Interview mit GEW-Chefin Laura Pooth Was tun gegen den Lehrermangel in Niedersachsen?

Von Stefanie Witte, 11.09.2018, 14:55 Uhr
Fordert bessere Arbeitsbedingungen für Lehrer: Laura Pooth, Vorsitzende der Bildungsgewerkschaft GEW. Foto: dpa

Osnabrück. Überall werden Lehrer dringend gesucht. Laura Pooth vertritt als Vorsitzende der Bildungsgewerkschaft GEW rund 30.000 Mitglieder. Am Donnerstag will sie mit Hunderten Lehrern vor den Landtag in Hannover ziehen, um für bessere Arbeitsbedingungen an Schulen zu demonstrieren. Im Interview erklärt sie, wie das Land gegen den Lehrermangel vorgehen sollte und spricht darüber, wie sie Französisch unterrichten musste, ohne ausreichend qualifiziert zu sein.

Zum Beginn des Schuljahres haben 245 Quereinsteiger als Lehrer in Niedersachsen angefangen. Ist das sinnvoll?

Wir haben unsere Meinung dazu in den vergangenen Jahren deutlich geändert. Wir hatten befürchtet, dass die mangelnde pädagogische Ausbildung den Lehrerberuf abwerten könnte. In einer Notsituation wie dieser halten wir es für gut, wenn sie die Schulen bereichern. Allerdings stört es uns, dass die Quereinsteiger ins kalte Wasser geworfen werden. Sie müssen vor der ersten Unterrichtsstunde weitergebildet werden und dann auch berufsbegleitend. Im Moment haben sie eine viel zu hohe Unterrichtsverpflichtung. Die müsste deutlich reduziert werden. Gleichzeitig braucht es mehr Plätze an den Studienseminaren.

Sie kennen sich aus mit Unterricht, der nicht dem eigenen Studium entspricht. Haben Sie sich in fremden Fächern ausreichend qualifiziert gefühlt?

Nein, überhaupt nicht. Ich habe Englisch und Deutsch studiert und später Hauswirtschaftslehre und Französisch unterrichtet. Das ist auch ein Grund, warum ich mich jetzt so sehr in der GEW engagiere. Ich finde es toll, dass es möglich ist, auch andere Fächer zu unterrichten. Das kann eine Bereicherung sein. Aber die Qualifizierungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten fehlen ebenso wie die Zeit dafür. Es ist schwierig, sich das alles selbst beizubringen.

Wie haben Sie sich zur Französischlehrerin weitergebildet?

Ich habe mir Bücher besorgt und versucht, mich einzulesen. Außerdem habe ich versucht, Sprachkurse zu besuchen. Aber ich habe das nicht als qualitativ hochwertig empfunden. Weiterbildungsmöglichkeiten hat man mir weder angeboten, noch habe ich etwas in der Richtung gefunden.

Ein weiteres Problem besteht darin, dass auch in diesem Schuljahr wieder viele Lehrer an andere Schulformen geschickt wurden. Der Aufschrei dazu war in diesem Jahr allerdings leiser. Lief die Organisation besser?

Ich hatte den Eindruck, dass viele in diesem Jahr mit den Abordnungen gerechnet haben. Dadurch ist der Protest nicht so laut geworden. Außerdem war das Ganze wirklich besser vorbereitet und organisiert. Die Kollegen wurden früher informiert. Nichtsdestotrotz ist das eine zusätzliche Belastung, die nicht zur Dauerlösung werden kann.

Das Kultusministerium hat zwischenzeitlich eine Arbeitsgruppe zusammen mit dem Wissenschaftsministerium gegründet und eine bessere Bedarfsplanung angekündigt. Ist das ein Schritt in die richtige Richtung?

Ja. Das war bisher ein großes Problem – auch unter Rot-Grün – dass die Ministerien sich gegenseitig den Schwarzen Peter zugeschoben haben und jedes Ministerium behauptet hat, es hätte nicht die Zahlen des anderen. Insofern ist das genau der richtige Weg, sich jetzt anzusehen, wie viele Lehrer pensioniert werden, wie viele auf dem Markt sind und wie viele ausgebildet werden müssen. Klar ist: Die Zahl der Studienplätze muss sofort erhöht werden. Wir fordern, sofort wieder Studienplätze für Grund-, Haupt- und Realschullehrer an den Universitäten in Göttingen und Hannover zu schaffen. Die wurden gestrichen, obwohl der Bedarf gerade in diesem Bereich extrem groß ist.

Unter anderem dafür demonstriert die GEW am Donnerstag vor dem Landtag in Hannover. Aber auch gegen Überstunden. Da es sowieso schon zu wenig Lehrer gibt: Wie soll eine Entlastung aussehen?

Das ist ein schwieriges Feld. Durch die hohe Belastung und die vielen Überstunden steigt auch die Zahl der Krankheitsfälle. Die Landesregierung muss also allein schon für Entlastung sorgen, um den Krankenstand und die Zahl der Frühpensionierungen zu senken. Jetzt zu sagen, man könne nichts tun, verschärft das Problem.

Bis 2021 will die Landesregierung Laptops und Tablets als Lehrmittel zulassen. Wäre das nicht ein zeitgemäßer, guter Ansatz?

Nein, überhaupt nicht. Häufig fällt unter den Tisch, dass die Kinderarmut immer weiter wächst. Statt über Lehrmittelfreiheit zu sprechen, geht es jetzt um solche Geräte. Natürlich müssen wir uns Gedanken über die Digitalisierung machen. Aber die Lösung kann doch nicht sein, dass die Kinder eigene Geräte anschaffen sollen. Wir müssen erst mal darüber sprechen, wie Lernen mit digitalen Endgeräten überhaupt aussehen kann.

Fast jeder Schüler hat heute ein Handy. Wäre es nicht sinnvoller, mit Smartphones zu arbeiten?

Genau das diskutieren wir auch. Aber Smartphones dienen ja eher dem Konsum, dem Herumdaddeln. Für uns steht im Vordergrund: Das eine ist das Privatgerät der Schülerinnen und Schüler und das soll es auch bleiben. Und das andere ist ein Schulgerät, auf dem gearbeitet wird.

Sind Lehrer überhaupt auf dem technischen Stand, der einen Unterricht mit digitalen Geräten ermöglicht?

Das ist sehr unterschiedlich. Manche haben eine große Affinität, andere nicht. Deswegen sind wir für eine möglichst große Freiheit im Umgang mit Lehrmitteln. Grundsätzlich müsste es in diesem Bereich auch viel mehr Weiterbildungen geben. Man kümmert sich kein bisschen darum, dass Lehrkräfte in die Lage versetzt werden, mit neuer Technik umzugehen. Ein Beispiel: Gerade in den Grundschulen werden Smartboards angeschafft, an die Wand geschraubt und dann kümmert sich niemand darum, dass die Lehrer den Umgang damit erlernen. Um einen dringend benötigten Turnkasten kämpfen die Schulen dagegen jahrelang. Die Politik setzt jetzt auf digitale Endgeräte, weil es modern und innovativ klingt. Aber über die Umsetzung denkt niemand nach.

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