Neuer Islamverband Muslime in Niedersachsen: Neuanfang oder alles beim Alten?

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Vor allem die Kritik an Ditib ist groß. Das hat die Verhandlungen um einen Staatsvertrag immer wieder verzögert. Foto: Michael GründelVor allem die Kritik an Ditib ist groß. Das hat die Verhandlungen um einen Staatsvertrag immer wieder verzögert. Foto: Michael Gründel

Osnabrück. Jahrelang stockte die Entwicklung – jetzt kommt Bewegung in die muslimische Welt in Niedersachsen. Was passiert gerade und welche Ziele und Interessen stehen dahinter?

Wozu braucht es Islamverbände? Überall in Deutschland schließen sich Gläubige zusammen – in den christlichen Kirchen, bei den Zeugen Jehovas oder Muslimen. Gemeinsam können sie Vereinbarungen mit dem Staat treffen und Vorteile nutzen. Im Islam gibt es keine kirchlichen Strukturen, sondern einzelne Moscheen und Gelehrte. Damit der Staat trotzdem einen einheitlichen Ansprechpartner hat und die Anliegen der Muslime berücksichtigt, braucht es eine Organisation, die das ermöglicht – die Islamverbände. 

Welche Verbände gibt es in Niedersachsen? Mittlerweile gibt es drei Verbände: den türkischen Moscheeverband Ditib, die Schura, in der Menschen unterschiedlicher Herkunft vertreten sind, und seit vergangenem Wochenende die „Muslime in Niedersachsen“, zu denen ebenfalls Gemeinden mit unterschiedlichen Wurzeln gehören.

Warum hat sich ein dritter Verband gegründet? Viele sehen das Vorgehen von Schura und vor allem Ditib kritisch. Beiden wird Nähe zur Türkei vorgeworfen. Das verhinderte bislang auch einen Staatsvertrag, die Anerkennung der Gemeinschaften als sogenannte Körperschaften öffentlichen Rechts.

Was bringt der Staatsvertrag? Als Körperschaften haben Religionsgemeinschaften mehr Rechte. Erst dann wäre zum Beispiel eine Moscheesteuer möglich, wovon wiederum Imame bezahlt werden könnte, die nicht aus dem Ausland kommen. Der Betrieb von Altenheimen, Moscheen oder die Mitsprache beim Religionsunterricht sind davon nicht abhängig, die Kooperation mit dem Staat wäre aber einfacher. Dazu kommen Privilegien wie Steuervergünstigungen.

Geht das nicht auch mit Schura und Ditib? Theoretisch ja, praktisch nein. Die beiden Islamverbände fordern seit langem einen Staatsvertrag. Aus Sicht der Landesregierung gibt es mehrere Gegenargumente: Da sind etwa die Spitzelvorwürfe gegen türkische Ditib-Imame. Auch wenn dafür niemand von einem Gericht verurteilt wurde, bleibt der Vorwurf, dass die Türkei zu viel Einfluss auf die Ditib hat. Zuletzt hatte der ehemalige Ditib-Vorsitzende Yilmaz Kilic sein Amt niedergelegt und es mit zu großem Einfluss der Türkei auf seinen Verband begründet. Auch der Schura wird das vorgeworfen. Außerdem gibt es keine Mitgliederlisten.

Wie geht es mit Ditib weiter? Die Landesregierung will trotz der Vorwürfe grundsätzlich mit Ditib weiterarbeiten. Ein alternativer Ansprechpartner fehle. Die Grünen im niedersächsischen Landtag sind skeptisch: Der Einfluss der türkischen Botschaft auf gewählte niedersächsische Ditib-Vertreter sei überhaupt nicht geklärt, kritisierte der Landtagsabgeordnete Belit Onay gegenüber unserer Redaktion. Erneut werde die Planlosigkeit der Landesregierung deutlich. Es gebe keine Strategie, wie der Einfluss der Türkei auf die Gemeinden verringert werden könne. „Während bei der Ditib beklagt wird, dass Imame aus der Türkei eingesetzt werden, fährt man gleichzeitig mit Anlauf die Imam-Weiterbildung an der Uni Osnabrück vor die Wand“, erklärte Onay. Deren Förderung ist vor Kurzem ausgelaufen.


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