Dramatische Bilder im Harz / Niedersachsen stockt Hilfen auf Neues Waldsterben alarmiert die Landespolitik

Der Wald im Harz hat sich vielerorts dramatisch verändert: Hier Wanderer auf dem Berg Achtermann. Foto: Swen Pförtner/dpaDer Wald im Harz hat sich vielerorts dramatisch verändert: Hier Wanderer auf dem Berg Achtermann. Foto: Swen Pförtner/dpa

Bad Lauterberg. Niedersachsens Wälder haben im zweiten Jahr in Folge mit Hitze und Trockenheit zu kämpfen. Die Situation belastet Forstwirtschaft und Touristiker zunehmend– vor allem im Süden.

„Mit hundert Augen schaut mich an des Bergwalds heimlich Leben. Wie meinen Harz, nichts schönres kann es auf der Erde geben“. Mit diesen Worten von Adolf Ey begrüßt der Harzer Tourismusverband auf seiner Internetseite mögliche Touristen. „Noch können wir das schreiben“, sagt Verbandsvizechef Andreas Lehmberg bitter. 

Doch in manchen Teilen der Region ist vom dichten Bergwald nichts mehr zu sehen: Auf Höhe Torfhaus strecken sich über Kilometer entlang der Bundesstraße kahle tote Stämme in den Himmel. Borkenkäfer haben den durch Sturm und Trockenheit gebeutelten Fichten das letzte Leben ausgesaugt. 

Und das mit Segen des Nationalparks: Denn statt der Nachkriegs-Fichten-Monokulturen sollen künftig Mischwälder das Schutzgebiet dominieren. Ähnliches habe schon im Bayerischen Wald funktioniert, heißt es. Doch bis der neue Wald steht und Touristen lockt, dauert es noch Jahrzehnte, fürchtet Lehmberg. Wie man zwischenzeitlich Gäste anziehen will, weiß er nicht. 

Insektizide als „Ultima ratio“ gegen Borkenkäfer

Die Gäste reagieren zunehmend verschreckt, zumal sich die Schäden immer weiter ausbreiten und längst auch bisher intakte Regionen weit außerhalb des Nationalparks erreicht haben. Selbst in Bad Lauterberg im südöstlichsten Zipfel Niedersachsens färben sich die ersten Bäume braun. Einige Dauergäste seien „regelrecht verstört“ und würden ihren Urlaubsort nicht wiedererkennen, heißt es. Zwar versuchen die Harzer es zunehmend mit Aufklärung. Doch die Sorge, dass viele Gäste ohne Wald bald ganz wegbleiben, wächst. Und insbesondere im strukturschwachen Hochharz leben viele Orte von den etwa zehn Millionen Übernachtungen pro Jahr. 

In den Wirtschaftswäldern versucht man zwar, die Käfer mit Fallen und dem Fällen befallener Bäume zu bremsen. Doch Personal und Geld sind knapp, da die Probleme vor allem in Südniedersachsen groß sind und der Holzmarkt wegen des Überangebots nahezu zusammengebrochen ist. Wegen des Überangebots können Waldbesitzer ihr Holz kaum noch verkaufen, teilweise werden Stämme aus dem Solling bis nach Asien verschifft, weil es dort noch etwas Geld gibt. Das Land will nun zusätzliche Nasslagerplätze genehmigen, in denen Waldbauern ihr Holz über Jahre ohne Qualitätsverlust lagern können. Als „ultima ratio“ seien die Landesforsten sogar bereit, Insektizide gegen die Käfer einzusetzen, sagt eine Sprecherin des niedersächsischen Landwirtschaftsministeriums. 

Mehr Mischwald, mehr Douglasien

Dabei geht es längst nicht mehr nur um den Harz, nicht mal mehr um das Wald-Notstandsgebiet Südniedersachsen, in dem die Landesforsten Mitarbeiter und Geräte aus dem weniger betroffenen Norden konzentriert haben, um der Lage Herr zu werden und den Forst umzubauen. Aus den schnell wachsenden Fichtenwäldern sollen Mischgehölze werden, wegen des erwarteten Klimawandels werden den heimischen Bäumen verstärkt Douglasien oder Feldahorne beigemischt: Der Wald der Zukunft soll Trockenheit und Hitzestress besser wegstecken als heute. Dabei trifft es längst nicht mehr nur die Fichte. Auch die Buchen leiden stark unter Trockenheit und Käfern – eigentlich kommt kaum eine Baumart mehr gut mit den Gegebenheiten zurecht. Das Wort vom Waldsterben 2.0 macht die Runde.

Mehr Geld für den Wald

Krisenmanagement und Waldumbau haben Folgen, auch in der Bilanz: 2018 hat der Landesbetrieb erstmals seit Jahren mehr Geld ausgegeben als verdient, gleichzeitig stieg die Zahl der neu gepflanzten Bäume von 4 auf 5 Millionen. Und nichts weist bisher darauf hin, dass 2019 entspannter wird, im Gegenteil: In der Wurzeltiefe von etwa 1,8 Metern ist es in vielen Wäldern so trocken wie schon lange nicht.

Auch in Hannover geht man davon aus, dass der Wald in Zukunft mehr Umbau und Pflege braucht: Gerade erst hat das Kabinett beschlossen, den privaten Waldbesitzer jährlich 481 000 Euro zur Bewältigung von Extremwetterschäden zu geben. Die Waldschutzrichtlinie werde um weitere Punkte wie klimaangepassten Umbau der Forste und Waldbrandprävention erweitert, im kommenden Jahr sollen 12,2 Millionen Euro von Bund und Land in den Bereich fließen. Auch der Bereich Waldbrandfrüherkennung soll in den kommenden beiden Jahren mit einer Million Euro gestärkt werden. 


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN