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Auch bei anderen Behörden Notfallpläne für Atomunfälle auf altem Stand: Fukushima-Erkenntnisse im Emsland unberücksichtigt

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Osnabrück. Für den Fall, dass es im Atomkraftwerk bei Lingen zur Katastrophe kommt, hat der Landkreis Emsland einen Plan . Neu aufgesetzt, liegt er jetzt im Kreishaus aus. Grundlage sind derzeit gültige Rahmenempfehlungen. Neue Erkenntnisse nach der Atomkatastrophe von Fukushima sind darin nicht eingeflossen. Dabei sagen Experten: Der Katastrophenschutz in seiner jetzigen Form reicht bei einem GAU wie in Japan nicht aus.

Zwei dicke rote Ordner. Etwa 350 Seiten stark. Wer wird von wem angerufen, wenn in Lingen Radioaktivität austritt? Wer bekommt Jodtabletten? Welche Gebiete müssen evakuiert werden? Wohin mit den Menschen? Fragen über Fragen für den Fall der Fälle, die alle in dem Plan beantwortet werden, der derzeit beim Landkreis für Stellungnahmen und Einwände öffentlich ausliegt.

Bestandteil des Plans sind auch Überblickskarten, auf denen die Region in Zonen unterteilt wird. In einem Zehn-Kilometer-Radius um das Kraftwerk, der sogenannten Mittelzone, geht die Verwaltung im Falle eines Austritts von Radioaktivität von einer teilweisen Evakuierung aus. Das betrifft rund 73000 Menschen in den Landkreisen Emsland und Grafschaft Bentheim. Bis das Unglück unter Kontrolle ist, würden die Betroffenen auch in den Nachbarkreisen Steinfurt und Osnabrück untergebracht. So steht es im Plan. Florian Gering vom Bundesamt für Strahlenschutz aber sagt: Für einige Unfallszenarien greifen die Zonenunterteilungen zu kurz. Er arbeitet in der Abteilung Notfallschutz und ist Mitautor einer Studie, die im April für ziemlich viel Wirbel sorgte.

Die Experten des Bundesamtes hatten Menge und Austrittszeit der Radioaktivität in Fukushima auf Deutschland übertragen und anhand der Atomkraftwerke Unterweser und Philippsburg verschiedene Ereignisse und ihre Auswirkungen durchgespielt. „Unsere Schlussfolgerung: Für einige Szenarien wären weitreichendere Notfallplanungen nötig.“

Das gilt auch für das Atomkraftwerk im Emsland, denn Gering sagt: „Unter Vorbehalt wären unsere Berechnungen für jeden Standort in Deutschland denkbar.“ Im Zweifelsfall könnte das beispielsweise für unsere Region heißen: Bei lang anhaltendem Strahlenaustritt und ungünstigen Windverhältnissen wäre eine Evakuierung bis weit in den Landkreis Osnabrück erforderlich, um die Menschen vor der unsichtbaren Gefahr zu schützen.

In der Meppener Kreisverwaltung, als untere Katastrophenschutzbehörde für das Atomkraftwerk Emsland zuständig, kennt man die Studie , hat die Ergebnisse für den neuen Notfallplan aber dennoch nicht berücksichtigt. Orientiert hätten sich die Beamten an den gleichsam gültigen wie verbindlichen Rahmenempfehlungen des Bundesumweltministeriums, heißt es auf Nachfrage. Das Problem: Diese Empfehlungen sindvier Jahre alt und stammen aus einer Zeit, in der niemand eine Katastrophe vom Ausmaß Fukushimas für möglich hielt.

Die Richtlinien schreiben unter anderem die Planungszonen vor, die der Landkreis zur Grundlage nimmt. Die Verwaltung verweist auf die Strahlenschutzkommission . Die regelt die Rahmenrichtlinien, derer sich die unteren Katastrophenschutzbehörden in Niedersachsen bedienen. Sollten sich die Richtlinien ändern, heißt es aus dem Kreishaus in Meppen, würden die Pläne für das AKW bei Lingen angepasst.

2013 soll es so weit sein. Seit vergangenem Jahr wird an einer Aktualisierung gearbeitet. Auch die Ergebnisse der Studie des Bundesamtes sollen einfließen. So lange wird der Katastrophenschutz im Emsland nicht auf dem neuesten Stand sein. Genauso wie etwa in Philippsburg oder beim Atomkraftwerk Grohnde (90 Autominuten bis Osnabrück). Auch hier orientieren sich die Katastrophenschützer an den alten Vorgaben.

Nach Kritik von Umweltschutzverbänden und Bürgerinitiativen hat der Landkreis den Auslegezeitraum für den Katastrophenschutz-Sonderplan bis zum 7. September verlängert. So lange stehen die zwei dicken roten Ordner im Kreishaus zur Einsicht. Stellungnahmen können abgegeben werden. Zudem hat die Verwaltung das Dokument auch auf der Internetseite des Landkreises veröffentlicht.


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