Traurige Schicksale auf einer neuen Webseite Wo im Nordwesten Niedersachsens die Synagogen brannten

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Das jüdische Textilwarengeschäft „Samson David“ wurde wie viele andere am 10. November 1938 von den Nationalsozialisten beschädigt. Foto: Medienzentrum Osnabrück, Sammlung OrdelheideDas jüdische Textilwarengeschäft „Samson David“ wurde wie viele andere am 10. November 1938 von den Nationalsozialisten beschädigt. Foto: Medienzentrum Osnabrück, Sammlung Ordelheide

Osnabrück/Leer. Heute vor 80 Jahren brannten Synagogen und jüdische Geschäfte auch in Niedersachsen. Eine neue Webseite erzählt von zahlreichen jüdischen Schicksalen in 53 Orten zwischen Dornum an der Nordsee und der Landeshauptstadt Hannover. Noch immer sind nicht alle Opfer und Täter bekannt.

Im Internet kann man sich unter www.pogrome1938-niedersachsen.de einen Überblick über die Ereignisse und ihre Folgen verschaffen: Was geschah im November 1938 in meiner Heimatstadt? Wer waren die Täter, was passierte mit den Opfern? Welche Spuren lassen sich heute noch finden?

Erfahren kann man dort von zahlreichen jüdischen Schicksalen in 53 Orten zwischen Dornum an der Nordsee und der Landeshauptstadt Hannover. Für die Webseite hat die Stiftung niedersächsischer Gedenkstätten neue Quellen ausgewertet, auch bisher unbekannte Fotos sind dort zu sehen. Viele Forscher und Stadtarchivare halfen mit Hinweisen. Initiativen, Gedenkstätten und Einzelpersonen aus vielen Teilen Niedersachsens haben sich dem Gemeinschaftsprojekt angeschlossen.

"Immer noch weiße Flecken"

Dennoch gibt es zu manchen Orten weiterhin nur wenige Informationen, oft sind weder Opfer noch Täter bekannt. „Es gibt immer noch weiße Flecken. Unser Projekt lädt zum Mitmachen ein, wir würden uns über Ergänzungen freuen“, sagt Jens-Christian Wagner, Geschäftsführer der Gedenkstättenstiftung.

Am 9. November 1938 riefen die Nationalsozialisten dazu auf, jüdische Geschäfte und Synagogen zu zerstören. Eine Rede von Propagandaminister Joseph Goebbels in Erinnerung an den Hitler-Putsch von 1923 war das Signal zum Losschlagen – und gleichzeitig offizielle Handlungsanweisung zur Gewalt gegen jüdische Mitbürger. 1400 Synagogen und Betstuben wurden in der folgenden Nacht im gesamten Deutschen Reich zerstört, Hunderte Menschen starben, unzählige wurden verletzt. Zehntausende Juden wurden in Konzentrationslager verschleppt. Auch im Nordwesten Niedersachsens tobte der Mob.

Erstes Bethaus in der Kirchstraße (Drittes Gebäude auf der rechten Seite). Postkarte um 1900. Stadtarchiv Leer

  • Leer:  Bürgermeister Erich Drescher steckte die Synagoge persönlich mit in Brand und hinderte die Feuerwehr am Löschen. Alle Juden der Umgebung wurden abgeholt und in einer Viehhofanlage eingesperrt. SA-Leute zerstörten Geschäfte, durchsuchten die Wohnungen und nahmen Wertgegenstände mit. Drescher wurde 1951 zu 21 Monaten Zuchthaus verurteilt – wegen der Untersuchungs- und Internierungshaft kam er aber sofort wieder frei. 17 SA-Leute darunter ein Studienrat, Malermeister, Bauingenieur und Kaufmann, wurden wegen ihrer Mittäterschaft zu Strafen unter einem Jahr verurteilt.
Das Portal der ausgebrannten Synagoge am Morgen nach der Pogromnacht in Leer. Stadtarchiv Leer

