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Kritik an Informationspolitik Nach Högel-Prozess: Umstrittener Klinik-Chef nimmt den Hut

Von dpa und Jan Eric Fiedler

Das Oldenburger Klinikum und sein Chef Dirk Tenzer gehen nach dem Högel-Prozess getrennte Wege. Foto: dpa/Mohssen Assanimoghaddam/Hauke-Christian DittrichDas Oldenburger Klinikum und sein Chef Dirk Tenzer gehen nach dem Högel-Prozess getrennte Wege. Foto: dpa/Mohssen Assanimoghaddam/Hauke-Christian Dittrich 

Oldenburg. Der Oldenburger Klinik-Chef Dirk Tenzer war für seine Informationspolitik kritisiert worden. Zum 1. Juli verlässt er das Krankenhaus.

Der Vorstandsvorsitzende des Klinikums Oldenburg, Dirk Tenzer, tritt mit Wirkung zum 1. Juli zurück. Diese Entscheidung sei im gegenseitigen Einvernehmen mit dem Verwaltungsrat getroffen worden, teilte die Klinik am Donnerstag mit. Tenzer zog damit die Konsequenz aus der zunehmenden Kritik an ihm. Zuletzt hatte der Richter im Prozess gegen den verurteilten Patientenmörder Niels Högel scharfe Kritik an Tenzer geäußert.

Die Vorwürfe hätten in den vergangenen Wochen das Klinikum und dessen Belegschaft erreicht, deshalb habe er sich entschieden, das Unternehmen zu verlassen, betonte Tenzer, der das Klinikum seit 2013 leitet. "Ich habe in den vergangenen Jahren mit dem Klinikum und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern viel erreichen dürfen, möchte mich aber zukünftig anderen Herausforderungen widmen." Die "Nordwest-Zeitung" hatte zuerst über den Rücktritt berichtet.

Kritik an Informationspolitik

Verwaltungsratschefin Margit Conty dankte Tenzer "ganz ausdrücklich" für dessen Arbeit. "Gerade in der letzten Zeit war der Vorstandsvorsitzende jedoch der öffentlichen Kritik ausgesetzt, dass er die Aufarbeitung der Morde durch den ehemaligen Pfleger Niels H. nicht entschieden genug betrieben habe. Der Verwaltungsrat sieht aus Sicht des Klinikums derzeit kein Fehlverhalten von Herrn Dr. Tenzer; deshalb sind die öffentlichen Vorwürfe um seine Person für den Verwaltungsrat nicht nachvollziehbar", sagte Conty.

Der Mediziner war während des Mordprozesses gegen den Ex-Pfleger Högel am Oldenburger Landgericht wegen der Informationspolitik des Klinikums in die Kritik geraten. Der Vorsitzende Richter Sebastian Bührmann hatte den Aufklärungswillen Tenzers angezweifelt. Wichtige Protokolle und Strichlisten mit Todesfällen seien erst spät an die Ermittler weitergegeben worden.

Vorwurf der Vertuschung

Tenzer hatte in einer vierseitigen persönlichen Erklärung den Vorwurf der Vertuschung vehement zurückgewiesen und die Anschuldigungen als substanzlos und unhaltbar kritisiert. (Weiterlesen: Klinikchef widerspricht Richter nach Högel-Urteil)

Angehörigenvertreter bedauert Rückzug

Zu den größten Kritikern Tenzers während des Prozesses gehörte Christian Marbach, Sprecher der Angehörigen von Högels Opfern. Er hatte gegen Ende des Prozesses angekündigt, sich an den Oldenburger Oberbürgermeister zu wenden, um Tenzers Absetzung zu erwirken. Trotzdem zeigte er sich am Donnerstag enttäuscht vom Rückzug. "Sein 'Rücktritt' ist gerade zur jetzigen Zeit falsch", teilt Marbach mit. Er habe deshalb schon vorletzte Woche seine Rücktrittsforderung in einer Mail an Tenzer und den Oberbürgermeister bis zur Klärung der Vorwürfe zurückgestellt. Er denkt, dass ohne Tenzer die Aufklärung der Fehler, die die Oldenburger Justiz seiner Meinung nach begangen hat, leidet. "Ich befürchte, dass die Oldenburger Politik da jetzt für ihre 'Freunde in der Justiz' eine 'gefällige aber ungefährliche Pfeife' hinsetzt", schreibt Marbach. Ein Nachfolger fange bei Null an und habe weder Ahnung noch Erfahrung. Zudem lobt Marbach, dass Tenzer immer zugewandt in der Zusammenarbeit mit den Opferangehörigen war.

Das Landgericht Oldenburg hatte den Ex-Krankenpfleger Högel vor zwei Wochen wegen 85 Morden zu lebenslanger Haft verurteilt. Er hatte seine Opfer in den Kliniken Oldenburg und Delmenhorst zwischen 2000 und 2005 mit Medikamenten zu Tode gespritzt.

Lesen Sie auch: Der Fall Niels Högel: Eine Chronologie


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