Stichwahl zwischen Belit Onay und Ecki Scholz Grüne deklassieren SPD in Hannovers OB-Wahlkampf

War bis Samstagabend kurz vor Mitternacht im Wahlkampf-Einsatz: Belit Onay (hier bei der Fridays-for-Future-Demonstration am 25. Oktober in Hannover). Foto: Julian Stratenschulte/dpaWar bis Samstagabend kurz vor Mitternacht im Wahlkampf-Einsatz: Belit Onay (hier bei der Fridays-for-Future-Demonstration am 25. Oktober in Hannover). Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Hannover. Schwere Niederlage für die SPD in ihrer Hochburg Hannover. Bei der Wahl zum Oberbürgermeister schafft es ihr Bewerber nicht in die Stichwahl. Die Grünen räumen dagegen ab.

Am Sonntagabend um 18:51 Uhr kennt der Jubel im Raum Leipzig des Neuen Rathauses in Hannover keine Grenzen mehr: „Belit! Belit! Belit!“ skandieren die Grünen. Kurz zuvor hat der Balken ihres Kandidaten die Marke von 32,2 Prozent erreicht. Damit liegt Belit Onay nach Auszählung von 386 der 469 Wahlbezirke erstmals an diesem Abend knapp vor dem CDU-gestützten Mitbewerber Eckhard Scholz. Und sehr deutlich vor dem SPD-Kandidaten Marc Hansmann, der noch auf 23,8 Prozent kommt. Die anderen sieben Kandidaten spielen in dem Dreikampf keine Rolle mehr.

Seit kurz nach 18 Uhr klettert der Balken Onays von ausgezähltem Wahlbezirk zu Wahlbezirk langsam aber stetig weiter. „Filiz, das läuft!“, ruft Fraktionschefin Anja Piel der Bramscher Bundestagsabgeordneten Filiz Polat zu. Als Polat noch im Landtag saß, war der junge Onay ihr Mitarbeiter. Inzwischen sitzt er selbst im Landtag – und könnte eine Sensation schaffen: Gewinnt er die Stichwahl, wäre Onay der zweite Grüne, der eine Landeshauptstadt regiert – und der erste mit Migrationshintergrund.

Vor allem in Teilen der Innenstadt und dem alternativen Stadtteil Linden liegt der gebürtige Goslarer weit vorne. Und während der 38-jährige Sohn türkischer Gastarbeiter die Ruhe selbst zu sein scheint, werden die Parteifreunde mit jedem Wahlbezirk aufgekratzter. Als klar ist, dass diese Wahl gewonnen ist, lächelt Onay, herzt seine Frau und sagt Journalisten, dass es „jetzt in die Vollen geht“. Am 10. November ist Stichwahl, dann müssen sich die Hannoveraner zwischen Scholz und Onay entscheiden. 

„Fällt Hannover, fällt die SPD“

Was die SPD dann machen oder ob sie eine Wahlempfehlung geben wird, ist an diesem Abend völlig offen. Am Montag soll der Parteivorstand tagen. Es dürfte ein Scherbengericht werden, denn selbst die Wahl war schon das Ergebnis einer Krise: Der vorherige SPD-Oberbürgermeister Stefan Schostok war nach einer monatelangen und unglücklichen Rathausaffäre vom Amt zurückgetreten. 

Gegenüber von den Grünen sitzen die Genossen am Sonntagabend und sehen bestürzt zu, wie der Balken von Hansmann immer kürzer wird. Am Anfang sind es noch 28 Prozent, am Ende verharrt er bei 23,5 Prozent. Abgeschlagen hinter Scholz und Onay, die mit jeweils 32,2 Prozent gleichauf liegen. Während die beiden jeweils knapp 60 000 Wähler überzeugen konnten, waren es bei Hansmann nur knapp 43 500. Es ist eine Bankrotterklärung in einer Stadt, die seit dem Zweiten Weltkrieg ununterbrochen fest in SPD-Hand war und als Bastion der Partei gilt. „Fällt Hannover, fällt die SPD“, unken einige Lokalpolitiker auf der Treppe des Neuen Rathauses. 

Es ist ein Spruch, der seit Tagen in der Stadt kursiert, und der nun hochbrisant wird. Das schwache Abschneiden von Innenminister Boris Pistorius beim SPD-Mitgliederentscheid, die Wahl in Thüringen – das alles kann die Landes-SPD noch von sich wegschieben. Das Desaster von Hannover trifft sie hingegen ins Herz, zumal auch der jetzige Ministerpräsident und frühere Oberbürgermeister Stephan Weil hier seine Machtbasis hat. „Jetzt liegen die Verhältnisse so, wie sie sind“, sagt der am Abend im NDR. 


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