Jagdgesetz: Streit um Wildschweinjagd Den Nutrias in Niedersachsen geht es an den Pelz

Nutrias fühlen sich auch in der Autostadt Wolfsburg wohl. Foto: dpaNutrias fühlen sich auch in der Autostadt Wolfsburg wohl. Foto: dpa

Hannover. Niedersachsen will angesichts der nahenden Afrikanischen Schweinepest die Jagd auf Wildschweine erleichtern. Eine entsprechende Änderung des Jagdgesetzes ist umstritten. Anders sieht es beim Mutterschutz für Nutrias aus.

Die geplante Ausweitung der Nutriajagd in Niedersachsen stößt auf breite Zustimmung. Bei einer Landtagsanhörung begrüßten verschiedene Verbände die Pläne des CDU-geführten Agrarministeriums für eine Novelle des Jagdgesetzes. Das Land will die Biberratte zurückdrängen, und dabei auch Muttertiere erlegen lassen. Für Henk Post vom niederländischen Wasseramt die richtige Entscheidung. Zwar wirke die Tötung von Muttertieren zunächst grausam, aber angesichts der Vermehrungsrate von bis zu drei Würfen mit jeweils bis zu zwölf Jungtieren pro Jahr sei es grausamer, die Tiere am Leben zu lassen. Die Niederlande haben sich vorgenommen, Nutrias und Bisamratten aus dem zu 60 Prozent unter dem Meeresspiegel liegenden Land zu „entfernen“, also auszurotten.

Dafür gibt es 425 hauptamtliche Jäger, die den Staat 35Millionen Euro im Jahr kosten. Das Problem: Aus Deutschland wandern immer neue Tiere ein, weshalb der Bestand inzwischen wieder wächst. Denn die Niederlande seien mit Wasser, Futter und Deichen für Nutrias ein wahres Paradies – zumindest bis der Jäger kommt.

Sollbruchstelle für jeden Deich

Um die Lage in den Griff zu bekommen, gibt es mittlerweile Kooperationen der Niederlanden mit den Deutschen im Raum Vechte sowie mit den nordrhein-westfälischen Kreisen Borken und Kleve. Auch der niedersächsische Wasserverbandstag fordert eine Ausweitung der Jagd, denn die Nutrias wühlen sich tief in Deiche und Dämme hinein. Dadurch können die Bauwerke instabil werden – und sogar brechen. „Eine Nutria-Höhle ist eine Sollbruchstelle für jeden Deich“, sagte Geschäftsführer Godehard Hennies. „Wir reden über ein erhebliches Problem und ein Gesetz zum Schutz von Menschen, die hinter Deichen leben.“

Immer mehr Nutrias

Nach Angaben von Hennies wächst die Population der als Pelzlieferanten nach Europa eingeschleppten Tiere in Niedersachsen ständig. In der aktuellen Jagdsaison seien bereits 24000 Tiere erlegt worden, Tendenz rasant steigend.

Auch die Mehrheit im Niedersächsischen Landtag ist für mehr Nutriajagd. Lediglich die Grünen lehnen den jetzigen Entwurf ab, nachdem künftig auch Nicht-Jäger Fallen aufstellen dürfen. Es brauche eine Professionalisierung mit Berufsjägern wie in den Niederlanden, fordert die Landtagsabgeordnete Miriam Staudte. Außerdem müsse man auch nach Aufhebung des Mutterschutzes die Jungtiere im Blick behalten.

Streit um Wildschweine

Während die Ausweitung der Nutriajagd auf breite Zustimmung stößt, gibt es bei der ebenfalls geplanten verstärkten Wildschweinjagd viele Vorbehalte. Auch hier will das Land den Mutterschutz aufgeben –Grund ist hier die anrückende Afrikanische Schweinepest (ASP), die jüngst in Belgien ausgebrochen ist und die Nutztierbestände im Land bedroht. Kritiker halten die Wildschweine allerdings für die falschen Sündenböcke, denn das Virus werde oft durch den Menschen in den Stall geschleppt. „Auch durch den Verzicht auf Tierschutz lässt sich die Ausbreitung einer Seuche nicht aufhalten“, sagte der Vorsitzende des Landesverbandes des Deutschen Tierschutzbundes, Dieter Ruhnke, am Mittwoch im Landtag. Möglicherweise könne der verstärkte Abschuss sogar die Ausbreitung begünstigen, wenn ein leer geschossenes Revier durch infizierte Schweine in Beschlag genommen werde. Stattdessen brauche es strenge Hygienevorschriften im Stall. Ein Überspringen vom Wild- aufs Hausschwein sei ansonsten unwahrscheinlich.

Seuche als Vorwand?

Die Grünen fürchten überdies eine Aushöhlung von Tierschutzstandards unter dem Vorwand der Seuchenbekämpfung. So solle die Jagd auf Wild aus Autos heraus erlaubt werden. Die SPD-Abgeordnete Karin Logemann kann sich wegen dieser Kritik gut vorstellen, dass die neuen Befugnisse künftig nur auf die ASP bezogen werden. Man wolle mit dem Koalitionspartner CDU reden.

Die FDP fordert „die sofortige Erlaubnis des Jagens mit Nachtzieltechnik“, sagte der Abgeordnete Hermann Grupe. Es gebe eh schon zu viele Wildschweine im Land, und der trockene Sommer werde noch zur weiteren Vermehrung führen. „Wir müssen den Bestand schnell und deutlich reduzieren“, fordert er. Ein Jagdgesetz müsse alle Möglichkeiten eröffnen, im Seuchenfall gegenzusteuern.


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