Fördert Abschuss den Artenschutz? Lies warnt vor Akzeptanzverlust für Wölfe

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Nicht nur der Leitwolf des Rodewalder Rudels ist ins Visier des Landes geraten. Möglicherweise werden noch mehr Tiere getötet. Foto: Lino Mirgeler/dpaNicht nur der Leitwolf des Rodewalder Rudels ist ins Visier des Landes geraten. Möglicherweise werden noch mehr Tiere getötet. Foto: Lino Mirgeler/dpa

Hannover. Ein Verzicht auf den umstrittenen Abschuss des Rodewalder Wolfes hätte nach Meinung von SPD und CDU fatale Folgen für die Akzeptanz des Tieres in der Bevölkerung.

Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies hat erneut für den Abschuss des Leitwolfs des Rodewalder Rudels geworben und die Tötung weiterer Tiere nicht ausgeschlossen. "Wenn wir nicht handeln, fühlen sich die Betroffenen alleine gelassen. Das fördert nicht die Akzeptanz", sagte der SPD-Politiker am Montag im Umweltausschuss des Landtags in Hannover. Der Abschuss liegt derzeit auf Eis, nachdem der "Freundeskreis freilebender Wölfe" rechtlich gegen die Genehmigung vorgegangen war. Das zuständige Verwaltungsgericht in Oldenburg will nach eigenen Angaben möglichst schnell über den Fall entscheiden. 

"Das Rudel hat den Bogen raus"

Der Leitrüde mit der Bezeichnung "GW 717m" und dem Kosenamen "Roddy" wurde vom Land zur Tötung freigegeben, weil sein Rudel ein für Tierhalter problematisches Jagdverhalten gelernt haben soll. 66 Weidetiere sollen die Tiere unter Roddys Anleitung gerissen und weitere 18 verletzt haben. Dabei übersprangen sie vermeintlich wolfssichere Zäune und töteten vermutlich mehrere Pferde, ein Alpaka sowie angeblich vor Wolfsattacken sichere Rinder in Herden. Weil "GW 717m" bei dieser Jagd offenbar nicht alleine war, brachte der lokale Landtagsabgeordnete Frank Schmädeke (CDU) den Abschuss weiterer Tiere ins Gespräch. Denn längst hätten die Wölfe gelernt, gemeinsam große Rinder herunterzuzerren. "Das Rudel hat den Bogen raus", sagte er.

"Sonst nehmen es andere in die Hand"

SPD- und CDU-Abgeordnete sowie der Minister warnten einhellig vor den Folgen eines Nicht-Abschusses: "Wenn wir nicht handeln, fühlen sich die Betroffenen allein gelassen. Das fördert nicht die Akzeptanz", sagte der Minister. Lies erinnerte in diesem Zusammenhang an die Auslöschung des Cuxland-Rudels. 2017/2018 hatten die Tiere mit Rinderrissen Schlagzeilen gemacht. Während Politik und Wolfsberater über einen möglichen Abschuss diskutierten, verschwand das Rudel. Die Tiere gelten als "tot oder verschollen", möglicherweise wurden mehrere illegal erschossen. Der Staat habe sich den Bürgern gegenüber als handlungsunfähig präsentiert, klagte Lies. Auch der CDU-Abgeordnete Martin Bäumer warnte vor den Folgen des Nichtstuns: "Der Staat muss zeigen, dass er handlungsfähig ist, sonst nehmen es andere in die Hand", sagte Bäumer. Drastischer formulierte es Bäumers Parteikollege Jörn Schepelmann: "Die Menschen haben den Glauben an den Staat verloren", sagte der Landtagsabgeordnete aus Celle. Und der Braunschweiger CDU-Mann Frank Oesterhelweg sieht Gefahr für Menschen in Verzug, wenn die Wölfe "vor dem Wohnzimmerfenster" nach Beute suchten.  

Zäune kosten 300 Millionen Euro – in zwei Landkreisen

Für Lies ist der gezielte Abschuss von Problemwölfen eine Art Artenschutz, denn nur so könne die Akzeptanz erhalten werden für die anderen Tiere. Das sei nötig, denn bei aktuell etwa 250 Tieren und einem Populationswachstum von 30 Prozent pro Jahr werde der Wolf bald flächendeckend in Niedersachsen unterwegs sein, glaubt er. Und damit dürften sich Lies zufolge auch die Nutzungskonflikte häufen: Einen Schutz aller Nutztiere mit wolfssicheren Zäunen hält er für unrealistisch: Einer Studie zufolge würde allein der Zaunbau in den Landkreisen Wesermarsch und Friesland 300 Millionen Euro kosten. Hinzu kämen andere Fragen: Müssen Deiche auf der Seeseite künftig umzäunt werden, um die Schafe zu schützen? Und was ist mit den anderen Tieren, die sich in den Zäunen verfangen?  

Grüne halten Abschuss für voreilig

Die Zahl der "Roddy"-Freunde im Ausschuss war überschaubar: Lediglich der Grünen-Abgeordnete und ex-Agrarminister Christian Meyer äußerte Zweifel an dem Abschuss. Lies nenne "vor allem politische und emotionale Gründe", sagte er. "Eine Abstimmung mit dem Bund zum Umgang mit dem Rodewalder Rudel gab es nicht – die Landesregierung wollte hier wohl einen weiteren, fachlichen Widerspruch wie beim Cuxhavener Rudel vermeiden", mutmaßt Meyer. Bis heute könne der Minister nicht belegen, dass alle zumutbaren Alternativen – mehr Herdenschutz oder ein Verjagen des Tieres – ausgeschöpft worden seien. Auch sei noch immer kein Wolf in Niedersachsen besendert. "Der Minister verkündet ständig neue Maßnahmen und nichts wird umgesetzt. Der Akzeptanz des strengen Artenschutzes für den Wolf wird damit ein schwerer Schaden zugefügt", sagte Meyer.


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