Kultusminister erwartet bessere Unterrichtsversorgung Tonne will Schulen mit "Lockerungsübungen" voranbringen

Niedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD). Foto: Julian Stratenschulte/dpaNiedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD). Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Hannover. Grant Hendrik Tonne hat als Kultusminister den wohl undankbarsten Posten im Landeskabinett. Doch bisher schlägt er sich wacker – trotz mannigfaltiger Probleme.

Der Fühlsack ist dann selbst dem Kultusminister zu viel. Als die Schule Grant Hendrik Tonne vorschlägt, er solle blind in das Säckchen greifen und Gegenstände erraten, lehnt der gebürtige Ostwestfale ab. Es gibt Grenzen. Selbst für den 43-jährigen Chef des Ressorts, das als Undankbarstes der Landespolitik gilt und der einiges gewöhnt ist. Dass sich mit Schulpolitik Wahlen verlieren, aber nicht gewinnen lassen, gehört zu den  politischen Standardweisheiten. Denn jeder Erfolg ist für die Verbände und die Opposition eigentlich immer zu wenig. Und so erwartet Tonne auch kein überschwängliches Lob. "Er hat seinen Job ordentlich gemacht", sollten die Leute nach seiner Amtszeit sagen, erklärte Tonne kürzlich. "Das ist für einen Kultusminister das, was man rausholen kann". 

Unterrichtsquote steigt langsam

Dabei hat der passionierte Läufer in seiner knapp zweijährigen Amtszeit rein rechnerisch viel herausgeholt: Er verantwortet den mit mehr als 7 Milliarden Euro größten Einzeletat des Landes. Jeder fünfte Euro des Haushalts fließt ins Kultusressort. Und seit Amtsantritt der rot-schwarzen Groko im Herbst 2017 hat der Etat um 21 Prozent zugelegt: Inklusion, Ganztagsausbau, Lohnerhöhungen und die gebührenfreien Kindergärten gehen ins Geld. 

Auf der Dauerbaustelle Unterrichtsversorgung sieht der Minister Besserung. Am Montagabend verkündete Tonne, dass Niedersachsen für das laufende Schuljahr 1789 von 1900 ausgeschriebenen Lehrerstellen besetzt hat. Damit fangen mehr neue Lehrer an, als alte in Pension gehen. "Vor dem Hintergrund des allgemeinen Lehrkräftemangels ist dieses Ergebnis sehr respektabel", sagt der Minister. Die Unterrichtsversorgung könnte von 99,4 Prozent im Jahr 2018 dieses Jahr auf "knapp unter 100 Prozent im Durchschnitt" steigen, sagt Tonne. "Der Pfeil zeigt in die richtige Richtung", ergänzt er. 

Lehrer fordern bessere Besoldung

Doch gut ist die Lage nicht, räumt auch der vierfache Vater Tonne ein. Denn mit dem Etat steigen die Bedarfe, trotz noch rückläufiger Schülerzahlen. Vor allem die Inklusion, also der gemeinsame Unterricht behinderter und nicht-behinderter Schüler, ist aufwändig. Im vergangenen Schuljahr sorgte Inklusion für 107 000 Zusatzstunden. 

Doch das Personal reicht nicht: Insbesondere an Haupt-, Real- und Grundschulen fehlen Lehrer, zumal Einsteiger mit der Besoldung A12 weit weniger verdienen als ihre A13-Kollegen am Gymnasium. Zwar legt das Land ab kommenden August 97,27 Euro auf das A12-Monatsgehalt drauf. Doch das reicht den Kritikern nicht. Eine Petition für A13 sammelte kürzlich mehr als 31 500 Unterschriften ein. "Wir warten seit 2018 auf einen verbindlichen Stufenplan zur Angleichung auf A13", kritisiert die Bildungsgewerkschaft GEW. Ihr reichen auch die 1900 ausgeschriebenen Stellen nicht. 2500 seien nötig. 

Auch im frühkindlichen Bereich wachsen die Ansprüche: Viele Kommunen kommen seit Einführung der Gebührenfreiheit für Kindergärten mit dem Bauen und Einstellen nicht hinterher. 

Vorgängerin hatte es schwerer

Das hört sich schlimm an, doch Tonne hat es weit besser als Vorgängerin Frauke Heiligenstadt. Der hatte ein Gericht die Planung zur Lehrerarbeitszeit zerhauen. Zudem nahm die CDU-Opposition die zunehmend unglücklich wirkende Ministerin unter Dauerfeuer. In der Großen Koalition sitzt die CDU nun mit in der Regierung und ist entsprechend handzahm. Grundsatzdebatten um den gemeinsamen Unterricht unterschiedlich begabter Kinder oder die Grenzen der Inklusion haben SPD und CDU auf Eis gelegt. Und die Kleinopposition aus Grünen, FDP und AfD schafft es bisher nicht, den Minister zu treiben. 

Das liegt auch an Tonnes Art: Gleich zu Amtsantritt hat er das Gespräch mit den Interessensverbänden und zu Grünen und FDP gesucht und pragmatische Lösungen in Aussicht gestellt. "Lockerungsübungen" nennt Tonne es, wenn Schulen und das Ministerium neue Modelle ausprobieren oder Gewohntes abschaffen. Dabei kann er auch zupacken, wie die Zerschlagung der Landesschulbehörde zeigt. 

Dabei hilft Tonne auch die Erfahrung der vorherigen Wahlperiode. Da musste Tonne als Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Fraktion die wacklige rot-grüne Ein-Stimmen-Mehrheit im Landtag zusammenhalten. Nach der Landtagswahl sah es kurzfristig düster aus für ihn: Der Politiker aus dem Wahlkreis Nienburg/Weser war zuvor zweimal über die Landesliste ins Parlament eingezogen. Doch 2017 holte die SPD so viele Direktmandate, dass die Listenkandidaten leer ausgehen. Tonne war seinen Job los – und wurde kurz darauf von Ministerpräsident Stephan Weil ins Kabinett berufen. 


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