zuletzt aktualisiert vor

Am Klinikum Oldenburg Fünf ehemalige Vorgesetzte von Serienmörder Niels Högel angeklagt

Die Staatsanwaltschaft hat fünf ehemalige Vorgesetzte von Niels Högel angeklagt. Foto: dpaDie Staatsanwaltschaft hat fünf ehemalige Vorgesetzte von Niels Högel angeklagt. Foto: dpa

Oldenburg. Wegen Totschlags durch Unterlassen hat die Staatsanwaltschaft Oldenburg fünf ehemalige Vorgesetzte des Patientenmörders Niels Högel am Klinikum Oldenburg angeklagt.

Wie die Staatsanwaltschaft Oldenburg am Donnerstagmorgen mitteilt, sind der ehemalige Geschäftsführer des Klinikums, die ehemalige Pflegedirektorin des Klinikums, der ehemalige Chefarzt und Leiter der kardiochirurgischen Intensivstation, sowie der Pflegedienstleiter dieser Station und der Chefarzt und Leiter der Anästhesieabteilung angeklagt worden. 

Totschlag durch Unterlassen in mehreren Fällen vorgeworfen

Dem ehemaligen Chefarzt und Leiter der kardiochirurgischen Intensivstation sowie dem Pflegedienstleiter der Station werden mit der Anklage jeweils Totschlag durch Unterlassen in drei Fällen vorgeworfen. Dem ehemaligen Geschäftsführer des Klinikums und der ehemaligen Pflegedirektorin wirft die Anklage jeweils Totschlag durch Unterlassen in 63 Fällen vor und dem Chefarzt und Leiter der Anästhesieabteilung werden 60 Fälle des Totschlags durch Unterlassen zur Last gelegt. 

Kollegen sollen von Högel ausgehende Gefahr erkannt haben

Die Anklage geht laut Mitteilung der Staatsanwaltschaft davon aus, dass vier der Angeschuldigten – nämlich der ehemalige Geschäftsführer, die ehemalige Pflegedirektorin, der ehemalige Chefarzt und Leiter der kardiochirurgischen Intensivstation, sowie der Pflegedienstleiter dieser Station - spätestens ab Ende Oktober 2001 die von Niels Högel ausgehende Gefahr erkannt hatten. Zu diesem Zeitpunkt soll eine intern erstellte Liste vorgelegen haben, aus der sich eine überproportionale Häufigkeit der Anwesenheit des Pflegers bei Todesfällen nach Reanimationen ergeben haben soll. In der Folge soll es dann zu mehreren Besprechungen gekommen sein, bei denen unter anderem auch das Einschalten der Strafverfolgungsbehörden thematisiert und im Ergebnis verworfen worden sei. 

Sorge um das eigene Ansehen

Aus Sorge um ihre persönliche Reputation, die Reputation der kardiochirurgischen Intensivstation und des Klinikums Oldenburg insgesamt, das in der Zeit durch einen Hygieneskandal mit mehreren Todesfällen in der Radiologie negativ in die Schlagzeilen geraten war, sollen die Angeschuldigten jedoch untätig geblieben sein.

So kam es in der Zeit vom 17. bis 26. November 2001 auf der kardiochirurgischen Intensivstation zu drei Morden durch Niels Högel, die die Angeschuldigten nicht verhindert haben sollen, obwohl sie solche Taten für möglich gehalten haben sollen und obwohl sie aufgrund ihrer jeweiligen Funktion im Klinikum Oldenburg dazu verpflichtet gewesen wären, das Leben dieser Patienten zu schützen. 

Auffälligkeiten auch auf anderer Station

Laut Anklage setzten sich der ehemalige Chefarzt der kardiochirurgischen Intensivstation und sein Pflegedienstleiter unter Einbindung der Klinikleitung vielmehr dafür ein, dass Högel lediglich auf eine andere Station versetzt wurde. Aber auch auf der Anästhesiestation kam es nach der Anklage in der Folge zu Auffälligkeiten. Daraufhin sollen der Chefarzt dieser Station – der spätestens von diesem Zeitpunkt an ebenfalls die von dem Pfleger ausgehende Gefahr für die Patienten erkannt haben soll - die ehemalige Pflegedirektorin und der ehemalige Geschäftsführer des Klinikums dafür gesorgt haben, dass Högel zunächst bei Weiterzahlung seiner Bezüge für drei Monate freigestellt wurde und schließlich das Klinikum mit einem sehr guten Zeugnis verlassen konnte. 

Tödliche Gefahr nach Delmenhorst verlagert

Durch das falsche Zeugnis sollen die Angeschuldigten die tödliche Gefahr, die der Krankenpfleger bei seiner Tätigkeit für die ihm anvertrauten hilflosen Patienten bedeutete, verschleiert haben und es ihm auf diese Weise ermöglicht haben, eine Anstellung am Klinikum Delmenhorst zu bekommen. 

Die Anklage kommt daher dazu, dass die drei Angeschuldigten auch für die weiteren 60 Morde beziehungsweise Mordversuche Högels am Klinikum Delmenhorst in der Zeit vom 15. Dezember 2002 bis zum 24. Juni 2005 wegen Totschlags durch Unterlassen verantwortlich sind. 

Über Eröffnung des Hauptverfahrens noch nicht entschieden

Das Landgericht Oldenburg hat über die Eröffnung des Hauptverfahrens noch nicht entschieden. Für den Tatbestand des Totschlags durch Unterlassen sieht das Strafgesetzbuch eine Freiheitsstrafe von mindestens fünf und von höchstens 15 Jahren vor.

Högel war Anfang Juni vom Landgericht Oldenburg wegen Mordes in 85 Fällen verurteilt worden. In 15 Fällen wurde der 42-Jährige aus Mangel an Beweisen freigesprochen. In einer bundesweit einmaligen Mordserie zwischen 2000 und 2005 hatte er Patienten auf Intensivstationen in Oldenburg und Delmenhorst umgebracht. 

Der Patientenmörder hält an der Revision gegen das Urteil aus dem Juni fest. Solange die Revision läuft, ist das Urteil gegen ihn nicht rechtskräftig, und er kann auch nicht als Zeuge in anderen Prozessen zu seinem Fall aussagen.

Weiterlesen: Wie das Oldenburgische Staatstheater die Högel-Mordserie aufgreift


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN