Kokain-Prozess vor Landgericht Osnabrück Emsländer vor Gericht: Der Fleischpate und das weiße Gold

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Kokain. Foto: dpaKokain. Foto: dpa

Osnabrück. Als Fleischpate gelangte Uwe G. aus Werlte zu zweifelhafter Bekanntheit. Jetzt steht er als mutmaßlicher Drogenbaron vor Gericht. Der 51-Jährige soll als Kopf einer Bande Drogenhandel im großen Stil betrieben haben. Mit Kokain aus Kolumbien und Cannabis aus Spanien. Am 5. September beginnt in Osnabrück der Prozess.

Wer Kokain schnupft, kann länger tanzen, schneller denken, fühlt sich unverwundbar. Das weiße Pulver verleiht das Gefühl, mehr leisten zu können. Und es führt in die Abhängigkeit. Seit 1930 ist der Stoff verboten. Doch das Geschäft mit Kokain boomt, der Konsum in Deutschland wächst nach Schätzungen ungeachtet aller Rekordfunde in den großen Häfen Europas.

Hauptrouten des Kokainschmuggels. Grafik: dpa

Eine weitverzweigte Schattenindustrie sorgt für Nachschub. Weißes Gold wird der Stoff in Südamerika genannt. Dort wächst die Koka-Pflanze, aus deren Blättern mit einem chemischen Verfahren Kokain gewonnen wird. Gleichsam mächtige wie mörderische Kartelle kontrollieren den Anbau, die Produktion und den Verkauf in alle Welt. Die braucht mehr, immer mehr von dem weißen Gold, das per Flugzeug oder Schiff exportiert wird. 

An Bord der „Nora Maersk“ beispielsweise, die 2017 von Südamerika auf dem Weg nach Europa war. Im Kühlaggregat eines Containers lagen 48 Pakete mit jeweils rund einem Kilogramm hochwertigen Kokain, Marktwert: etwa 1,3 Millionen Euro. Die illegale Fracht behinderte die Kühlung, ein alarmierter Bordtechniker fand den Stoff.

Koka-Blätter. Foto: dpa

Im Hafen von Rotterdam tauschten Ermittler das Kokain gegen ein Imitat aus. Sie versahen die Taschen mit Peilsendern und beobachteten den Weg: In Bremerhaven holten Männer mit Zugang zum abgesicherten Hafengelände die Taschen aus dem Container, luden sie in ein Auto, fuhren vorbei an sämtlichen Kontrollen in Richtung einer Kleingartensiedlung. Hier sollte die Übergabe an zwei Kuriere stattfinden, die im Gebüsch warteten. Die Polizei ging dazwischen, der Deal platzte. 

Die Staatsanwaltschaft in Osnabrück ist sicher, dass Ziel der 48 Kilo Kokain der Hümmling war – eine Region im Westen Niedersachsens, die sanfte Hügel, Wälder und das Moor prägen. Von hier aus soll Uwe G. als Kopf einer Bande im ganz großen Stil mit Kokain und Cannabis gehandelt haben. Demnächst steht er deswegen vor Gericht.

Unter Beobachtung

Als die „Nora Maersk“ auf dem Weg nach Europa war, beobachteten die Ermittler den Emsländer schon etwa ein Jahr. Im Frühjahr 2016 hatte der Zoll in Hamburg einen Hinweis bekommen, dass G. mit Kokain handelt. G.? Der 51-Jährige ist den Ermittlern in Niedersachsen wohlbekannt. Immer wieder geriet er in den vergangenen Jahren mit dem Gesetz in Konflikt.

Verurteilungen vor dem Amtsgericht Meppen und den Landgerichten in Oldenburg und Osnabrück waren die Folge. Steuerhinterziehung, Diebstahl, Bestechung, Hehlerei – das Vorstrafenregister ist lang. Zum bislang letzten Mal sprach ihn das Amtsgericht Meppen wegen unerlaubten Schusswaffenbesitzes im Februar 2017 schuldig. Ein Jahr Freiheitsstrafe auf Bewährung. Da lief das Ermittlungsverfahren „Meat“ bereits seit geraumer Zeit.

Ärger in der Fleischbranche

Der Name rührt vom früheren Betätigungsfeld des 51-Jährigen her: Er vermittelte ausländische Arbeiter in die Schlachthöfe der Region. Auch hier geriet er mit der Staatsanwaltschaft aneinander. Es wurde wegen Steuerhinterziehung und Sozialversicherungsbetrugs ermittelt. Verurteilt wurde G. aber nicht. Er zog sich von der Spitze des Subunternehmens in Werlte zurück, blieb jedoch dessen Angestellter, heißt es in der Branche.

