Stichwahl am Sonntag Bekommt Hannover einen grünen Oberbürgermeister?

Von dpa

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Hannover. Bei der Oberbürgermeisterwahl in Hannover lagen im ersten Wahlgang die Kandidaten von Grünen und CDU gleichauf. Nun entscheidet am Sonntag eine Stichwahl, wer nach mehr als 70 Jahren SPD-Vormacht im Rathaus das Ruder übernimmt. Gibt es einen Favoriten?

Nach der historischen Schlappe der SPD im Rennen um das Oberbürgermeisteramt in Hannover entscheidet am Sonntag eine Stichwahl darüber, ob ein Grüner oder der CDU-Kandidat ins Rathaus einzieht. Im ersten Wahlgang hatten der Grünen-Kandidat Belit Onay und der CDU-Bewerber Eckhard Scholz mit jeweils 32,2 Prozent vorne gelegen, während der Sozialdemokrat Marc Hansmann mit 23,5 Prozent die Stichwahl verpasste. Fest steht somit bereits, dass die SPD erstmals seit mehr als 70 Jahren in Hannover nicht mehr den Oberbürgermeister stellt. Eine Umfrage sieht Onay vorne, womit nach Stuttgart eine zweite Landeshauptstadt einen grünen Rathauschef bekommen könnte.

Ein ausgemachtes Rennen ist die Stichwahl nicht. Zwar wollten bei einer Umfrage 56 Prozent für den grünen Landtagsabgeordneten Onay stimmen und für den parteilosen Ex-VW-Vorstand Scholz, der für die CDU antritt, nur 44 Prozent. Bei der Umfrage aber blieben Unentschlossene außen vor. Eine Rolle dürfte auch die Wahlbeteiligung spielen. Im ersten Durchgang lag sie bei 46,5 Prozent. Als „eine Entscheidungshilfe" empfahl die SPD, nun Onay zu wählen, mit dem sich im Stadtrat die Arbeit der Koalition aus SPD, Grünen und FDP fortsetzen ließe. Welchen der beiden Kandidaten die SPD-Wähler des ersten Wahlgangs nun tatsächlich unterstützen, ist aber offen.

Auslöser der vorzeitigen Oberbürgermeisterwahl war die Rathausaffäre um unzulässige Gehaltszuschüsse für Spitzenbeamte, die den bisherigen OB Stefan Schostok (SPD) nach einer Untreueanklage zum Rücktritt zwang. Thematisiert wurde die Affäre im Wahlkampf kaum - Wohnen, Bildung, der soziale Zusammenhalt sowie Klima und Verkehr standen im Zentrum. Kontrovers wurden vor allem die Verkehrspolitik und eine Einschränkung des Autoverkehrs diskutiert. Onay (38) möchte den Kern der Innenstadt bis 2030 autofrei machen, Scholz (56) setzt auf eine Förderung des Radverkehrs ohne radikale Schritte. Nach einer Umfrage sind 43 Prozent der Einwohner für eine autofreie City, 54 Prozent dagegen.

Bei einem Sieg von Onay wäre Hannover nach Freiburg, Darmstadt und Stuttgart die vierte Großstadt, in der ein Grüner zum Oberbürgermeister aufrückt. Hannover wäre in dem Fall wohl auch die erste Landeshauptstadt mit einem Oberbürgermeister mit erkennbarem Migrationshintergrund, Onay wurde als Kind türkischer Zuwanderer in Goslar geboren. Knapp ein Drittel der Einwohner von Hannover (31,8 Prozent) hatte 2018 einen Migrationshintergrund, bei den Unter-18-Jährigen waren Kinder und Jugendliche mit ausländischen Wurzeln Ende 2018 nach der städtischen Statistik erstmals in der Mehrheit (50,1 Prozent) gegenüber jungen Deutschen ohne Migrationshintergrund.

Auch die Landespolitik hält die OB-Wahl in Atem. Der Verlust des OB-Postens in der Landeshauptstadt, den seit 1946 durchgängig ein SPD-Mann besetzte, ist ein herber Schlag für die Sozialdemokraten. Vor allem, da der Landesvorsitzende und Ministerpräsident Stephan Weil bis 2013 selbst das OB-Amt in der Stadt innehatte. Als Konsequenz aus dem Debakel sortiert sich auch die Führung des Stadtverbandes neu. Für die CDU wäre ein Sieg in Hannover ein Stimmungsaufheller, nachdem ihr bei der Landtagswahl 2017 der Sieg verwehrt blieb und sie in einer großen Koalition mit der SPD landete.

Groß im Aufwind sehen sich indes die vor zwei Jahren auf die Oppositionsbank des Landtags verbannten Grünen. Schon bei der Europawahl im Mai kamen sie in etlichen Großstädten in Niedersachsen auf Platz eins. Nun könnte der Höhenflug der Partei im Zuge der Klimakrise und der vielerorts diskutierten Verkehrswende das Spitzenamt in der Landeshauptstadt bescheren. 


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