zuletzt aktualisiert vor

Ungeklärte Verbrechen "Cold Cases" in Niedersachsen – wenn Ermittler jahrelang rätseln

Von dpa

Meine Nachrichten

Um das Thema Niedersachsen Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Auf dem Hof Rehme bei Hilter geschah 1973 ein Mord. Foto: Kathrin PohlmannAuf dem Hof Rehme bei Hilter geschah 1973 ein Mord. Foto: Kathrin Pohlmann 

Hannover. Systematisch und mit modernster Kriminaltechnik will die Polizei sich alte Tötungsdelikte und verdächtige Vermisstenfälle vorknöpfen. 294 solcher „Cold Cases" gibt es in Niedersachsen. Mit einem ähnlichen Vorgehen kamen Fahnder in Hamburg und Thüringen schon vorwärts.

Fußböden stemmte die Polizei auf, durchforstete Waldstücke und öffnete selbst ein Grab, am Ende erfolglos. Zehn Jahre sind seit dem Verschwinden der damals 18-jährigen Mandy aus Nienburg vergangen, zuletzt wurde sie bei ihrem Freund in Celle gesehen. Um solche Altfälle, sogenannte „Cold Cases", systematisch anzugehen, hat das Landeskriminalamt in Niedersachsen nun nach dem Vorbild anderer Bundesländer ein Konzept erstellt. 268 seit langem ungeklärte Tötungsdelikte sowie 26 Vermisstenfälle, bei denen ein Gewaltverbrechen vermutet wird, wurden inventarisiert, teilte das Innenministerium am Donnerstag mit. Das älteste ungeklärte Tötungsdelikt in der Fallsammlung stammt aus dem Jahr 1947.

Mit dem Wälzen alter Akten begann vielfach das Inventarisieren und Digitalisieren der Altfälle, berichtete der Innenministeriumsexperte im Referat für Kriminalitätsbekämpfung, Uwe Lietzau. Nun solle den Polizeidienststellen bei der Priorisierung der Fälle geholfen werden, bei denen sich eine Wiederaufnahme lohnt. „Es ist der Landesregierung wichtig Cold Cases regelmäßig zu prüfen unter Berücksichtigung modernster Kriminaltechnik. So verfügt das kriminaltechnische Institut des LKA seit zwei Jahren über ein besonderes Verfahren, mit dem die DNA auch bei kleinsten Hautpartikeln bestimmt werden kann. Es ermöglichte unter anderem die wahrscheinliche Klärung der Göhrdemorde bei Lüneburg.

Keine eigene „Cold-Case-Unit"

Anders als etwa Hamburg hat Niedersachsen nicht an eine zentrale Sonderermittlungsgruppe, einer „Cold-Case-Unit", gedacht. Das Bearbeiten der Altfälle solle weiterhin in der Hand der jeweiligen Polizeidienststellen liegen. „Die haben die Kompetenz zur Bearbeitung der Cold Cases", sagte Lietzau. Dort gehörte es schon bisher zur Routine, ungeklärte Fälle von Mord- und Totschlag regelmäßig aus dem Regal zu ziehen. Hamburg habe eine Sondereinheit gebildet, weil sich das bei einem Stadtstaat anbiete. Flächenländer hätten sich dazu bisher nicht entschieden, so Lietzau.

Dass sich das Aufarbeiten der „Cold Cases" lohnt, bewies die „Soko" kürzlich in Hamburg. Dort muss sich ein 54-Jähriger seit einigen Wochen wegen eines 37 Jahre zurückliegenden Mordversuches an einer Jugendlichen vor dem Landgericht verantworten. Und auch in Bremen gibt es ein systematisches Herangehen an Altfälle, jeder unaufgeklärte Case erhielt dort bei der Kriminalpolizei einen Paten, der Spuren bewertet und neue Ansätze verfolgt.

2011 gab es einen spektakulären Erfolg: Der Mord an einer 17-Jährigen nach dem Verlassen einer Disco im Jahr 1971 wurde mit der erneuten Auswertung einer Speichelprobe geklärt, der Täter war bereits gestorben. Zur Rekonstruktion der Tat an einem Bahndamm schickten die Fahnder sogar einen Museumszug über die Gleise.

"Cold Cases" auch in NRW

Auch in Nordrhein-Westfalen knüpfen sich Spuren-Spezialisten und Profiler des LKA die rund 900 ungelösten Tötungsdelikte seit 1970 erneut vor. Auch dort werden alte Asservate erneut unter die Lupe genommen in der Hoffnung, mit neuer Technik vielleicht doch DNA-Spuren sichern zu können. Das Vorgehen der Fahnder hat System: Tatzeit, Tatort, Opfer, Alter, Motivlagen und Spuren werden in ein Fallbearbeitungssystem übertragen.

