Bleibt der Atommüll in Niedersachsen? Atomkraft-Gegner zweifeln an Endlagersuche

Die Atomkraftgegner Jochen Stay (links) und Wolfgang Ehmke kritisieren die Endlagersuche. Foto: Sina Schuldt/dpaDie Atomkraftgegner Jochen Stay (links) und Wolfgang Ehmke kritisieren die Endlagersuche. Foto: Sina Schuldt/dpa

Hannover. Ist die Suche nach einem Atommüll-Endlager transparent und offen? Kritiker sagen: nein. Für Niedersachsen hat die Kritik Gewicht: Hier gelten viele Regionen als geeignet.

Das Misstrauen ist zurück bei den Atomkraftgegnern. Die Vermutung, dass Politik und Behörden die Sache steuern und die Bevölkerung hintergehen. „Wir haben schon die Befürchtung, dass da wieder getrickst wird“, sagt Wolfgang Ehmke von der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg über die Suche nach einem Atommüll-Endlager in Deutschland. Seit Ende der 1970er Jahre kämpften die Wendländer an der Ostgrenze Niedersachsens gegen das zunächst geplante Endlager in Gorleben. Der Anti-Atom-Protest veränderte das Wendland und Deutschland und gehört zu Gründungs-DNA der Grünen.

Diesmal soll alles anders werden: Seit 2017 sucht der Bund in Deutschland nach einem Gorleben-Ersatz. Ein transparenter Prozess mit Bürgerbeteiligung soll bis 2031 zum besten Standort führen. Gestartet werden sollte mit einer „weißen Landkarte“, die grundsätzlich erst einmal ganz Deutschland umfasst. Im Herbst kommenden Jahres sollen erste möglichen Regionen benannt werden. Dass da etwas Großes auf Deutschland zukommt, zeigt eine Stellenanzeige des Bundesamt für kerntechnische Entsorgungssicherheit (BfE): Die Behörde sucht gerade mindestens 17 Öffentlichkeitsarbeiter.

Zweifel am „Feuerwerk der Partizipation“

Die einstigen Anti-Atomkraft-Aktivisten betonen, dass sie eine transparente Suche wollen. Der Atommüll sei nun mal da, sagt Jochen Stay vom Verein „Ausgestrahlt“. Doch er und Ehmke glauben nicht mehr recht an einen unvoreingenommenen Prozess: Die „weiße Landkarte“ sei nicht weiß, da einige Regionen mangels geologischer Forschung heraus fielen, andere Daten geheim blieben und sich die Suche auf die Tiefenlagerung beschränke. Und auch die Bürgerbeteiligung, das versprochene „Feuerwerk der Partizipation“, sei Makulatur, da Anhörung nicht Mitsprache heiße und am Ende der Bundestag entscheide. 

Deshalb laden die Aktivisten für diesen Samstag zur alternativen Statuskonferenz nach Hannover ein. Die offizielle ist ab dem kommenden Donnerstag in Berlin, aber unter der Woche habe ja kein normaler Bürger Zeit, sagt Stay. Hannover deshalb, weil nach bisherigen Erkenntnissen wohl die meisten geeigneten Gesteinsformationen unter Niedersachsen liegen. Als geeignet gilt ein breites Band aus Tongestein, welches sich von der Grafschaft Bentheim bis ins Wendland erstreckt: Es umfasst unter anderem das südliche Emsland, Teile Westfalens wie die Regionen um Rheine und Minden, das Gros des Osnabrücker Landes samt Osnabrück sowie den Süden der Kreise Vechta und Diepholz. Auf einer Karte von „Ausgestrahlt“ tauchen auch mehrere Salzstöcke als mögliche Standorte auf – unter anderem Wahn oder Baccum im Emsland und Bersenbrück im Osnabrücker Land.

Bundesamt sieht sich auf gutem Weg

Das BfE sieht sich hingegen auf gutem Wege. Zum Abschluss einer großen Erklärtour durch die Bundesländer spricht Behördenchef Wolfram König von „vielen offenen und lösungsorientierten Diskussionen. Ziel des Amtes sei, „mit zielgruppenspezifischen Angeboten eine Informationsbasis für den weiteren Verlauf der Suche zu schaffen“, so König. „Informationen sind eine zentrale Voraussetzung dafür, dass sich die Bürgerinnen und Bürger in die Endlagersuche einbringen und das Verfahren mitgestalten können“, erklärt er. 

Welcher Ort es am Ende werden könnte, lässt das BfE offen. Die Aktivisten halten es für möglich, dass es doch wieder Niedersachsen trifft. Und auch, dass die Wahl am Ende wieder auf Gorleben fällt. „Wenn das Verfahren glaubwürdig sein soll, dann müsste Gorleben 2020 rausfallen“, sagt Ehmke. Doch vielleicht werde ja getrickst.


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