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Eltern und Ministerpräsident gegen Methode Schreiben nach Gehör in der Grundschule: „Fogl“ soll wieder „Vogel“ werden

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Schreiben nach Gehör oder Fibel-Methode? Viele Schulen haben diese Frage schon für sich beantwortet. Foto: dpaSchreiben nach Gehör oder Fibel-Methode? Viele Schulen haben diese Frage schon für sich beantwortet. Foto: dpa

Osnabrück. Sollen Grundschüler von Anfang an korrekt schreiben oder sich erst einmal ausprobieren? Viele Lehrer, Eltern und Politiker haben darauf eine entschiedene Antwort. Das Experiment „Schreiben nach Gehör“ gilt als gescheitert, immer mehr Schulen kehren zur klassischen Lehrweise zurück.

Niedersächsische Schüler haben große Probleme mit der Rechtschreibung. Im bundesweiten Vergleich liegt das Land auf dem drittletzten Platz. Rund zwei Drittel der hiesigen Ausbildungsbetriebe attestieren ihren Azubis Defizite bei der Orthografie. 

Eine Mitschuld an der Misere schreiben viele Politiker, Eltern und Wissenschaftler der Methode „Schreiben nach Gehör“ zu. Dabei lernen Grundschulkinder anhand einer sogenannten Anlauttabelle, Wörter zu schreiben. Wer zum Beispiel Vogel schreiben möchte, sucht zunächst nach dem ersten Buchstaben, der sich so anhört wie das Vogel-V und landet bei einem Bild vom „Fisch“ und dem Buchstaben „F“. Am Ende steht „Fogl“ im Heft.

Befürworter verteidigen, dass die Methode die Kinder besonders motiviere, weil sie sofort drauflosschreiben können. Kritiker argumentieren, dass Fehler im Nachhinein schwer zu korrigieren sind. Außerdem seien die Texte der Kinder nicht nur kaum zu verstehen, die Schüler seien am Ende auch demotiviert, wenn ihnen nach dem zweiten Schuljahr plötzlich jedes Wort als falsch angestrichen werde. Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund seien zusätzlich benachteiligt, weil sie mit den Bildern von Dinos, Fischen und Mäusen in der Anlauttabelle womöglich andere Laute verbinden.

„Die Kinder werden mit ihren Fehlern oft allein gelassen. Diese schleifen sich dann ein, und später ist es schwierig, den Schülern die Fehler wieder abzugewöhnen“, sagte Mike Finke, Vorsitzender des Landeselternrates. 

In diesem Jahr kamen Wissenschaftler der Uni Bonn zu dem Schluss: Wer nur mit Anlauttabelle lernt, macht am Ende der vierten Klasse 55 Prozent mehr Rechtschreibfehler als ein Kind, dass mit einer klassischen Fibel gelernt hat. Bei dieser Methode werden einzelne Buchstaben, Silben und einfache Wörter erlernt. So lernen die Kinder schrittweise. 

Viele Lehrer kombinieren mehrere Ansätze. Auch manchen Fibeln liegt eine Anlauttabelle bei. Die zugehörigen Silben und Wörter werden aber von Anfang an in korrekter Rechtschreibung erlernt.

Methode verboten

Baden-Württemberg und Hamburg haben „Schreiben nach Gehör“, das offiziell „Lesen durch Schreiben“ heißt, bereits im vergangenen Jahr verboten. Im niedersächsischen Koalitionsvertrag steht dazu, man wolle die Methode kritisch überprüfen und gegebenenfalls abschaffen.

Tatsächlich beenden mehr und mehr Schulen das Experiment und kehren zur klassischen Lehrweise zurück. Laut dem niedersächsischen Kultusministerium wird mittlerweile in etwa 90 Prozent der Grundschulen wieder nach der Fibelmethode unterrichtet – zum Teil in Kombination mit einer Anlauttabelle. Grundschullehrer halten das für sinnvoll – so könnten Kinder, die besonders schnell lernen, auch eigenständig weiterarbeiten. 

Formal verbieten will das Ministerium die umstrittene Methode aber offenbar nicht. Auf Anfrage verweist ein Ministeriumssprecher darauf, dass die Lehrinhalte im Fach Deutsch für die Grundschule überarbeitet wurden. Rechtschreibung finde seit dem vergangen Jahr „eine stärkere und deutlichere Betonung“. Zudem werde mehr geübt. Grundsätzlich sei ein „Mix unterschiedlicher Ansätze und Methoden […] schulische Realität“. Das sei auch unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten nicht zu kritisieren.

Die FDP-Fraktion im niedersächsischen Landtag will in einer aktuellen Stunde heute das Thema „Wer lesen, rechnen, schreiben kann, ist klar im Vorteil“ besprechen.

Der Ministerpräsident befürwortet jedenfalls die grundsätzliche Rückkehr zur klassischen Lehrmethode. „Ich begrüße das sehr“, sagt Stephan Weil (SPD) unserer Redaktion. In der Koalitionsvereinbarung sei es als Ziel festgelegt, den Trend zum Schreiben nach Gehör zu stoppen - so richtig verstanden habe er diesen auch nie, sagte Weil.

Weiterlesen: Wie Osnabrücker Grundschüler am besten schreiben lernen


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