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50.000 Tonnen Überschuss errechnet Streit ums Grundwasser: Weiter zu viel Stickstoff in Niedersachsen

Ein Landwirt bringt Gülle aus. Foto: Michael GründelEin Landwirt bringt Gülle aus. Foto: Michael Gründel

Osnabrück. Im Streit um den Grundwasserschutz in Deutschland kommen aus Niedersachsen keine guten Zahlen: Berechnungen der Landwirtschaftskammer zeigen, dass in dem Bundesland wohl weiterhin zu viel Dünger auf den Äckern landet. Demnach fielen zwischen dem 1. Juli 2017 und 30. Juni 2018 rund 50.000 Tonnen Stickstoff mehr an, als Pflanzen zur Düngung gebraucht hätten.

In Niedersachsen fällt weiter zu viel Gülle an. Das zeigen aktuelle Zahlen der Landwirtschaftskammer. Der Überschuss ist brisant, schließlich hat die EU Deutschland verdonnert, das Grundwasser besser vor Nitrat-Belastungen zu schützen. Hauptverursacher: Dünger aus der Landwirtschaft.

Am Mittwoch werden sich viele Kameraobjektive auf Agrarministerin Barbara Otte-Kinast richten. Dann will sie den Nährstoffbericht 2017/2018 vorstellen. Schon in den Vorjahren hatte die Ministerin und ihr Vorgänger Christian Meyer dabei wenig Gutes zu verkünden. 

In diesem Jahr sind Aufmerksamkeit aber auch Druck besonders groß: Die EU-Kommission drängt Deutschland zu einem besseren Grundwasserschutz. Viele Messstellen hierzulande überschreiten Nitrat-Grenzwerte. Und das gelangt beim Düngen in die Umwelt. Es drohen hohe Strafzahlungen. 

Niedersachsen gehört zu denjenigen Bundesländern, in denen die Probleme besonders groß sind. Probleme heißt es in diesem Fall: In der Landwirtschaft fallen zu viel Gülle und Gärreste und damit Stickstoff an. Mehr jedenfalls als die Kulturpflanzen wie Weizen oder Mais auf den Äckern brauchen, um zu wachsen. 

Foto: dpa/Lino Mirgeler

Zu viel Dünger ist im Zweifelsfall schlecht für Umwelt und Menschen. Der Stickstoff stellt in Form von Nitrat eine potenzielle Gefahr für die Gesundheit dar. 

Im Nährstoffbericht listen die Experten der Landwirtschaftskammer Jahr für Jahr auf, wie viel Stickstoff zu viel anfällt. Vorab veröffentlichte Zahlen, die unserer Redaktion vorliegen, zeigen: Im Bereich der Tierhaltung waren es 2017/2018 etwa 274000 Tonnen Stickstoff im Berichtsjahr 17/18 und damit nur minimal weniger als 16/17. Hinzu kamen 60.000 Tonnen Stickstoff quasi als Abfallprodukte aus Biogasanlagen.

Weniger Mineraldünger

Am Ende der Kammer-Rechnung steht ein Überschuss von rund 50.000 Tonnen Stickstoff. Für das komplette Bundesland Niedersachsen wohlgemerkt. Das sind etwa 18.000 Tonnen weniger als im Vorjahr. Der Rückgang hängt offenbar vor allem damit zusammen, dass die Landwirte wesentlich weniger künstlich hergestellten Mineraldünger auf die Äcker ausbrachten. Nach den Berechnungen der Kammer sank die Menge um 23.000 auf nun noch 271.000 Tonnen.

Das Ministerium wollte sich zu den Zahlen zunächst nicht im Detail äußern und verwies auf die Veranstaltung am kommenden Mittwoch. Die Grünen im Landtag schlossen aus den Berechnungen, dass die Landesregierung „wirksame Maßnahmen zum Wasserschutz verschlafen hat“, so die agrarpolitische Sprecherin Miriam Staudte. Die Landesregierung müsse Gebiete mit besonders scharfen Auflagen für den Gewässerschutz benennen.  

