Interview mit Yilmaz Kilic Ditib Niedersachsen: Wir brauchen weiterhin türkische Imame

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Osnabrück. Muslime in Niedersachsen brauchten auch weiterhin Imame aus der Türkei, sagt der Vorsitzende des Ditib-Landesverbandes Niedersachsen und Bremen, Yilmaz Kilic. Den Grund erklärt er im Interview. Außerdem geht es um Islamunterricht und Mitgliederlisten.

Im Moment scheint sich das Verhältnis zwischen Ditib und der niedersächsischen Landesregierung immer mehr abzukühlen. Wie stellen Sie sich die Zusammenarbeit in den kommenden Monaten vor?

Abkühlen würde ich nicht sagen. Es finden regelmäßig Gespräche mit den zuständigen Ministern und dem Ministerpräsidenten statt. Beim islamischen Religionsunterricht und am islamischen Institut in Osnabrück arbeiten wir in Beiräten mit. In Sachen Staatsvertrag kommen wir allerdings nicht weiter.

Trotzdem verschärft sich der Ton. Das Wissenschaftsministerium hat vor kurzem formuliert, Ditib könne nur dann Partner des Landes sein, wenn sich der Verband nicht politisch instrumentalisieren lasse und von der türkischen Regierung abgrenze.

Ditib ist politisch neutral. Wir lassen uns nicht vor anderer Leute Karren spannen. Ich wüsste auch nicht, wo ich mich distanzieren soll. Ich arbeite mit der türkischen Regierung nicht zusammen. Wir sind hier in Niedersachsen und Bremen politisch neutral und konzentrieren uns auf unsere Arbeit hier vor Ort.

Dennoch gibt es enge Verbindungen zur türkischen Religionsbehörde Diyanet.

Im theologischen Bereich arbeiten wir mit der Türkei zusammen. Das muss auch so sein. Wir brauchen die Imame aus der Türkei. Denn in Deutschland gibt es schlicht keine ausgebildeten Imame, die in unseren Moscheen arbeiten könnten. Natürlich ist es ein Traum, irgendwann mal eigene Theologen hier zu Imamen auszubilden. Das wollen sowohl der Ditib-Landes- als auch der Bundesverband. Dann müssen wir aber auch über die Bezahlung der Imame sprechen und über die Anerkennung als Religionsgemeinschaft. Bis das geklärt ist, muss die Zusammenarbeit mit Diyanet weiterlaufen.

Vorerst wird sich also nichts ändern?

In zehn, zwanzig Jahren kann die Situation anders aussehen. Dann werden wir hier eine Generation haben, die nur noch wenig Kontakt zur Türkei hat und die türkische Sprache nicht mehr spricht. Heute erreichen wir die Gemeine auch noch mit einem türkischen Imam. Aber neben den Absolventen deutscher Universitäten kommen jetzt zum Glück auch nach und nach deutsche Theologen zurück, die zum Studieren in die Türkei gegangen waren, und die jetzt hier als stellvertretende Imame oder in der Gemeindearbeit anfangen. Wir wollen keinen 08/15-Imam haben, sondern voll ausgebildete, gute Imame.

In Osnabrück zum Beispiel gibt es schon voll ausgebildete islamische Theologen. Was fehlt denen, um als Imame zu arbeiten?

Das ist so ähnlich wie bei den Kirchen. Da muss ein Theologe auch erst weitergebildet werden und die Arbeit in der Gemeinde, Gemeindepädagogik oder Predigen lernen. Diese Zusatzausbildung müssen nach deutschem Recht die Religionsgemeinschaften anbieten. Aber als solche werden wir derzeit nicht anerkannt. Erst wenn das passiert ist – für Ditib wie für die Schura – können wir über so etwas wie eine Imamakademie für die weitere Qualifizierung sprechen. Das muss langsam aufgebaut werden in Zusammenarbeit mit dem Osnabrücker Islaminstitut.

Für eine Anerkennung als Religionsgemeinschaft fehlen der Landesregierung ja unter anderem Mitgliederlisten von Ditib und Schura. Warum legen Sie nicht einfach Zahlen auf den Tisch?

Eigentlich geht es gar nicht um die Zahlen. Wen wir vertreten, ist ja klar: Alle Moscheen in Niedersachsen werden entweder von Ditib oder von der Schura vertreten – bis auf drei. Aber unsere Moscheen sind im Gegensatz zu Kirchen offen organisiert. Da gibt es Moscheegemeinden, die haben 200 zahlende Mitglieder. Die kann man in etwa mit vier Familienmitgliedern multiplizieren, ist also bei 800 Menschen. Beim Freitagsgebet kommen dann aber vielleicht 900. Und an den Feiertagen sind es noch mal ein paar Hundert mehr. Diese Zahlen kann man belegen. Außerdem haben wir ja schon Verträge mit dem Land Niedersachsen für den Schulunterricht, für das Islaminstitut, für die Gefängnisseelsorge – das sind alles Verträge, die wir eigentlich gar nicht unterschreiben dürften, wenn wir keine Religionsgemeinschaft wären.

Wie viele Mitglieder vertreten Sie unterm Strich?

Im Moment sind es bei Ditib etwa 15.000 zahlende Mitglieder plus Familienangehörige und diejenigen, die nur freitags oder an den großen Feiertagen zu uns kommen und sich nirgendwo eintragen. Wir liegen ungefähr bei 120.000 bis 130.000 Menschen, die wir vertreten.

Wenn es nicht an den Zahlen liegt – woran hängt es in Sachen Anerkennung dann?

Im Moment gibt die politische Situation das einfach nicht her. Vor drei, vier Jahren war das anders. Aber heute ist das Klima auf bundespolitischer Ebene einfach nicht so, dass ein Staatsvertrag in greifbarer Nähe wäre.

Sie haben den Schulunterricht angesprochen. Macht Niedersachsen genug in diesem Bereich?

Im Großen und Ganzen läuft es gut, vor allem da wo Schulleitung und Eltern es unterstützen. Wir haben aber zu wenige Lehrkräfte. Ich wünsche mir, dass es künftig auch Lehrkräfte gibt, die nur ein Fach, nämlich islamische Religion, unterrichten dürfen. Da könnte das Kultusministerium eine Ausnahme machen. Wir haben Theologen, die an der Uni Osnabrück jetzt ihren Masterabschluss machen oder gemacht haben. Da müssen wir Perspektiven bieten. Den Absolventen fehlt im Prinzip nur die pädagogische Ausbildung. Außerdem haben wir deutsche Theologen, die in der Türkei ausgebildet wurden und die auch hier an Schulen eingesetzt werden könnten.

Die Deutsche Islamkonferenz soll neu belebt werden. Was hoffen und was befürchten Sie mit Blick darauf?

Ich befürchte eigentlich nichts – noch schlimmer kann es ja nicht kommen (lacht). Es kommt ganz auf das Thema an. Es muss darum gehen, wie sich Muslime hier zu Hause fühlen können. Dazu gehört ihre Religion. Und es muss um die Anerkennung der Religionsgemeinschaften gehen. Wir müssen uns fragen, wie wir die jungen Muslime integrieren können. Allerdings werden uns zwei Treffen im Jahr nicht so sehr voranbringen wie das, was auf kommunaler Ebene und auf Landesebene passiert. Sie können in Berlin viel reden – gemacht werden muss es vor Ort.


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