Angst vor Borkenkäferplage Wald in Not: Forstwirtschaft bittet Weil um Hilfe

Ministerpräsident Stephan Weil (SPD, r) und Waldbesitzerverbandspräsident Norbert Leben schauten sich am Mittwoch im Solling Windwurfflächen an. Foto: Swen Pförtner/dpaMinisterpräsident Stephan Weil (SPD, r) und Waldbesitzerverbandspräsident Norbert Leben schauten sich am Mittwoch im Solling Windwurfflächen an. Foto: Swen Pförtner/dpa

Trögen. Orkane, Dürrestress, Käferbefall: Niedersachsens Wälder haben anderthalb anstrengende Jahre hinter sich. Doch es könnte noch schlimmer kommen, fürchtet die Waldwirtschaft und fordert Hilfe.

Henrik Schlemme steht in den Resten dessen, was einmal sein Wald war. "Mein Opa hat das hier aufgeforstet", sagt der Tischlermeister aus dem Solling-Dorf Trögen und zeigt auf die Lichtung voller Baumstümpfe und Bruchholz. An einigen Stellen stehen Fangholzhaufen für Borkenkäfer, sonst reckt sich nichts gen Himmel. Am Neujahrstag 2018 hatte Schlemme den Wald übernommen, und seitdem nur Kummer: 18 Tage nach der Übernahme legte das Orkantief "Friederike" die ersten Fichten um, dann folgte ein trockener Sommer mit Massen an Borkenkäfern. Am 11. März dieses Jahres machte das Tief "Eberhard" den letzten Fichten auf dem Areal den Garaus. 

Holzmarkt zusammengebrochen

Schlemme ist kein Einzelfall: Allein in Niedersachsens Privatwäldern müssen Schätzungen zufolge 4000 Hektar wieder aufgeforstet werden. Doch weil europaweit massenweise von Stürmen umgeworfene oder Käfern angegriffene Bäume angeboten werden, sind die hiesigen Märkte zusammengebrochen. Allein im Solling-Forstamt Dassel fiel 2018 dank Windwurf und Käferbefall etwa dreimal so viel Holz an wie in einem normalen Jahr. Die Stämme stapeln sich an den Waldwegen, doch verkaufen lassen sie sich kaum noch: Industrieholz wird teilweise nur noch für 0 Euro gehandelt, Baumstämme nach Nordafrika oder gar China verschifft. Holz wird in mit Folien abgedeckten Poltern oder Nasslagern für bessere Jahre aufbewahrt. 

Auch der Landeswald hat heftig gelitten: "Wir schätzen die Schäden auf 130 Millionen Euro", sagt Landesforsten-Präsident Klaus Merker. Und das Schlimmste könnte noch bevorstehen: Nach einem trockenen und milden Winter könnte die Borkenkäferpopulation in diesem Jahr regelrecht explodieren. Und die Tiere die sich bei guten Bedingungen rasend schnell vermehren, treffen auf geschwächte Baumbestände. Derzeit sei der Boden bis zu zwei Meter tief durchgetrocknet, erzählt ein Förster. Und zwei Dürrejahre in Folge könnten für Buchen und Fichten selbst ohne Käfer tödlich sein. Private Waldbesitzer und Landesförster sprechen gleichermaßen von einer "Katastrophe". Und zwar von einer mit großem Ausmaß: Ein Viertel Niedersachsens ist bewaldet. 

Weil: Müssen kurzfristig handeln

Am Mittwoch besuchte Ministerpräsident Stephan Weil den besonders betroffenen Solling im Süden von Niedersachsen. Einen Blankoscheck habe er nicht dabei, ließ der SPD-Politiker zwar wissen. Doch vom präsentierten Schadensbild und dem Einsatz der Forstwirtschaft, die Probleme in den Griff zu bekommen, gab er sich beeindruckt: "Mir leuchtet ein, dass wir an dieser Stelle sehr kurzfristig handeln müssen", sagte Weil nach der Begehung von Schlemmes Wald und einer Visite auf einem von Stürmen abgeräumten Areal des Forstamts Dassel. Das könnte darauf hinweisen, dass das Land mehr Geld zu geben bereit ist. Zwar hat das Land kürzlich 1,5 Millionen Euro Soforthilfe für die Borkenkäferbekämpfung freigegeben und die Zeitbegrenzung für Entnahme von Holz aus Natura-2000-Gebieten gekippt. 

Kritik an Klöckner

Doch das ist der Forstwirtschaft viel zu wenig. Dass Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) für die nächsten fünf Jahre 25 Millionen Euro für den Walderhalt geben will, stößt beim eigenen Bundestagsabgeordneten Roy Kühne auf Kritik, denn von dem Geld dürften nur 721000 Euro jährlich Niedersachsen erreichen. "Das reicht nicht. Ich erwarte, dass der Bund nachlegt", sagt der Northeimer CDU-Mandatsträger.

Möglich, dass die Landesregierung wie vom Waldbesitzerverband gefordert zunächst die Gegenfinanzierung für Klöckners Bundesmittel bis zum Jahr 2023 festschreibt. Das wäre aber wohl nur ein Anfang, denn mit dem Klimawandel dürften sich auch die Wälder wandeln. Dort, wo Schlemmes Opa nach dem Krieg auf abgeholztem Grund Fichten pflanzte, will sein Enkel einen Mischwald anlegen. Die Forste experimentieren angesichts von Wassermangel und Hitzestress verstärkt mit Douglasien, Eichen, Rotbuchen und Europäischen Lärchen. Man stehe am "Anfang eines gewaltigen Umbauprogramms", sagt Stephan Weil. 


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN