Paläon-Mitarbeiter fürchten um Jobs Millionenteures Steinzeit-Museum vor ungewisser Zukunft

Blick ins Paläon. Der im Vordergrund gezeigte Homo heidelbergensis soll hier vor 300 000 Jahren bereits Wildpferde gejagt haben. Foto: Julian Stratenschulte/dpaBlick ins Paläon. Der im Vordergrund gezeigte Homo heidelbergensis soll hier vor 300 000 Jahren bereits Wildpferde gejagt haben. Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Schöningen. Die Entdeckung prähistorischer Speere am Rande eines Tagebaus in Ostniedersachsen waren eine Sensation. Ihre Präsentation droht zum Millionengrab zu werden.

Die Weltsensation kommt unscheinbar daher: An weißen Wänden, eingelassen hinter dickem Glas, sind vor schwarzem Grund etwas krumme Holzstäbe zu sehen. Diese „Schöninger Speere“ beweisen, dass Menschen bereits vor 300 000 Jahren mit selbst gebauten Waffen auf Jagd gingen: Doch weil sie dies dort taten, wo heute Niedersachsens strukturschwacher Osten nach Sachsen-Anhalt überblendet, hat das Land ein Problem. 

2013 war in Schöningen ein um die Holzspeere herum gebautes Forschungs- und Erlebniszentrum eröffnet worden. In der glänzenden Fassade des futuristischen Baus spiegelt sich der Helmstedter Tagebau, aus dem Archäologen in den 1990ern die ältesten bezeugten Jagdwaffen der Menschheit bargen. Angesichts der Baukosten von 15 Millionen Euro und der Randlage an der früheren innerdeutschen Grenze warnte der Bund der Steuerzahler schon damals vor einem Geldgrab. Touristiker fragten sich, wo die kalkulierten bis zu 80 000 zahlenden Besucher pro Jahr auf Dauer herkommen sollten. In der Region träumte man dagegen von bis zu 100 000  Gästen. Die Idee, die Speere in Braunschweig auszustellen, wurde beiseite gewischt.

Paläon schreibt rote Zahlen

Die Kritiker behielten Recht: Statt 80 000 kommen etwa 45 000 Besucher pro Jahr nach Schöningen, darunter auch viele Schüler mit freiem Eintritt. Folge: Die einst von der Wulff-Regierung als „Leuchtturm“ der Region gepriesene Einrichtung gilt zwar als vorzüglicher außerschulischer Lernort, schreibt aber trotzdem rote Zahlen. Und anders als versprochen muss Niedersachsen Geld zuschießen. 2017 und 2018 flossen jährlich 500 000 Euro aus der Landeskasse. 

Auch am zweiten Aprilsonntag dieses Jahres bleiben trotz verregneter Osterferien und zusätzlicher Playmobil-Sonderausstellung große Teile des kostenpflichtigen Parkplatzes verwaist. Auf dem Weg zur Kasse (Eintritt für Erwachsene 12 Euro) kommen die Besucher an einem Plakat vorbei. „Das war klasse! So soll's bleiben!“ fordern Schulen aus der Region. Der Appell richtet sich an die Politik. Denn die plane den Kahlschlag, fürchtet man vor Ort. „Es ist unklar, wie es mit dem Forschungs- und Erlebniszentrum weitergeht. Die Beschäftigten wissen nicht, was passiert“, warnt Frank Ahrens von der Gewerkschaft Verdi. 

Zum 1. Juli soll das Landesamt für Denkmalpflege (NLD) nach dem Willen von Wissenschaftsminister Björn Thümler (CDU) die Wissensvermittlung vor Ort übernehmen. Was das für die 30 Mitarbeiter der kommunalen Paläon GmbH und ihren „Erlebnisbereich“ heißt, ist unklar. Denn das NLD will zunächst nur fünf Stellen ausschreiben, weitere Aufgaben sollen über Vergaben ausgeschrieben werden. Damit drohe Kaputtschrumpfung, fürchtet Ahrens. 

Das Land zahlt und zahlt

Der Steuerzahlerbund fürchtet hingegen, dass das Paläon mit der NLD-Übernahme zum Dauerproblem wird. „Mit der Übernahme der laufenden Betriebskosten durch das Land wird ein politisches Versprechen gebrochen“, erklärte der Vorsitzende Bernhard Zentgraf. „Angesichts des riesigen Etats des Wissenschaftsressorts gehen die Defizite des öffentlichen Ausstellungsbetriebes unter“, warnte Zentgraf. Statt aller niedersächsischen Steuerzahler sei die Region Braunschweig in der Pflicht. Sie dürfe sich jetzt nicht aus der Verantwortung für das Paläon stehlen. 

Das Ministerium hält sich hingegen bedeckt, was die Zukunft des Paläon betrifft. Man sei vor Ort in „konstruktiven Gesprächen“, heißt es. Das NLD erarbeite derzeit ein Konzept zur Vermittlung von Archäologie. Sicher ist: Das Land zahlt erstmal weiter: Für dieses Jahr sind 500 000 Euro Zuschuss geplant. 


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