Land bei Provenienzforschung führend Niedersachsen sucht nach kolonialer Raubkunst

Kulturminister Björn Thümler will die Herkunft von Kolonialkunst erforschen lassen. Foto: Holger Hollemann/dpaKulturminister Björn Thümler will die Herkunft von Kolonialkunst erforschen lassen. Foto: Holger Hollemann/dpa

Hannover. In den Magazinen der etwa 700 niedersächsischen Museen lagern zahlreiche Gegenstände mit unklarer Herkunft. Dieser will das Land auf den Grund gehen.

„Woher kommst Du?“ steht auf der Einladung des Oldenburger Landesmuseums. Am kommenden Dienstagabend ab 18 Uhr will das Museum im Schloss Oldenburg „Einblicke in die Provenienzforschung“ gewähren. Und diese Einblicke lohnen sich, meint der zuständige Kulturminister Björn Thümler (CDU). Denn in der Provenienzforschung, also der Suche nach Geschichte und Herkunft von Kunstwerken und Kulturgütern, sei das Land bundesweit ganz vorne dabei. Bereits seit 2015 arbeitet ein Netzwerk „Provenienzforschung in Niedersachsen“ unter anderem an Recherchen zu Raubgut aus der Zeit des Nationalsozialismus. Doch nicht nur die Zeit zwischen 1933 und 1945 interessiert die Forscher. Auch die 1918 endende deutsche Kolonialgeschichte hat sich in Völkerkundemuseen niedergeschlagen. Und auch dort ist vielfach offen, wie die hiesigen Museen in den Herkunftsländern an die Exponate gelangten. 

Koloniales Erbe aufarbeiten

Der Ort ist bewusst gewählt, denn Oldenburg gehört zusammen mit den ethnografischen Sammlungen in Göttingen, Hannover, Braunschweig und Hildesheim zu den Orten, in denen ein eigenes Projektteam speziell die kolonialen Exponate unter die Lupe nimmt. Die Kulturminister der Länder hatten sich im März darauf verständigt, dieses unterbelichtete Kapitel stärker auszuforschen. Denn viele bedeutende Kunstschätze Afrikas stehen heute in europäischen Museen.  

Gerade in Oldenburg gibt es viele offene Fragen: „Der Oldenburger Großherzog hat sich von Südseereisen viele Gegenstände mitgebracht, bei denen wir nicht wissen, ob sie gekauft oder vielleicht einfach mitgenommen worden sind. Die Aufarbeitung ist eine echte Sysiphusarbeit, und wir stehen da noch am Anfang“, sagt Thümler. Gleichwohl sei die Arbeit lohnend, zumal die Zusammenarbeit auch den Dialog und Austausch zwischen den Ländern und Museen und das Verständnis untereinander fördere. „Durch den innovativen und transparenten Umgang mit außereuropäischen Kulturgütern wollen wir ein kulturpolitisches Zeichen setzen“, sagt der CDU-Politiker. Ein ähnliches Projekt für kleinere Häuser ist in Vorbereitung – im April gab es einen ersten Workshop. „Wir wollen die Expertise auch für mittlere und kleine Museen und private Sammlungen anbieten“, erklärt Thümler.

Keine Angst vor leeren Vitrinen

Provenienzforschung heißt dabei nicht automatisch Rückgabe an die Herkunftsländer. „Am Ende der Erforschung kann auch stehen, dass wir Teile zurückgeben“, sagt Thümler zwar. Und dies gilt insbesondere dann, wenn es sich um der Heimat entrissene menschliche Gebeine handelt. Doch vor einer Rückgabe steht nicht nur die Frage, ob die Aneignung ohne Zwang erfolgte. Auch wollen die Forscher wissen, wer Ansprüche erheben und ob das Herkunftsland einen angemessenen Umgang garantieren kann. Ein Kunstwerk, welches kurz nach Rückgabe wieder auf dem Schwarzmarkt auftaucht, macht für Thümler keinen Sinn. Auch die Sorge vor leeren Vitrinen hat er nicht. Die Magazine der Museen seien gut gefüllt, und oft blieben die Exponate ja vor Ort – nur mit einem anderen Hintergrund: Wie ein katalanischer Albarello, den das Oldenburger Landesmuseum 2014 von Erben des Antiquitätenhändlers Mozes Mogrobi zurückkaufte. Oder ein prachtvoller Renaissanceschrank, den die Erbin des Kunsthändlers Jacques Goudstikker dem Museum 2018 zu einem unbekannten Preis überließ.

Und manchmal löst sich der Raubkunstverdacht auch bei genauerem Hinsehen auf: Das Gemälde „Stilleben mit Reiterfigur“ von Emil Nolde stammt zwar beispielsweise aus der berühmten jüdischen Kunstsammlung Alfred Hess (Erfurt), wurde aber legal und ohne Zwang 1962 vom Landesmuseum erworben. Derzeit werden allein in Oldenburg rund 20 Fälle mit dringendem Raubgut-Verdacht bearbeitet.


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