In Thüringen ist es die Sonderkommission „Altfälle", die sich seit einiger Zeit an ungelöste Fälle vergangener Jahre macht. Mit moderner Technik etwa versuchte sie im vergangenen Jahr, die Szenerie am Saaleufer nachzustellen, wo 1993 ein ermordeter Neunjähriger gefunden wurde. Digitale Aufnahmen sollten eine dreidimensionale Rekonstruktion des Fundortes ermöglichen - und brachten tatsächlich neue Ermittlungen in Gang. Die Polizei sucht inzwischen den Schreiber eines anonymen Briefes von damals, Hunderte Männer gaben vor einigen Wochen freiwillig eine Speichelprobe ab. Offen ist allerdings weiter, ob der Fall geklärt wird. 

"Cold Cases" in Niedersachsen

Die getötete Ute Werner, ein erstochener Rentner – und ein schon 1973 ermordet aufgefundener Landwirt in Hilter: Wenn ein schweres Verbrechen nach einem Jahr noch nicht aufgeklärt ist, sprechen die Ermittler von einem "Cold Case". Einige dieser Fälle aus Niedersachsen im Überblick:

Die Fälle gelten als "kalt", weil der Täter trotz langwieriger Ermittlungen noch nicht gefasst ist. Das Landeskriminalamt hat nun ein neues Konzept erstellt, wie solche Fälle künftig aufgearbeitet werden sollen. 

HILTER, OKTOBER 1973: Ein Postbote entdeckt die Leiche eines Landwirts auf dessen Hof im Landkreis Osnabrück. Die Ermittler stellen fest, dass der Mann nach immenser Gewalteinwirkung gestorben ist. Der Bauer lebte alleine. Die Polizei findet keine Zeugen der Tat und konnte sie bis heute nicht aufklären. Aufgrund der starken Verletzungen geht die Polizei von einem Gewaltverbrechen aus.  (Weiterlesen: Ungeklärter Mord in Borgloh: Es geschah am Tag vor Erntedank)

OSNABRÜCK, 22. AUGUST 1988: Ein Spaziergänger findet die Leiche einer seit zwölf Tagen vermissten 22-jährigen Ute Werner am Stadtrand von Osnabrück. Die Ermittler gehen von einem Sexualmord aus. Die junge Frau fuhr oft per Anhalter. Am Tag ihres Verschwindens ist sie auf dem Weg von der Arbeit in Osnabrück nach Bad Rothenfelde, wo sie lebte.

USLAR, MÄRZ 2004: Zwischen abgesägten Ästen auf einer Böschung an der Bundesstraße 241 wird eine Babyleiche gefunden. Das kleine Mädchen hat dort vermutlich schon wochenlang gelegen. Die Obduktion ergibt, dass das Baby bei der Geburt noch lebte und dann durch stumpfe Gewalt getötet wurde. Die Polizei kennt die Identität des Kindes bis heute nicht und hat keinen konkreten Hinweis auf den oder die Täter.

BAD SACHSA, 7. JANUAR 1994: In einem Waldstück im Südharz wird ein Rentner getötet. Der Täter sticht mehrmals auf den 82-Jährigen ein, der auf dem Heimweg von einem Arztbesuch in Bad Sachsa in seinen nahe gelegenen Heimatort Steina war. Anschließend schneidet der Unbekannte seinem Opfer den Kopf ab. Die Leiche wird durch einen Wald geschleift und später gut 100 Meter vom Tatort entfernt gefunden. Der Kopf bleibt verschwunden.

BERGEN, 1. JANUAR 2001: Eine Schülerin aus Groß Gaddau im Landkreis Lüchow-Dannenberg ist auf dem Heimweg von ihrem Freund im nahe gelegenen Bergen/Dumme. Doch sie verschwindet spurlos. Zeugen sehen sie zuletzt an einer Bushaltestelle, seither wird das damals 15 Jahre alte Mädchen vermisst. Die Ermittler arbeiten Hunderte Spuren ab. Mehrere große Suchaktionen verlaufen ergebnislos.

NIENBURG, 13. SEPTEMBER 2008: Eine 18-Jährige verlässt am Abend die elterliche Wohnung und wird zuletzt bei ihrem Freund in Celle gesehen. Anschließend verliert sich ihre Spur. Die Polizei ermittelt zunächst gegen den damals 20-jährigen Freund. Auf der Suche nach der Vermissten und Beweismitteln werden die Fußböden in einem Wohnhaus aufgestemmt und mehrere Waldgebiete durchsucht. Alles ohne Erfolg. Auch ein von den Eltern der jungen Frau beauftragter Privatdetektiv kann den Fall nicht aufklären.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN