Nach dem Missbrauchsfall Lügde Überraschungsbesuche des Jugendamts bei Familien gefordert

Ein Campingplatz in Lügde soll Schauplatz eines massenhaften Kindesmissbrauchs gewesen sein.  Foto: dpa/Christian MathiesenEin Campingplatz in Lügde soll Schauplatz eines massenhaften Kindesmissbrauchs gewesen sein. Foto: dpa/Christian Mathiesen
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Hannover. Nach dem Missbrauchsfall in Lügde hat die Diskussion um mehr Kinderschutz in Niedersachsen Fahrt aufgenommen. Eine Initiative plädiert für Überraschungsbesuche des Jugendamts.

In der Debatte um mehr Kinderschutz in Niedersachsen spricht sich die Initiative „Für die Kinder von Lügde“ für unangemeldete Besuche des Jugendamts bei allen Haushalten mit Kindern aus. „Wir haben ein kleines Pflegekind. Wie schön wäre es, wenn es mal an der Tür klingeln würde und das Jugendamt stünde vor der Tür?“, fragte Sprecherin Ina Tolksdorf am Donnerstag bei einer Experten-Anhörung im Niedersächsischen Landtag. Das Ehepaar Tolksdorf lebt in Hameln und hat Pflegekinder. Da müsste es „normal sein, dass das Jugendamt zu jeder Tages- und Nachtzeit mal unangemeldet“ vorbeikomme, sagte Ina Tolksdorf. „Warum ist es nicht völlig normal, dass da, wo Kinder sind, nachgeguckt wird?“, fragte sie. Auch sollte nach Polizeieinsätzen wegen häuslicher Gewalt oder Alkoholmissbrauch standardmäßig eine Kindswohlgefährdung in den betroffenen Haushalten geprüft werden. Die Initiative spricht sich überdies für einen unabhängigen Missbrauchsbeauftragten auf Landesebene mit starken Rechten aus. 

Initiative: Hameln ist kein Einzelfall

Anlass der Sitzung ist die politische Aufarbeitung des massenhaften Kindesmissbrauchs auf einem Campingplatz im nordrhein-westfälischen Lügde. Dieser betrifft auch das benachbarte Niedersachsen: Das Jugendamt des niedersächsischen Landkreises Hameln-Pyrmont hatte dem derzeit angeklagten Andreas V. trotz Hinweisen auf sexuelle Übergriffe die Pflegschaft für ein kleines Mädchen übertragen. 

Andreas Tolksdorf hält die Versäumnisse von Hameln für keinen Einzelfall: Die Fehler des dortigen Jugendamts könne man „in jedem Jugendamt auf gleiche Weise unterstellen“, sagte er. Es sei zu vermuten, dass es in Niedersachsen ähnliche Fälle gebe. Laut Polizeilicher Kriminalstatistik wurden 2018 insgesamt 14606 Kinder in Deutschland Opfer sexueller Gewalt. Die Dunkelziffer dürfte weitaus höher liegen. 136 Kinder kamen der Polizei zufolge 2018 in Deutschland gewaltsam zu Tode.

Landkreise: Kein Generalverdacht gegen Jugendämter

Der Hauptgeschäftsführer des niedersächsischen Landkreistages, Hubert Meyer, wies die Vorwürfe Tolksdorfs gegen die Jugendämter zurück: Er sehe kein flächenmäßiges systemisches Versagen der Jugendämter in Niedersachsen, sondern einen Mangel an Controlling in einem einzigen Amt. In Hameln habe es „individuelle Fehler“ gegeben, doch diese hätten auch dazu geführt, dass sich Landkreise und kreisfreie Städte sehr intensiv mit ihren Abläufen auseinandergesetzt hätten. Die Jugendamtsmitarbeiter würden oft im schwierigen sozialen Umfeld arbeiten und hätten einen „Generalverdacht“ nicht verdient. Auch die Forderung nach unangekündigten Jugendamtsbesuchen lehnte Meyer ab: „Es ist mitnichten so, dass sich der Großteil der Familien freuen würde, wenn abends um 21 Uhr das Jugendamt an der Tür klingelt“, sagte er. Gleichwohl sieht Meyer weiteren Abstimmungsbedarf, insbesondere zwischen Behörden. 

Suche nach Rezepten für mehr Kinderschutz

Eigentlich drehte sich die Anhörung um die Idee einer interministeriellen Kinderschutzkommission nach dem Vorbild Baden-Württembergs: Die AfD-Fraktion im niedersächsischen Landtag hatte diese vorgeschlagen. Dass die Struktur des Kinderschutzes nach mehreren Missbrauchsfällen auf den Prüfstand gehört, darüber herrschte am Donnerstag unter den Experten Einigkeit. Wie das geschehen soll, ist allerdings umstritten: Im Gespräch sind neben einer Kommission und einem Missbrauchsbeauftragten auch mehr Kontrolle der Jugendämter durch das Sozialministerium, mehr Schulungen sowie ein lokal verwurzeltes System von Ombudsleuten, an die sich Kinder in Not wenden können. 

Der mutmaßliche Haupttäter V. steht derzeit vor dem Landgericht Detmold. Die Anklage fordert 14 Jahre Gefängnis mit anschließender Sicherungsverwahrung. Das Urteil wird für den kommenden Donnerstag erwartet.


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