Habeck. Belit Onay bedankt sich zuerst auf deutsch bei seinem Team. Dann auf türkisch mit den Tränen naher Stimme bei Frau Derya. „Ok, ich höre jetzt auf“, sagt der 38-jährige Jurist mit den graumelierten Haaren und Siebentagebart und steigt vom Stuhl. 

Doch eigentlich fängt Onay jetzt erst an: Der 1,91 Meter große Landtagsabgeordnete der Grünen wird Hannovers neuer Oberbürgermeister. Erstmals seit 73 Jahren regiert damit kein SPD-Mann mehr die Stadt. Und erstmals geht eine der ganz großen Städte des Landes an die Grünen. Die Agenda Onays: Mehr bezahlbaren Wohnraum, mehr sozialer Zusammenhalt – und bis 2030 eine autofreie Innenstadt.

Der aus Goslar stammende Sohn türkischer Gastarbeiter setzte sich in der Stichwahl mit 52,9 Prozent gegen den CDU-Kandidaten Eckhard Scholz (47,1 Prozent). Bei der Auszählung liegt zunächst sogar der frühere VW-Manager Scholz vorne, da er die weniger einwohnerstarken Außenbereiche Hannovers gewinnt, die schneller ausgezählt sind. Doch im Stadtzentrum hat Onay die Nase vorn. Um 18:24 Uhr zieht Onay bei der Auszählung kurz an Scholz vorbei. „Das ist der Trend“, sagt Landtagsfraktionschefin Anja Piel. Und behält recht.

Eigentlich wollten die Grünen eine Frau

Dabei sollte Onay eigentlich gar nicht erst kandidieren. Ursprünglich wollten die Grünen eine Frau gegen die beiden Kandidaten von SPD und CDU ins Rennen schicken. Doch einen weiblichen Hochkaräter fand die Partei nicht. Und so kamen die Grünen im Juni auf den bis dato eher unbekannten Landtagsabgeordneten Belit Onay. Und auch der brauchte erstmal Bedenkzeit. Denn seine Frau Derya und sind Eltern eines kleinen Sohnes geworden. Und Nerven zehrender OB-Wahlkampf und junge Familie passen nicht sonderlich gut zusammen. Denn auch wenn der Wahlkampf von den Kandidaten als sehr fair und von vielen Journalisten als langweilig empfunden wurde, war er doch anstrengend: Onay machte sich bekannt, absolvierte Podiumsdiskussionen, besuchte Wochenmärkte, sprach kurz vor Mitternacht Nachtschwärmer auf dem Raschplatz hinter dem Bahnhof an – und verlor vier Kilo. 

Erster türkisch stämmiger Oberbürgermeister

Nun wird Onay am 28. November zum neuen Stadtoberhaupt. Er ist der erste türkisch stämmige Chef einer Großstadt in Deutschland. Und nach Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn der zweite Grüne, der eine deutsche Landeshauptstadt regieren wird. Für Bundeschef Robert Habeck ist die Wahl Onays ein großes Zeichen für die Debattenkultur in Deutschland. Hannover habe in Zeiten von Ausgrenzung gezeigt, dass es der Mehrheitsgesellschaft wurscht sei, wie man heiße oder spricht. Zudem zeige die „Perlenkette“ lokaler Wahlsiege, dass die Grünen eine stabile Basis hätten und das „Gerede von Hype und Höhenflug“ der Partei an der Sache vorbeigehe. 

Noch während Habeck spricht, gehen Vertreter von FDP und CDU im Stadtrat auf Onay zu. Der Oberbürgermeister braucht Vertrauen und Mehrheiten im Rat. Die Rathausaffäre von Vorgänger Stefan Schostok hat viel politisches Porzellan zerschlagen. Und wie sich vom frühen Aus ihres Kandidaten traumatisierte hannoversche SPD neu aufstellt, ist offen.  

Für die Landespartei ist der Hannover-Wahlsieg die zweite Sensation des Jahres. Im Juni wurde Anna Kebschull im Landkreis Osnabrück Deutschlands erste grüne Landrätin. Onay dürfte am 28. November im Rat vereidigt werden. Im Landtag wird die ehemalige Oldenburger Abgeordnete Susanne Menge für den ausscheidenden Innenpolitiker nachrücken.


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