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Haare von Reh, Hund und Katze gefunden Keine Wolfsspuren nach möglichem Angriff gefunden

Von Klaus Wieschemeyer und Dirk Fisser

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Die wachsende Zahl der Wölfe in Niedersachsen ist laut Umweltminister Olaf Lies ein Problem. Foto: Julian Stratenschulte/dpaDie wachsende Zahl der Wölfe in Niedersachsen ist laut Umweltminister Olaf Lies ein Problem. Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Hannover. Hat ein Wolf im Landkreis Rotenburg einen Mann angegriffen? Die Antwort bleibt vorerst offen: DNA-Spuren wurden nicht gefunden.

Für den angeblichen Angriff eines Wolfes im niedersächsischen Steinfeld haben Wissenschaftler keine Belege  gefunden. Die DNA-Analyse im Auftrag des niedersächsischen Umweltministeriums habe keinen entsprechenden Nachweis erbracht, sagte Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (SPD) auf einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz am Dienstagnachmittag in Hannover.

"Ich hätte mir ein eindeutigeres Ergebnis gewünscht", sagte Lies. Nun müsse weiter geforscht werden, um die Situation vor Ort zu klären. Weil Gefahr im Verzug sei, habe er ein intensiveres Wolfsmonitoring angeordnet. Auch eine Ad-hoc-Besenderung sei auf den Weg gebracht worden, sagte Lies. Diese Besenderung könne allerdings Wochen und Monate dauern, räumte der Minister ein. Derzeit gibt es keinen besenderten Wolf im Land, da die von der Tierärztlichen Hochschule Hannover (TiHo) vorgesehenen Fallen noch nicht genehmigt sind. Auf Dauer soll ein Tier aus jedem der 20 Rudel im Land einen Sender bekommen.

Haare von Hunden, Katzen und Rehe

Lies zufolge fand das beauftragte Senckenberg-Institut in Gelnhausen auf sichergestellten Proben keine Wolfs-DNA. Auf dem Pullover des Mitarbeiters wurden Katzenhaare und drei Speichelproben gefunden, die zweimal von Katzen und einmal von Hund und Katze stammen. Auf dem Hammer, mit dem der Mann den Wolf vertrieben haben will, wurde keine DNA gefunden. Vor Ort wurden weitere Tierhaare gefunden, die allerdings von Rehen stammen. Wegen der gefundenen Spuren soll nun auch nach freilaufenden Hunden in der Umgebung geforscht werden. „Hinweisen auf freilaufende Hunde in der Umgebung in der Umgebung muss nachgegangen werden“, sagte Lies.

Höchstmaß an Klarheit gefordert

Ein Gemeindemitarbeiter hatte berichtet, am vergangenen Dienstag in Steinfeld im Kreis Rotenburg von einem Wolf in die Hand gebissen worden zu sein. Da es keine anderen Zeugen des Vorfalls gibt und der Mann erst am Tag nach dem Biss mit ausgewaschener Wunde zum Arzt gegangen war, habe sich die anschließende Spurensuche schwierig gestaltet. „Die Beschreibung des Betroffenen nehmen wir sehr ernst und arbeiten deshalb daran, ein Höchstmaß an Klarheit zu bekommen“, sagte Lies. Daher sei das Wolfsbüro angewiesen worden, eine aktualisierte Rudelchronik mit Zahl und Bewegung der in der Region lebenden Wölfe zu erstellen. Nach den letzten Informationen lebt ein Rudel mit zwei Eltern- und sieben Jungtieren in der Region. Insgesamt geht das Land davon aus, dass mittlerweile zwischen 200 und 250 Wölfe im Land leben, Tendenz steigend.

Bürgermeister: Wachsam bleiben

„Natürlich hätten wir uns hier ein klares Ergebnis gewünscht, aber letztlich ist der jetzige Ausgang der Untersuchungen auch nicht überraschend“, sagt Frank Holle (CDU), Bürgermeister der Samtgemeinde Tarmstedt, zu der Steinfeld gehört, unserer Redaktion. Es habe sich bereits abgezeichnet, dass vermutlich keine Wolfs-DNA sichergestellt werden konnte.

Für die Bewohner seiner Samtgemeinde gelte es jetzt, wachsam zu bleiben. „Das waren wir hier aber ohnehin schon, da es bereits in der Vergangenheit Begegnungen mit Wölfen gegeben hat“, sagte Holle. Seine Behörde gehe auch der These nach, dass möglicherweise freilaufende Hunde den Gemeindemitarbeiter gebissen haben könnten. „Bislang hat das Ordnungsamt keine Hinweise auf Streuner gefunden.“ Bei einer Drückjagd in unmittelbarer Nähe des mutmaßlichen Tatorts seien am Wochenende ebenfalls keine Wolfs- oder Hundespuren entdeckt worden.

