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Mordprozess gegen Ex-Krankenpfleger Anklage sieht 97 Högel-Morde bestätigt

Von Ole Rosenbohm

Ex-Pfleger Niels Högel ist wegen Mordes an 100 Patienten an den Kliniken in Oldenburg und Delmenhorst angeklagt. Foto: dpa/Hauke-Christian DittrichEx-Pfleger Niels Högel ist wegen Mordes an 100 Patienten an den Kliniken in Oldenburg und Delmenhorst angeklagt. Foto: dpa/Hauke-Christian Dittrich

Oldenburg. Die Staatsanwaltschaft hat im Mordprozess gegen den Ex-Krankenpfleger Niels Högel ihr Plädoyers beendet. Nur in einem Bruchteil der Taten hat sie Zweifel an seiner Schuld. Eine Sicherheitsverwahrung fordert sie allerdings nicht.

Bevor Oberstaatsanwältin Daniela Schiereck-Bohlmann in ihrem vierstündigen Schlussvortrag das Gericht aufforderte, den Angeklagten Niels Högel wegen 97-fachen Mordes aus Heimtücke und niederen Beweggründen zu lebenslanger Haft zu verurteilen, entschuldigte sie sich am Donnerstag bei den Angehörigen, dass ihr Plädoyer zu technisch, fachlich oder kühl klingen könnte. Für die „menschliche Seite“ der schwer fassbaren Verbrechen in den Kliniken Oldenburg (bis ins Jahr 2002) und Delmenhorst (bis ins Jahr 2005) würden aber die Vertreter der Nebenkläger sorgen.

Die toten Seelen

So äußerte sich die Delmenhorsterin Rechtsanwältin Gaby Lübben – Nebenklagevertreterin eines Großteils der Angehörigen – nur wenige Sätze lang fachlich-juristisch, beantragte kurz eine lebenslange Haft wegen sogar 99 Morde. Und wandte sich dann direkt an den Angeklagten: Die toten Seelen würden ihn in Träumen aufsuchen, wie er es beim Verfahren 2015 geäußert hatte, er könne sie nur nicht zuordnen? „Ich stelle sie Ihnen vor“, sagte sie ihm und ließ fortan Bild für Bild Fotos der Getöteten an die beiden großen Leinwände über der Richterbank werfen. 55 insgesamt.

Zu jedem Opfer fand sie Sätze, zu ihren Leben, Wünschen, Träumen – immer gefolgt von bis zu 20 langen Sekunden andächtiger Stille. Auch der Angeklagte selbst schaute nicht weg.

Reise in den Tod

Lübben erzählte Geschichten über Briefzusteller, Galeristen, Landwirte, Hobbygärtner, Familienmenschen mit Enkeln auf dem Arm. Sie erzählte vom Tod eines Asiaten, der seine Frau zehn Jahre nicht gesehen hatte, nach einer Woche in Deutschland Herzprobleme bekam, die Operation überstand, wieder lachen konnte – und umgebracht wurde. Eine Reise in den Tod.

Lübben erzählte von Angehörigen, die am Verlust zugrunde gingen, einer unternahm sogar einen Selbsttötungsversuch. Eine Stunde Erinnerungen, mehr Andacht als Plädoyer – aber nach vielen Prozesstagen mit medizinisch-juristischen Gutachten für viele wohltuend. „Bewegend“ war eines der meistgebrauchten Wörter direkt nach Lübbens Vortrag.

Applaus von Prozessbeobachtern

An dessen Ende bekam die Anwältin auch noch Applaus von den Zuschauerplätzen – unüblich und normal nicht gewünscht – aber unkommentiert vom Vorsitzenden Richter. Die Angehörigen würden einen Weg finden, das Geschehene zu verarbeiten, sagte Lübben, und an Högel gerichtet: „Ich hoffe, Sie vergessen diese Bilder nie. Die Toten werden nunmehr Ruhe finden. Sie aber werden hinter verschlossener Tür von diesen Bildern verfolgt und dort alt werden. Und Ihren Namen wird man vergessen."

Wann könnte Högel freikommen?

Es wird sich zeigen. Seit 2009 ist Högel bereits in Haft, bei einem allseits erwarteten Schuldspruch am 6. Juni mit Feststellung der Schwere der Schuld wird schon in wenigen Jahren eine Strafvollstreckungsbehörde entscheiden, wie lange der Angeklagte über die Mindestzeit von 15 Jahren keinesfalls auf Bewährung freikommt. Das können durchaus weitere zehn oder mehr Jahre sein, danach wird die Kammer erneut entscheiden, ob der Angeklagte eine Gefahr für die Allgemeinheit ist oder nicht.

Möglich sei, schätzten verschiedene Juristen, dass Högel niemals aus dem Gefängnis kommt. Möglich aber auch, dass die Strafvollstreckungskammer auf Grundlage eines Sachverständigen-Gutachtens irgendwann auf Bewährung entscheidet.

Kein Antrag auf Sicherheitsverwahrung

In Sicherungsverwahrung nach Ablauf der Haft wird Högel nicht kommen. Einen solchen Antrag stellte Schiereck-Bohlmann nicht, schon das Gericht hatte in einer Einschätzung verneint, dass es die dafür vom Bundesgerichtshof aufgestellten hohen Hürden nehmen könne. Trotz der vielen Morde – wohl deutlich mehr als die angeklagten 100. Von denen könnte der Angeklagte nach Ansicht der Staatsanwaltschaft in drei Fällen zwar mit todbringenden Medikamenten eine Reanimation ausgelöst haben, der Patient aber könnte später eher durch seine Erkrankung ums Leben gekommen sein. Fazit: Dreimal im Zweifel für den Angeklagten, 97 Mal „keine vernünftigen Zweifel“.

Der  Prozesstag am Freitag, 17. Mai,  in Oldenburg ist reserviert für die Plädoyers der insgesamt 17 weiteren Vetreter der Nebenklage.

Weiterlesen: Der Fall Niels Högel: Eine Chronologie


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