Von Schlachthöfen, Weihnachtsgänsen und dem Wolf Agrarministerin Otte-Kinast: „Ich bin Tierschützerin“

Von Dirk Fisser und Klaus Wieschemeyer

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Niedersachsens Landwirtschaftsministerin Barbara Otte-Kinast (CDU) fordert eine bundesweite Videoüberwachung von Schlachthöfen.  Foto: Mohssen Assanimoghaddam/dpaNiedersachsens Landwirtschaftsministerin Barbara Otte-Kinast (CDU) fordert eine bundesweite Videoüberwachung von Schlachthöfen. Foto: Mohssen Assanimoghaddam/dpa

Nach Videoaufnahmen aus Schlachthöfen fordert Agrarministerin Barbara Otte-Kinast mehr Kontrollen. Auch die Verbraucher sieht sie in der Pflicht – zum Beispiel beim Kauf der Weihnachtsgans.

Frau Otte-Kinast, in letzter Zeit sind zahlreiche mutmaßliche Skandalbilder aus niedersächsischen Schlachthöfen veröffentlicht worden. Was folgt auf die Empörung?

Das Thema ist für mich immer noch präsent, da lasse ich nicht locker. Ich habe verstärkte Kontrollen angeordnet: Bis Weihnachten finden pro Woche vier unangekündigte Kontrollen durch die Zulassungsbehörde (LAVES) in niedersächsischen Schlachthöfen statt. Wir zeigen damit der Branche: So geht es nicht weiter. Ich bleibe bei meiner Kritik, dass die veröffentlichten Missstände einen Systemfehler zeigen. Diese Skandalbilder sollten der Beginn einer Diskussion sein. Ich will Tierschutz in Niedersachsen, ich bin Tierschützerin. Tiere sind unsere Mitgeschöpfe. Von der Geburt bis zur Schlachtung müssen sie auch als solche behandelt werden. Ich will eine ethisch vertretbare Lebensmittelerzeugung.

Und eine brauchbare Überwachung?

Da müssen wir besser werden. Deswegen spreche ich mich für eine verpflichtende Videoüberwachung in Schlachthöfen aus. Nicht nur in Niedersachsen, sondern deutschlandweit. Die Veterinäre müssen von ihren Büros aus in der Lage sein, sich rund um die Uhr in die Videosysteme der Schlachthäuser einzuschalten und nach dem Rechten zu schauen. Wir arbeiten derzeit an einer entsprechenden Bundesratsinitiative. Nordrhein-Westfalen hat bereits Unterstützung zugesagt, aber auch aus anderen Bundesländern erhalte ich Zustimmung. Ich sehe hier Niedersachsen als Agrarland Nummer eins aber in der Pflicht voranzugehen. Ich lasse mich dabei nicht von Datenschutz-Skeptikern ausbremsen, das will ich durchziehen, auch wenn es länger dauert. Nächstes Frühjahr möchte ich die Initiative einbringen.

Ihre Familie hält selbst Rinder. Hätten Sie Bilder wie die aus dem Schlachtbetrieb in Bad Iburg für möglich gehalten?

Nein. Wer selbst Rinder hat, der weiß, dass die Tiere, die da von den Anhängern gezogen worden sind, auch irgendwie auf die Hänger befördert worden sein müssen. Vielleicht mit dem Hoftrecker hochgeschoben? Oder von drei, vier Leuten hochgeschoben? Eine schlimme Vorstellung. Und das heißt auch: Es gibt auf den Betrieben Mitwisser. Das macht mich wütend. Hier geht es um mehr als nur einen Veterinär, der offenbar weggeguckt hat. Oder den Schlachthof, der Tiere schlecht behandelt hat. Alle Schuldigen entlang der Kette müssen bestraft werden.

Sie hatten sich in der Vergangenheit dafür ausgesprochen, die Gemeinnützigkeit von Tierrechtsorganisationen zu überprüfen. Genau solche Organisationen haben jetzt aber durch ihre Veröffentlichungen die Missstände aufgedeckt. Müssen Sie Ihr Verhältnis da überdenken?

Natürlich hat mir das zu denken gegeben. Aber an meiner grundsätzlichen Kritik halte ich fest. Was ich an diesen Fällen nicht verstehe: Wir haben in Niedersachsen eine anonyme Meldestelle, bei der Missstände auf Bauernhöfen oder in Schlachthöfen anonym angezeigt werden können. 2017 sind dort gerade einmal sechs Meldungen mit Bezug auf Rinderhaltungen eingegangen. Sechs in einem ganzen Jahr. Ich appelliere an jeden, Missstände hier anzuzeigen! Den Hinweisen wird nachgegangen, dazu sind die Behörden verpflichtet. Wir überlegen derzeit, wie wir die Meldestelle bekannter machen und sie effektiver ausbauen können.