CDU-Bäumer: Forensik-Analyse fehlt

Der CDU-Umweltexperte Martin Bäumer kritisierte, dass das Umweltministerium nicht auch weitere Institute mit der Spurensuche beauftragte. „Man muss sich schon die Frage stellen, warum ausschließlich das Senckenberg-Institut mit der DNA-Analyse beauftragt wurde und nicht beispielsweise ein forensisches Institut, das sich deutlich besser mit der konkreten Spurensuche am Tatort auskennt“, sagte der Landtagsabgeordnete.  Eine Forensik hätte eine rechtssichere Rekonstruktion des Angriffs anhand von Blutspritzern und ähnlichen Indizien erstellen können. „Aktuell sind wir so schlau wie vor der DNA-Analyse“ sagte Bäumer. 

Grüne: Jagd auf „Gespensterwölfe“

Der Grünen-Abgeordnete Christian Meyer erklärte, CDU und SPD jagten „Gespensterwölfe“. „Wieder einmal stellt sich heraus, dass entgegen ersten Meldungen ein Wolf als Täter nicht nachweisbar ist“, sagte der frühere Landwirtschaftsminister. Schon bei früheren Verdachtsfällen hätten sich später Hunde als Übeltäter herausgestellt. Schon beim Riss eines Rehs im Freibad in Bad Bevensen, den getöteten Hunden in Celle und Bodenwerder haben sich später entlaufene Hunde und nicht Wölfe als Täter herausgestellt.

„Vorschnelle Vorverurteilungen wie vom Präsidenten der Landesjägerschaft Helmut Dammann-Tamke (CDU), der sich letzte Woche ganz sicher war, dass ein Wolf erstmals Menschen attackiert hat, stellen sich wieder mal als reine Panikmache heraus“, sagte Meyer. Es sei wohl kein Zufall, dass die „vermeintliche Wolfsattacke“ gleichzeitig mit Vorschlägen der CDU-Bundestagsfraktion für mehr Wolfsabschüsse öffentlich wurde. 

Der Naturschutzbund (Nabu) geht auch von einer Hundeattacke aus. Der Nabu-Landesvorsitzende Holger Buschmann erklärte, die Beschreibung eines „dunkleres Tieres“ weise darauf hin. In Niedersachsen gebe es nur graue freilebende Wölfe. „Leider ist es in solchen Fällen immer so, dass es Akteure gibt, die vorschnell den Wolf als Verursacher benennen, ohne die Faktenlage abzuwarten. Das schürt massiv Ängste in der Bevölkerung“, kritisierte Buschmann. 

Lies will Aufnahme ins Jagdrecht

Lies hatte zuvor gegenüber der dpa eine Aufnahme des Wolfes in das Jagdrecht gefordert. Es müsse geprüft werden, „ob und ab wann die Aufnahme des Wolfes in das Jagdrecht helfen kann, um beispielsweise Fragen von Zuständigkeiten und Befugnissen zu lösen“, sagte Lies am Dienstag. Die Aufnahme bedeutet nicht automatisch, dass das bislang streng geschützte Tier dann auch bejagt werden darf. „Wir kommen jedoch angesichts der deutlich zunehmenden Population eines Tages in Bereiche, in denen auch eine Bestandsregulierung notwendig ist“, sagte Lies. Nach Angaben des Ministers erhöht sich die Zahl der Tiere in Deutschland derzeit „exponentiell“. 

Abschüsse von Problemwölfen sollen erleichtert werden

Eine von Lies angestoßene Initiative im Bundesrat soll ein bundesweites Konzept zum Umgang mit Wölfen bringen. Abschüsse von Problemwölfen sollen erleichtert werden. Eine Aufnahme in das Jagdrecht hatte Lies aber bislang abgelehnt. Das könne falsche Erwartungen wecken, hatte er argumentiert.

Der Deutsche Jagdverband hatte im vergangenen April eine zeitnahe Aufnahme des Wolfs in das Jagdrecht gefordert. Hintergrund waren Vorstöße, spezielle Entnahmetrupps ohne Rücksprache mit den örtlichen Jägern zu bilden. In Niedersachsen ist die Landesjägerschaft für Beobachtung und Dokumentation der Wölfe zuständig.

In Niedersachsen war im April 2016 erstmals seit der Rückkehr der grauen Jäger legal ein Problemwolf getötet worden – das im Internet von Naturschützern Kurti genannte Tier mit der Bezeichnung MT6. Geschossen hatte auf Veranlassung des damaligen Umweltministers Stefan Wenzel (Grüne) ein Scharfschütze der Polizei.

(Weiterlesen: Der Biss von Steinfeld: Der mutmaßliche Wolfsangriff und die Folgen)


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