  • Bremen: In Bremen wurden jüdische Geschäfte zerstört, Synagogen brannten lichterloh und antisemitische Schilder verunglimpften die Mitbürger – alles auf Befehl des damaligen Regierenden Bürgermeisters und Führers der SA-Gruppe Nordsee, Heinrich Böhmcker. 162 Männer wurden ins KZ Sachsenhausen transportiert, fünf Juden in der Pogromnacht erschossen. Erst 1947 bekamen zwei Brüder für den Totschlag des Juden Heinrich Rosenblum sechs und acht Jahren Zuchthaus – das einzige Urteil, das Massenproteste wegen zu großer Milde auslöste. 50 000 Arbeiter legten für fünf Minuten die Arbeit nieder. Im Revisionsverfahren bekamen die Täter acht und zwölf Jahre, wurden aber bereits 1951 entlassen oder begnadigt.

  • Delmenhorst: Gegen 1 Uhr in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wird die Delmenhorster Feuerwehr zu einem Brand an der Cramerstraße gerufen: Die Synagoge der jüdischen Gemeinde steht in Flammen. Doch die Feuerwehr beschränkt sich, auf Befehl von höherer Stelle, auf den Schutz der nebenstehenden Häuser. Und auch die etwa zeitgleich auf Motorrädern ankommende Polizei unterlässt alle Maßnahmen zur Rettung des Gebäudes. Unter denjenigen, die sich das furchtbare Schauspiel ansehen, ist auch Bernhard Himmelskamp. 1928 hatte er die Synagoge im Auftrag der jüdischen Gemeinde bauen lassen und nun erlebt er, wie diese vom braunen Mob niedergebrannt wird.

  • Osnabrück: Um 23.55 Uhr ging ein Telegramm der Gestapo in Berlin an die Osnabrücker SA ein. Darin wurden „spontane Aktionen“ gegen Juden befohlen. Nur eine halbe Stunde danach versammelten sich 200 bis 300 SA-Männer in Zivil auf dem Marktplatz. Während sich ein Teil auf den Weg zur Synagoge in der Rolandstraße machte, fuhren die Übrigen in Kleingruppen von drei bis zehn Personen zu den Wohnungen der noch in Osnabrück lebenden Juden. Die Synagoge steckten sie in Brand, nachdem sie Thorarollen und andere Utensilien für den Gottesdienst auf die Straße gezerrt hatten. Da sich sowohl die Ordnungspolizei als auch die Feuerwehr zurückhalten sollten, wurde nichts gegen das Feuer unternommen. Einzig das benachbarte Gebäude der Bezirksregierung wurde mit Wasser besprüht, weil sich die Akten aufgrund des Brandes erhitzten. Auch der jüdische Friedhof in der Magdalenenstraße wurde geschändet. Im Synagogenbrandprozess wurden 1949 acht Angeklagte zu Strafen zwischen drei und zehn Monaten verurteilt, einer wurde freigesprochen. 
Die ehemalige Synagoge der Jüdischen Gemeinde in der Osnabrücker Rolandstraße. Foto: NDR/Trebitsch-Media AV

Weiterlesen: Das leere Haus in der Osnabrücker Herderstraße – und was auf den Artikel folgte


  • Fürstenau: Den Schrecken der Novemberpogrome in Fürstenau erlebte der Jude Bernhard Süskind hautnah. „Die Stadt hatte eine Wandlung durchgemacht. Alte Freunde und Bekannte schauten fort, wenn ich ihnen begegnete. Andere warfen mir Schimpfworte nach“, erinnert er sich in seinem Buch „Wir waren doch Freiwild“. Um nicht angepöbelt zu werden, verließ er nicht mehr das Haus. Süskind wurde einen Tag nach der Pogromnacht von der SS in Fürstenau abgeführt und in das KZ Buchenwald gebracht. Er überstand die Qualen. Inzwischen ist er 95 Jahre alt und lebt in New York.  
SA-Männer verbrennen die Thora-Rolle aus dem Gebetshaus in Fürstenau. Foto: Archiv Bernd Kruse, Repro Jürgen Schwietert