Die Adresse dieses Unternehmens ist nun einer der Orte, an dem die Fäden des mutmaßlichen Drogennetzwerkes zusammenlaufen, das G. gesponnen haben soll. Auf fünf Millionen Euro beziffert die Anklage den Wert der Drogen, mit denen er gehandelt haben soll. 3,75 Millionen Euro für 150 Kilogramm Kokain – ein Deal, bei dem die Hintergründe vorerst weitgehend unklar bleiben. Und die 48 Päckchen von Bord der „Nora Maersk“ mit einem Wert von 1,3 Millionen Euro.

Der "Schneider" und der "Fleischpate"

Zwei Zeugen sollen G. bezüglich der 48 Kilo belasten, heißt es. Doch ganz so einfach, wie die Sache scheint, ist sie dann doch nicht. Denn wegen genau dieser Kokain-Lieferung stehen derzeit in Bremen mehrere Angeklagte vor Gericht. Darunter mindestens einer von denen, die die Päckchen verluden. Und ein Mann, der „Schneider“ genannt wird, weil er seinen Lebensunterhalt zumindest offiziell mit einer Änderungsschneiderei finanziert. Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft in Bremen ist er derjenige, der die Lieferung eingestielt hat. Also das, was die Staatsanwaltschaft in Osnabrück nun G. vorwirft.

„Nur einer der beiden Vorwürfe kann richtig sein“, sagt Anwalt Jens Meggers, der G. vertritt. „Mindestens eines der Gerichte läuft Gefahr, ein krasses Fehlurteil zu sprechen.“ Warum die Ermittler in Osnabrück und Bremen ein und dieselbe Drogenlieferung zwei mutmaßlichen Bandenchefs zuschreiben und offenbar nichts von den Ermittlungen der jeweils anderen wussten, bleibt unklar.

Drogenumschlag auf dem Hümmling

Aber auch in zwei Verfahren in Hamburg sollen die Geschäfte G.s eine Rolle spielen: Die Ermittler vermuten, dass der 51-Jährige Hintermann einer Lieferung von 200 Kilogramm Marihuana aus Spanien ist. Das Rauschmittel wurde auf der Ladefläche eines Lkw entdeckt. Und G. soll hinter einem Transport von mehreren Kilogramm Kokain nach Hamburg stecken. Angeklagt sind jeweils andere. Aber nach Überzeugung der Osnabrücker Ermittler führen alle Wege nach Werlte – oder ins benachbarte Sögel. Hier soll G. häufig seinen Stoff auf einem abgelegenen Grundstück gelagert haben.

Ein Großsteingrab auf dem Hümmling. Foto: Emsland Touristik

Monatelang waren Zoll und Polizei ihm auf den Fersen. Die Ermittler hörten Gespräche ab, verfolgten Fahrzeuge und observierten Gebäude. Die Ermittlungen seien auch deswegen so schwierig gewesen, heißt es, weil sich die mutmaßlichen Bandenmitglieder hochkonspirativ verhalten hätten. Kommunikation habe fast ausschließlich über spezielle Mobiltelefone stattgefunden, die für Ermittler kaum zu knacken sind. Und die regulären Handys seien meist abgestellt worden, wenn es nach Werlte oder Sögel ging. Ortung unmöglich. 

Einmal drohten die verdeckten Ermittlungen auch ganz aufzufliegen. G., so ist zu erfahren, soll eine heimlich installierte Kamera der Polizei entdeckt haben. Er entsorgte sie und ging seinen Geschäften weiter nach.

Uhren, Motorrad, Flugzeug

Erst am 20. Dezember 2017 – fast zwei Jahre nach dem Hinweis an den Zoll – hatten die Ermittler aus ihrer Sicht genug beobachtet, um zuzuschlagen. Mit einem Großaufgebot durchsuchten sie Wohnungen und Grundstücke in Werlte, Sögel und Surwold, allesamt Ortschaften auf dem idyllischen Hümmling. Sie fanden 3,5 Kilogramm Kokain, stellten ein vermeintliches Schmuggelfahrzeug sicher. Und sie beschlagnahmten ein Quad, Luxusuhren im Wert von 100 000 Euro, ein Wohnmobil, eine Harley-Davidson sowie ein Flugzeug. Seitdem sitzt G. in Untersuchungshaft.

Sichergestellt: eine Harley-Davidson. Foto: NWM-TV

G. sei jemand gewesen, so heißt es, der seinen Wohlstand gern gezeigt habe. Hat er diesen Wohlstand mit Drogengeschäften finanziert? 31 Verhandlungstage hat das Landgericht in Osnabrück angesetzt, um eine Antwort auf diese Frage zu finden. Ob das reicht? Anwalt Meggers hat seine Zweifel. „Das wird voraussichtlich einer der längsten Prozesse, die je vor dem Landgericht geführt worden sind“, lautet seine Prognose. 

Das Geschäft mit dem Kokain geht derweil weiter. Irgendwo auf den Weltmeeren ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ein Container auf dem Weg in Richtung Rotterdam, Bremerhaven oder Hamburg mit Nachschub für den deutschen Drogenmarkt.

Blick ins Osnabrücker Landgericht. Foto: dpa



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