"Gesellschaftlicher Wandel" Gedenkstättenleiter fordert Anti-Rassismus-Beauftragten

Von dpa

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Jens-Christian Wagner, Leiter der Gedenkstätte Bergen-Belsen. Foto: Holger Hollemann/dpaJens-Christian Wagner, Leiter der Gedenkstätte Bergen-Belsen. Foto: Holger Hollemann/dpa

Hannover. Das gesellschaftliche und politische Klima habe sich in Richtung Rassismus, Abschottung und Nationalismus gewandelt, beobachtet der Historiker Jens-Christian Wagner. Aus diesem Grund unterstützt er eine Initiative der niedersächsischen Landtagspräsidentin.

Der Leiter der Gedenkstätte Bergen-Belsen, Jens-Christian Wagner, hat einen Anti-Rassismus-Beauftragten für Niedersachsen gefordert. Man scheue sich nicht mehr so sehr, rassistische, revisionistische und antisemitische Gedanken zu äußern, sagte der Historiker der Deutschen Presse-Agentur. Zweifellos hätten sich die Grenzen des Sagbaren verschoben. "Das merken wir auch in Gedenkstätten oder in Kommentaren auf unseren Social-Media-Auftritten", berichtete Wagner, der auch Geschäftsführer der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten ist. Gleichzeitig sei aber auch die Stimme derer, die die Gedenkstättenarbeit unterstützen, deutlicher zu hören.

Niedersachsens Landtagspräsidentin Gabriele Andretta (SPD) hatte sich im Frühjahr für einen Landes-Antisemitismusbeauftragten ausgesprochen. Wagner unterstützt Andrettas Vorschlag, hält es aber nach eigenen Worten "für ratsam, das Problem der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit beziehungsweise der Hetze und Übergriffe gegen Minderheiten" nicht auf den Antisemitismus zu beschränken. Islamfeindlichkeit und rassistische Hetze gegen Geflüchtete oder Sinti und Roma seien genauso schlimm, betonte er.

"Hohe Dunkelziffer"

Die Grünen-Fraktion im Landtag unterstützt Wagners Vorstoß. "Wir erleben in den letzten Jahren eine Zunahme von Straftaten, die aufgrund von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit begangen werden. Die Dunkelziffer ist weitaus höher", sagte die Grünen-Abgeordnete Julia Willie Hamburg. Politik müsse Rahmenbedingungen schaffen, diesem Hass zu begegnen. Ein Landesbeauftragter könne der Anstoß sein, neue Wege zu gehen und Projekte zu entwickeln.

An diesem Freitag wird unter anderem in Hannover und Bremen der antisemitischen Pogrome vor 80 Jahren gedacht. In den Tagen um den 9. November 1938 wurden von den Nazis zentral gesteuert überall in Deutschland Menschen jüdischen Glaubens verhaftet und ermordet, Wohnungen verwüstet sowie Synagogen in Brand gesetzt.

Gedenkveranstaltungen

Im niedersächsischen Landtag spricht am Freitag (11.00) Yvonne Koch aus Düsseldorf, die als Zehnjährige ohne ihre Eltern ins Konzentrationslager Bergen-Belsen verschleppt wurde.

Im Bremer Bunker Valentin gibt es am Freitag eine Performance zum Gedenken an die Reichspogromnacht, die von den Nazis als "Reichskristallnacht" verharmlost wurde. In der Hansestadt wurden am 9. November fünf Menschen erschossen, reichsweit waren es über 90.

Die neue Internet-Seite www.pogrome1938-niedersachsen.de umfasst Informationen zu den Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung in mehr als 50 Orten im Norden. Trotz zentraler Vorgaben hätten die Menschen vor Ort entschieden, wie brutal vorgegangen wurde. "Daraus können wir lernen, dass Geschichte eben nicht einfach geschieht, sondern das Ergebnis konkreter Entscheidungen handelnder Akteure ist."


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