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Zu wenige Studienanfänger Darum verschlechtert sich Niedersachsen im Bildungsranking

Von dpa

Niedersachsen zeiht im Vergleich zur Zahl seiner Abiturienten, die ein Studium in einem anderen Bundesland aufnehmen, nur wenige Studienanfänger aus anderen Bundesländern an. Foto: dpa/Swen PförtnerNiedersachsen zeiht im Vergleich zur Zahl seiner Abiturienten, die ein Studium in einem anderen Bundesland aufnehmen, nur wenige Studienanfänger aus anderen Bundesländern an. Foto: dpa/Swen Pförtner

Berlin. Wie gut ist Niedersachsens Bildungssystem? Im Ländervergleich geht es einen Platz nach unten. Bremen hingegen kann sich verbessern.

Sachsen steht im Vergleich der Bundesländer bei der Bildung weiterhin an der Spitze. Das geht aus dem "Bildungsmonitor 2019" der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) vor, der am Donnerstag in Berlin vorgelegt wurde. Der Freistaat hat im jährlichen Länderranking demnach Platz eins behaupten können. Dahinter folgen Bayern und Thüringen. Berlin ist neues Schlusslicht im Bildungsvergleich. Im Vorjahr war es Bremen.

Nach Angaben der INSM schneiden die Letztplatzierten im Ranking Nordrhein-Westfalen, Bremen und Brandenburg "nur marginal besser" ab als Berlin. "Die Schlusslichter setzen die falschen Prioritäten, experimentieren herum, kümmern sich nicht genug um die Schwächsten", kritisierte INSM-Geschäftsführer Hubertus Pellengahr am Donnerstag in Berlin deren Bildungspolitik. Die Länder an der Spitze verfolgten dagegen seit Jahren eine kontinuierliche Bildungsstrategie.

Das Gesamtranking der Bundesländer

Was in Niedersachsen bemängelt wird

Niedersachsen rangiert auf Platz neun. Im Vorjahr hatte es noch für Platz acht gereicht. Deutlichen Handlungsbedarf sehen die Autoren in Niedersachsen bei der Internationalisierung: So hätten 2017 nur 49,7 Prozent der Grundschüler Fremdsprachenunterricht gehabt (Bundesdurchschnitt: 65,7 Prozent). Auch zog Niedersachsen im Vergleich zur Zahl seiner Abiturienten, die ein Studium in einem anderen Bundesland aufnehmen, nur wenige Studienanfänger aus anderen Bundesländern an.

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Im Bereich der frühkindlichen Bildung lag der Anteil der drei- bis sechsjährigen Kinder mit einem Ganztags-Kita-Platz mit 31,6 Prozent deutlich unter dem Bundesdurchschnitt (45,9 Prozent). Hier gab es einen vergleichsweise hohen Anteil an ungelernten Mitarbeitern.

Bremen gibt Roterne Laterne ab

Bremen hat sich im Vergleich der Bundesländer bei der Bildung deutlich verbessert. Der Stadtstaat landete auf Platz 14. Im Vorjahr hielt Bremen mit Platz 16 noch die rote Laterne. Die Verbesserung im Länderranking verdankt Bremen vor allem dem Hochschulsektor. So bildet Bremen gemessen am Bedarf von Wirtschaft und Wissenschaft viele Akademiker aus und hat viele Ausbildungsstellen zu bieten. 

Bremen ist als Uni-Standort bei Studienanfängern aus anderen Bundesländern beliebt. Auch war 2017 der Anteil an Mathematikern, Informatikern, Naturwissenschaftlern und Technikern (sogenannte MINT-Fächer) unter dem wissenschaftlichen Personal mit 47,6 Prozent so hoch wie in keinem anderen Bundesland – bundesweit liegt der Schnitt bei 34,6 Prozent.

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Defizite attestiert die Studie beim Schulwesen. So weist Bremen bei den Ausgaben für seine allgemeinbildenden und Berufsschulen gemessen am Gesamthaushalt den schlechtesten Wert unter den Ländern auf. Bei der Überprüfung der Kompetenz von Viertklässlern in Deutsch und Mathe aus dem Jahr 2016 schnitt Bremen schlechter als alle anderen Bundesländer ab. Auch beim Hören und Lesen von Englisch hatten Schüler aus Bremen unterdurchschnittliche Kompetenzen.