Staudte knüpft an eine Forderung der EU-Kommission an, die viele Landwirte erzürnt hatte: Brüssel hatte gefordert, dort, wo die Nitrat-Grenzwerte im Grundwasser nicht eingehalten werden, die Düngung pauschal um 20 Prozent zurückzufahren. Dies sorgte für großen Protest. Vor einigen Tagen versammelten sich Tausende Landwirte im nordrhein-westfälischen Münster, um gegen eine erneute Verschärfung der Düngeregeln zu protestieren. 

Foto: imago images / Rüdiger Wölk

Die Düngeverordnung nämlich erst 2017 erheblich verschärft worden – allerdings nicht ausreichend, wie die EU-Kommission befindet. 

Westfalen und die Region Weser-Ems in Niedersachsen gelten dabei als Problemzonen. Hier ist die Tierhaltung besonders intensiv. Beim letzten Düngebericht waren es mit den Landkreisen Emsland, Grafschaft Bentheim, Leer, Ammerland, Cloppenburg oder Vechta auch überwiegend Gebiete aus Weser-Ems, die als Problemregionen in Niedersachsen identifiziert wurden.  Hier liegen auch viele der Nitrat-Messstellen, die Grenzwerte überschreiten.

Grafik: dpa-infografik

Branchenkenner bezweifeln, dass sich daran etwas im aktuellen Düngebericht geändert hat. Obwohl der Stickstoffüberschuss insgesamt zurückgegangen ist.  

Nach Ansicht von Niedersachsens Bauernpräsident Albert Schulte to Brinke belegt dieser Rückgang, dass sich die Agrarbranche in Bewegung gesetzt habe.

Foto: dpa/Matthias Balk

„Aber richtig ist auch, dass das noch nicht reicht“, so Schulte to Brinke. Er betonte, jeder Betriebsleiter sei selbst für die ordnungsgemäße Verbringung des Düngers verantwortlich, der auf seinem Hof anfällt.  

Schulte to Brinke sieht noch Möglichkeiten, den Stickstoff-Überschuss weiter zu reduzieren: „In den niedersächsischen Ackerbauregionen herrscht aufgrund der hohen Bürokratiehürden immer noch Zurückhaltung, Gülle aus West-Niedersachsen aufzunehmen.“ Politik und Verwaltung müssten hier ansetzen. Im östlichen Landesteil gibt es vergleichsweise wenig Tierhaltung. Dementsprechend wenig natürlicher Dünger fällt hier auch an. Landwirte setzen häufig auf mineralische Alternativen, die industriell hergestellt werden.

Beratungen dauern an

Die deutsche Politik berät derweil weiter, wie sie die EU-Kommission überzeugen kann. Hält die nämlich weiter daran fest, dass die Bundesrepublik zu wenig für den Grundwasserschutz tut, drohen Strafzahlungen von 860.000 Euro pro Tag. Aus dem Bundeslandwirtschaftsministerium hieß es auf Nachfrage, es liefen noch entsprechende Gespräche zwischen Bundesregierung und Bundesländern. Noch gebe es keine weiterführenden Ergebnisse.

Martin Hofstetter, Agrarexperte bei der Umweltschutzorganisation Greenpeace sagt: „Die Politik sollte die Chance nutzten und jetzt endlich Maßnahmen ergreifen, die das Problem der Grundwasserverschmutzung aus der Landwirtschaft auch wirklich löst statt weiter herumzudoktern oder gar ein Moratorium zu fordern.“

Unionspolitiker aber auch Bauernvertreter hatten zuvor gefordert, dass zunächst die Auswirkungen der Düngereform abgewartet werden sollten, bevor die Regeln erneut reformiert werden. Hofstetter sagte: „Die Dünge-Vorschriften im benachbarten Ausland, ob Dänemark oder Niederlande sind in vielen Punkten strenger als bei uns.“ Tatsächlich hatten die Nachbarländer früher Maßnahmen zum Grundwasserschutz ergriffen als Deutschland.



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