Muslimverbände blockieren Lehrplan Sexualität ein Tabuthema im niedersächsischen Islamunterricht?

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Im Islamunterricht sollen junge Muslime die Grundlagen ihres Glaubens lernen. Dazu gehören die fünf Säulen des Islams. Ob auch sexuelle Vielfalt Thema sein darf, darüber gibt es Streit. Foto: dpa/Oliver BergIm Islamunterricht sollen junge Muslime die Grundlagen ihres Glaubens lernen. Dazu gehören die fünf Säulen des Islams. Ob auch sexuelle Vielfalt Thema sein darf, darüber gibt es Streit. Foto: dpa/Oliver Berg

Osnabrück. Sexuelle Vielfalt soll in jedem Schulfach in Niedersachsen berücksichtigt werden – auch im Islamunterricht. Aber Vertreter der Religion blockieren das Thema. Die Zeichen stehen auf Eskalation.

Es hätte eine Formsache sein können: Vor rund vier Jahren entschied der niedersächsische Landtag, dass in jeder Schule und in allen Fächern sexuelle Vielfalt berücksichtigt werden müsse. Heißt konkret: Homo-, Bi-, Trans- und Intersexualität sollen in der Schule thematisiert werden, um das Verständnis der Schüler dafür zu fördern und Diskriminierung zu verhindern.

Auch für den Religionsunterricht gilt das. Beim Islamunterricht scheint es aber Probleme zu geben. Der entsprechende Lehrplan, nach dem bereits seit Jahren in Grundschulen unterrichtet wird, sollte eigentlich längst überarbeitet sein. Die Neufassung haben die Vertreter der Muslime aber laut Kultusministerium abgelehnt.

Welche Rolle spielen die Verbände?

Damit in Niedersachsen überhaupt islamischer Religionsunterricht stattfinden kann, sprechen Land und Islamverbände regelmäßig über die Inhalte. Konkret treffen sich regelmäßig jeweils zwei Vertreter des türkisch-deutschen Verbandes Ditib und der Vereinigung Schura, um über Lehrpläne und Islamlehrer zu beraten. Dieser sogenannte Beirat darf laut einer Vereinbarung mit dem Land darüber entscheiden, ob der Reliunterricht mit den Grundsätzen des Islams übereinstimmt.

Bedenken gegen sexuelle Vielfalt

Laut Kultusministerium hat der Beirat den fertig überarbeiteten Lehrplan für die Grundschulen schon im April 2017 zum ersten Mal abgelehnt – „aufgrund von Bedenken gegen einzelne Formulierungen, darunter auch wegen des Hinweises auf die Berücksichtigung sexueller Vielfalt“. Und das obwohl ein Imam, der den Lehrplan mit überarbeitet hatte, keine Probleme mit dem Text gehabt hätte. Bis heute gibt es offenbar keine Lösung. Das Ministerium will nun prüfen, ob es sich bei den kritisierten Punkten überhaupt um theologische Grundsätze handelt, ob der Beirat also überhaupt gefragt werden muss.

„Nicht zuständig“

Was sagen die niedersächsischen Islamverbände dazu? Ditib und Schura antworten nahezu wortgleich: Zuständig sei der Beirat, in den beide Organisationen Mitglieder entsenden. Inhaltliche Fragen beantworten die Verbände nicht. Beim Beirat heißt es, man wolle zunächst das Kultusministerium anschreiben, um die „Sachlage“ abzufragen. Telefonische Anfragen würden nicht beantwortet. „Vielen Dank für Ihr Interesse.“

Grüne üben Kritik

Die Grünen kritisieren das Vorgehen der Islamverbände: „Es muss möglich sein, auch kontroverse Themen im islamischen Religionsunterricht darzustellen“, sagte der innenpolitische Sprecher der Landtagsfraktion, Belit Onay. Auch der Islam habe immer wieder Berührung mit Themen wie sexueller Vielfalt und Homophobie. Schüler müssten lernen, das einzuordnen. „Es kann doch nicht sein, dass die Verantwortlichen nun bei den ersten Schwierigkeiten die Segel streichen und sich verweigern“, kritisierte Onay. „Dass weder Kultusministerium noch Islamverbände bislang offen über diese Probleme gesprochen haben, zeugt von mangelndem Problembewusstsein.“

Katholiken übernehmen Änderung

Für andere Religionsvertreter scheint die Überarbeitung kein Problem zu sein: Die katholische Kirche erklärte etwa, dass der Lehrplan für Gymnasien bereits geändert worden sei. Andere Curricula seien bislang noch nicht geändert worden, teilte Felix Bernard vom katholischen Büro Niedersachsen mit. Die Lehrpläne würden in unregelmäßigen Abständen nach Bedarf geändert. „Generell befürwortet und begrüßt die Katholische Kirche, dass der Religionsunterricht die Heranwachsenden für Diversität sensibilisiert und sie dazu befähigt, unterschiedlichen Orientierungen und Lebensformen mit Respekt und Achtung zu begegnen, wie es der Geist christlicher Nächstenliebe gebietet“, fügte Bernard hinzu. (mit klw)


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