Lob für Sachsen

Den Sieger Sachsen loben die Autoren unter anderem dafür, dass viele Kinder in Kindergärten und Grundschulen ganztags betreut würden, dass nur wenige Schüler nicht die Mindeststandards in Mathe oder Lesen erreichten und dass an sächsischen Hochschulen viele Ingenieure und Akademiker in Mathe und Naturwissenschaften ausgebildet würden. Bei Schlusslicht Berlin bemängelt die Studie unter anderem ein zu geringes Angebot an Lehrstellen und einen zu hohen Anteil an Schulabbrechern. Viele ausländische Schüler verließen die Schule ohne Abschluss, heißt es.

Schulabbrecherquote größtes Problem in Deutschland

Eines der größten Probleme ist laut "Bildungsmonitor" die gestiegene Schulabbrecherquote in Deutschland. Innerhalb eines Jahres sei diese von 5,7 Prozent im Jahr 2016 auf 6,3 Prozent im Jahr 2017 gestiegen (neuere Vergleichszahlen liegen noch nicht vor) – unter Ausländern habe es sogar einen Anstieg von 14,2 auf 18,1 Prozent gegeben. "Dieser Fehlentwicklung dürfen die zuständigen Politiker in Bund und Ländern nicht tatenlos zusehen", sagte Pellengahr. Er forderte eine Stärkung der Sprachförderung an Kitas, einen weiteren Ausbau von Ganztagsschulen und mehr Vergleichsarbeiten an Schulen. 

Zudem spricht sich die Initiative für ein Schulfach Wirtschaft in allen Bundesländern aus. "Wer lernt, Gedichte zu interpretieren, sollte auch den eigenen Handyvertrag verstehen. Das ist kein Widerspruch", sagte Pellengahr.

Das fordern Lehrer

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) fordert, sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche stärker zu fördern. Mit Blick auf den Bildungsmonitor kritisierte die GEW-Vorsitzende Marlis Tepe gegenüber unserer Redaktion: „Das Kardinalproblem des Bildungssystems in Deutschland bleibt die starke Abhängigkeit des Bildungserfolgs von der sozialen Herkunft.“ Als besonders besorgniserregend bewertet Tepe, dass laut der Studie die Schulabbrecherquote gestiegen sei. Die GEW fordert daher eine erhebliche Erhöhung der Bildungsausgaben. „Die öffentlichen Investitionen müssen steigen. Wenn die oberen 10 Prozent der Einkommensbezieher mehr Geld für private Nachhilfe ausgeben, hilft das den unteren 30 Prozent der Gesellschaft nicht weiter“, betonte die GEW-Vorsitzende.

Als „wenig hilfreich“ bewertet die Bildungsgewerkschaft das Ranking-System, das dem INSM-Bericht zugrunde liegt. Dies verführe dazu, dass sich Bildungspolitiker aus einzelnen Ländern mit Verweis auf einen guten Tabellenplatz auf ihren vermeintlichen Lorbeeren ausruhen und Bildungspolitik falsche Wege einschlägt.

So läuft die Analyse

In der Studie werden neben dem Leistungsstand von Schülern in den Bundesländern auch andere Faktoren miteinander verglichen. Anhand von 93 Indikatoren wird analysiert, "wie erfolgreich jedes Bundesland sein Bildungssystem so ausgestaltet, dass daraus optimale Wachstums- und Beschäftigungsimpulse entstehen", heißt es bei der INSM.

Untersucht wird zum Beispiel, wieviel Geld ein Bundesland pro Schüler ausgibt, wie das zahlenmäßige Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern oder wie hoch der Anteil jüngerer Lehrer ist. Verglichen werden auch die Schul- und Azubi-Abbrecherquoten und Testergebnisse in Lesen und Mathe. Die INSM, in deren Hand die Studie liegt, wird nach eigenen Angaben von den Arbeitgeberverbänden der Metall- und Elektro-Industrie finanziert.


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