Das sind ja ganz neue Töne von einer CDU-Politikerin. Ihr grüner Vorgänger Christian Meyer hatte die Meldestelle eingeführt und musste sich Stasi-Methoden vorwerfen lassen…

Ich bin Tierschützerin und ich möchte den Tierschutz in Niedersachsen voranbringen. Die Meldestelle ist dafür ein geeignetes Mittel. Und selbstverständlich müssen auch anonyme Meldungen möglich sein, um einen Schutz der Informanten gewährleisten zu können. Wenn die Landwirtschaft zurück in die Mitte der Gesellschaft soll, dann geht das nur, wenn die Landwirtschaft ihren Job ordentlich macht. Wenn es schwarze Schafe gibt, dann müssen diese aussortiert werden. Nur so kann man diejenigen schützen, die es gut machen. Die Landwirtschaft muss hier Vertrauen zurückgewinnen.

Sie haben gesagt, den Verbrauchern sollte Fleisch mehr wert sein. Beispiel Weihnachtsgans: Die aus Polen kostet im Supermarkt derzeit 5 oder 6 Euro, die aus Deutschland schnell mehr als 20. Läuft Ihr Appell da ins Leere?

Wer nur einmal im Jahr Gans isst, dem sollte es dann auch etwas wert sein. In Deutschland wird schließlich keine Gans gemästet, indem ihr eine Röhre in den Hals geschoben und sie so möglichst zügig bis zur Schlachtreife gemästet wird. In anderen Ländern zum Teil jedoch schon. Das sollte man wissen. Zu einer guten und artgerechten Tierhaltung gehört ein höherer Preis. Die Gans aus Deutschland kann man zu Weihnachten auch aus Tierschutzsicht guten Gewissens auftischen.

Beschränkt sich diese Debatte nicht auf einen kleinen Kreis, eine Ernährungselite? In jeder Mensa, in jedem Supermarkt entscheidet der Preis…

Ja, schauen Sie sich zum Beispiel die Verpflegung im Landtag an während der Plenarwochen. Wir Politiker sollten Vorbild sein. Da sollte uns die Bockwurst ruhig auch einen oder zwei Euro mehr wert sein. Die Diskussion muss auf allen Ebenen und sie muss ehrlich geführt werden. Der Gesellschaft muss wieder bewusst werden, dass Töten und Schlachten zum Schnitzel dazugehören. Das ist uns vielleicht fremd geworden, weil wir Fleisch nur eingeschweißt im Supermarkt kaufen. Der Bezug zum Tier fehlt. Fleisch darf nicht verramscht werden, aber natürlich muss es auch bezahlbar bleiben. Oder wir hinterfragen die Menge unseres Konsums. Wir müssen nicht jeden Tag Fleisch essen.

Das sagen Sie als Ministerin in einem Bundesland mit intensiver Fleischproduktion?

Ja, dazu stehe ich. Wir können in Niedersachsen stolz darauf sein, dass wir Agrarland Nummer eins in Deutschland sind. Wir müssen uns aber auch über Qualität unterhalten. Und die hat nun mal ihren Preis.

Lassen Sie uns über ein anderes großes Thema sprechen: den Wolf. Was hat der mutmaßliche Wolfsbiss von Steinfeld verändert?

Hysterie hilft nicht weiter. Vom Wunsch einer allgemeinen Bejagung des Wolfes sind wir noch weit entfernt. Der Wolf wird kurzfristig wohl nicht ins Jagdrecht aufgenommen. Trotzdem müssen wir uns überlegen, wie wir mit der wachsenden Population in Deutschland und Niedersachsen umgehen.

Etwa indem wolfsfreie Zonen ausgerufen werden? Beispielsweise entlang der Deiche?

Ich bin sehr für wolfsfreie Zonen in Niedersachsen. So etwas gibt es in anderen europäischen Ländern bereits. In einigen Regionen unseres Bundeslandes ist kein Platz für den Wolf, in anderen schon. Wo Schafe etwa ihren Beitrag zum Hochwasserschutz leisten, ist kein Platz für den Wolf. Dort müssen wir ihn fernhalten.

Der Umweltminister will die unliebsame Abrechnung von Wolfsrissen künftig nicht mehr in seinem Haus, sondern durch die Landwirtschaftskammer durchführen lassen. Gute Idee?

Da hat es bislang noch keine Detailabsprachen gegeben und ich wäre da zunächst auch sehr zurückhaltend.


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