Vom „Würger“ bis zu „Roddy“ Rodewalds lange Geschichte mit dem bösen Wolf

Der präparierte „Würger vom Lichtenmoor“ im Heimatmuseum in Rodewald. Foto: Klaus WieschemeyerDer präparierte „Würger vom Lichtenmoor“ im Heimatmuseum in Rodewald. Foto: Klaus Wieschemeyer

Rodewald. Die erhitzte Debatte um den Umgang mit dem Wolf spitzt sich derzeit in der Gemeinde Rodewald im Landkreis Nienburg zu. Es ist nicht das erste Mal, doch die Zeiten haben sich sehr geändert.

Der Wolfstöter Hermann Gaatz erfreute sich großer Dankbarkeit. Der stellvertretende Ministerpräsident gratulierte, der Kreis Fallingbostel schenkte ihm Ölgemälde, welches „das mächtige Haupt des Wolfes zeigt“: Und auf dem Gaatz-Hof in Eilte an der Aller schallte es hundertfach „Hermann, ick gralier di ook“, notiert ein Zeitgenosse. Am 27. August 1948 hatte Gaatz den „Würger vom Lichtenmoor“, wie ihn die Presse getauft hatte, erschossen. Einen Wolfsrüden, der zuvor mit seinem „ungezügelten Blutdurst“ Angst und Schrecken“ die Region rund ums Lichtenmoor gegeißelt hatte, wie es in Dokumenten heißt. Heute erinnert noch der „Wolfsstein“ in der Schotenheide an den Ort des Abschusses. 

Und das Heimatmuseum im nahen Rodewald, welches dem Thema Wolf eine Ausstellung gewidmet hat, die ab Mai wieder sonntagsnachmittags zu sehen ist. Das Team um Gisela Weier hat eine sehr unaufgeregte Schau zusammengestellt, die sich bemüht, Legende und Wirklichkeit sauber auseinanderzuhalten. Dazu wurde auch das Schmuckstück der Ausstellung nachbearbeitet, der präparierte Kopf des „Würgers“, Bei der ersten Präparation waren die Zähne verlängert, das Fell aufgestellt und die Zunge rotgefärbt worden, um das Tier gruseliger wirken zu lassen. Heute schaut das Tier den Zuschauer weit weniger bedrohlich an. 

Jäger wurden von Helden zu Gejagten

70 Jahre nach Hermann Gaatz sind wieder Menschen im Lichtenmoor aufs Wolfsjagd. Doch dieses Mal will keiner von ihnen gefeiert oder auch nur namentlich erwähnt werden. Das Umweltministerium in Hannover hat den Leitrüden des Rodewalder Rudels zwar zum Abschuss freigegeben, weil er ebenso wie der „Würger“ von damals an ähnlichen Stellen  am Rande des dünn besiedelten Moores zwischen Nienburg und Walsrode Rinder reißt. Doch sonst hat sich vieles geändert: Während 1948 Tausende Jagd auf die angebliche Bestie machten, rufen heute Wolfsfreunde im Internet zu Nachtwanderungen auf, um das von ihnen „Roddy“ getaufte Tier mit der amtlichen Bezeichnung GW717m vor möglichen Häschern fernzuhalten. 

Und wer in Verdacht kommt, den Wolf erlegen zu wollen, muss mit Beschimpfungen und mitunter auch mit Drohungen rechnen. Um die möglichen Jäger zu schützen, hat das Umweltministerium in Hannover deshalb eine Informationssperre verhängt. Man verrät, dass man das Tier zeitnah „entnehmen“ will. Das muss auch sein, denn die zeitlich befristete Erlaubnis endet bereits am Donnerstag. 

Allerdings gehe man davon aus, im Fall der Fälle eine Genehmigungsverlängerung zu bekommen, sagte eine Ministeriumssprecherin unserer Redaktion. Und so schießen rund um Rodewald Geschichten ins Kraut: Von Polizisten, die im Moor gesichtet worden seien. Von Auswärtigen, die sich in den Abendstunden auf bestimmten Wiesen zu seltsamen Spaziergängen treffen. 

Das Lichtenmoor war lange Wolfsland

Dass es rund um den Wolf zu wilden Gerüchten kommt, ist nicht neu. Zu Zeiten des „Würgers“ gab es auch viele Geschichten: Die Bestie sei eine Löwe oder ein Sadist in Menschengestalt, wurde gemutmaßt. Dabei waren die Menschen in der Region seit langem mit dem Wolf vertraut, sagt Ludwig Stelling aus dem nahen Linsburg. Stelling hat im Landesarchiv recherchiert und zahlreiche Berichte über Wolfsrisse am Rande des Lichtenmoors gefunden, die nun die Ausstellung im Heimatmuseum Rodewald ergänzen. Bereits 1675 wurden demnach große Treibjagden angeordnet. Die dünn besiedelte Region sei perfekt für die Tiere, die schon damals auf benachbarten Höfen Tiere gerissen hätten. Damals wurden die Wölfe als Schädlinge gesehen. „Ein Leben mit dem Wolf hat es nicht gegeben“, sagt Stelling. 

Heute sei die Lage anders. „Wir werden mit dem Wolf leben müssen“, erklärt Stelling, sieht aber auch Handlungsbedarf. Man müsse Tiere schießen, wenn sie die natürliche Scheu vor dem Menschen verlören. Allerdings zweifelt der Jäger Stelling wie auch Naturschützer daran, dass ein Schütze den Wolf auch einwandfrei identifizieren kann und nicht das falsche Tier tötet.  

Illegale Abschüsse befürchtet

Dass die Gefühle beim Wolf so hochkochen, ist nach Ansicht der FDP auch Schuld der Regierenden, also den im Bund und Land zuständigen Umweltministern Svenja Schulze und Olaf Lies (SPD): „Die Politik ist für die emotionale Zuspitzung mitverantwortlich“, sagt der Landtagsabgeordnete Hermann Grupe. Denn während in den Hauptstädten diskutiert werde, vermehrten sich die Tiere weiter und schlügen auf Nutztiere spezialisierte Problemwölfe immer häufiger zu. Und irgendwann würden die Menschen nicht mehr auf Hannover oder Berlin warten, sondern die Sache nach dem Motto „Schießen, Schippen, Schweigen“ selbst in die Hand nehmen. Dass die Befürchtung nicht aus der Luft gegriffen ist, zeigt das Beispiel des Cuxländer Rudels. Das galt als besonders problematisch, bis es 2018 verschwand: Mindestens zwei Tiere waren illegal erschossen worden. Nach Angaben der Bild-Zeitung wurden im vergangenen Jahr bundesweit neun verbotene Abschüsse dokumentiert.   


Der Wolf in Rodewald

Die Ausstellung im Heimatmuseum Rodewald (Dorfstraße 3) ist von Mai bis Oktober am Sonntag von 15 bis 17 Uhr geöffnet, der Eintritt ist frei. Das Museum liegt auch an einem 55 Kilometer langen Fahrrad-Rundweg zum Thema Wolf durch die Region, der am Wolfcenter Dörverden beginnt und auch den Wolfstein umfasst.

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