  • Jever: Die Jüdin Änne Gröschler und ihr Mann gehörten auch nach der Machtergreifung der Nazis ein paar Jahre noch zu angesehenen Bürgern in Jever. Doch die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 war eine grauenvolle Zäsur: Die Wohnung des Ehepaars wurde geplündert. Während Änne Gröschler nur kurzzeitig inhaftiert war, wurde ihr Mann Hermann zusammen mit zwölf weiteren Männern aus Jever in das Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert. Später floh das Paar in die Niederlande, wo sie auch nicht sicher waren. Sie wurden ins KZ Bergen-Belsen gebracht, wo Hermann schließlich starb. Änne aber verließ das KZ lebend. Nach Kriegsende zog sie zurück nach Groningen, wo sie bis zu ihrem Tod 1982 lebte. Nach Deutschland kehrte sie nie mehr zurück. 
Änne und Hermann Gröschler aus Jever, um 1930. Das Paar ereilte ein schlimmes Schicksal wie vielen Juden in Niedersachsen. Foto: Archiv H. Peters

  • Dornum: Schon 1935 war die Dornumer Kirchstraße, in der die Synagoge stand, in Adolf-Hitler-Straße umbenannt worden. Die Reichspogromnacht überstand das jüdische Gotteshaus und ist heute das einzige weitgehend im Originalzustand erhaltene Ostfrieslands. Als die Nazis am 10. November 1938 die Synagoge zerstören wollten, behauptete der nicht-jüdische Möbelhändler August Teßmer, dass ihm das Gebäude gehöre, aber die gesamte Einrichtung den Dornumer Juden. Daher demolierte die SA „nur“ die Bänke, Fenster, Gemeindebücher, Thorarollen und die herausgebrochene Ehrentafel der Gefallenen des Ersten Weltkrieges vor zahlreichen Schaulustigen. Am folgenden Tag um vier Uhr morgens brachte die Gestapo die jüdischen Männer Dornums nach Oldenburg. Wie Vieh wurden sie durch die Stadt zum Bahnhof getrieben und mit dem Zug nach Berlin ins Konzentrationslager Sachsenhausen transportiert. 
Karla Weinthal wurde mit ihrer ganzen Familie aus Dornum 1942 in Treblinka ermordet. Foto: Archiv Georg Murra-Regner

  • Emden: Am Vormittag des 10. November wurde der Emdener Salomon „Sally“ Löwenstein ins KZ Sachsenhausen transportiert. Mit seinen Mitgefangenen musste er 12 Stunden lang ohne jegliche Versorgung am Tor des Lagers stehen. Diese Tortur ertrug sein von der Anreise geschwächter Körper nicht mehr. Löwenstein brach zusammen und verstarb am 12. November 1938. Seiner Witwe wurde drei Wochen später die Urne gegen eine Gebühr von drei Mark zugesandt.
Die alte Synagoge zu Emden 1912, bevor sie in der Reichspogromnacht zerstört wurde. Stadtarchiv Emden

  • Lingen, Sögel, Lathen, Werlte: Die jüdischen Bürger in Lathen hatten sich am Morgen nach der Pogromnacht zu einem Sterbegottesdienst in der Synagoge versammelt, als ein SA-Trupp das Gebäude stürmte, die Menschen hinausdrängte und den Bau in Brand steckte. Danach fuhr der Trupp nach Sögel weiter, um hier ebenfalls die Synagoge zu zerstören. Anschließend wurde der Betraum in Werlte demoliert, das Inventar herausgeschleppt und öffentlich verbrannt. Dieses Schicksal ereilte auch die Lingener Synagoge. Das letzte verbliebene Geschäft mit jüdischem Inhaber, das Fredy Markreich gehörte, wurde verwüstet. Angaben über die Täter im südlichen Emsland fehlen bis heute. 


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