"Verkaufe Brautkleid, ungetragen" Delmenhorster Autorin Hannah Winkler über Hochzeitsdruck und geplatzte Träume

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Autorin Hannah Winkler bei ihrer eigenen Hochzeit. Foto: Daniel UndorfAutorin Hannah Winkler bei ihrer eigenen Hochzeit. Foto: Daniel Undorf

Hannover. Die gebürtige Delmenhorsterin Hannah Winkler schildert in ihrem Buch „Verkaufe Brautkleid, ungetragen“ berührende Geschichten über geplatzte Hochzeiten. Im Interview erzählt sie von ihrer eigenen Brautkleidsuche und dem immensen Druck, der auf den Paaren vor dem großen Tag lastet.

Hannah Winkler hatte selbst nie den Traum von einer pompösen Hochzeit, sie wollte kein „Tamtam in einem Brautladen“ und suchte daher für wenig Geld ein Brautkleid im Internet. Eines, das sie noch mehrmals tragen könne, erzählt sie im Gespräch mit unserer Redaktion. Die 32-Jährige setzte sich ein Budget von 200 Euro und wurde schließlich bei den Kleinanzeigen mehr als fündig. Als sie bei Ebay in der Suche „Brautkleid, neu und ungetragen“ eingab, kamen mehr als 2000 Treffer. Die Journalistin, die in Delmenhorst geboren wurde und in Ganderkesee aufwuchs, wurde neugierig: Welche Geschichten verbargen sich hinter den Inseraten der Frauen? 

Überwältigende Resonanz

Hannah Winkler schrieb einige der Frauen an und war überrascht, wie viele Antworten sie bekam. „Für die Frauen war es wie eine Therapie, mit mir darüber reden zu können“, berichtet sie. Viele Frauen hätten ihr erklärt, dass ihr Umfeld das Thema geplatzte Hochzeit vermeidet, um keine Wunden aufzureißen. „Dabei wollten die Frauen gerne darüber reden, um damit abschließen zu können.“ Zuerst entstand aus den Interviews ein Video, dann das Buch „Verkaufe Brautkleid, ungetragen“ im Fischer Verlag. Dort sind Hannah Winklers eigene Hochzeitsgeschichte und zwölf weitere berührende Geschichten abgedruckt, die zwar traurig sind, aber auch Hoffnung wecken. 

Autorin Hannah Winkler wurde in Delmenhorst geboren, lebt aber mittlerweile in Hannover. Foto: Diana Frohmüller

Zum Beispiel die Geschichte von Josie: Sie und ihre große Liebe Patrick waren bereits standesamtlich verheiratet und planten die kirchliche Hochzeit. Doch zehn Wochen vor der zweiten Trauung verließ Patrick sie. Josie weiß bis heute nicht, warum. Es war daher sehr schmerzhaft für sie, das Brautkleid zu verkaufen, doch es war auch ein neuer Anfang. Hannah Winkler begleitete Josie in dieser Phase und vermutet, dass Patrick der Druck vor der Hochzeit vielleicht zu viel wurde. „Im Keller wartete schon das nächste Projekt auf sie: Babykleidung“, so Winkler.

Immenser Druck für die Paare

Überhaupt, der ganze Druck der auf den Verlobten lastet, sei enorm: Die Hochzeit muss perfekt sein, man will alle zufrieden stellen, aber das Event muss auch finanziert werden. Wer eine Hochzeit plant, landet schnell in einer Parallelwelt, das hat auch Hannah Winkler bei den Vorbereitungen zu ihrer Hochzeit erlebt. „Bräute legen auf Instagram Accounts an, in denen sie alles bis zum großen Tag dokumentieren und kommentieren“, erzählt sie. Auch sie konnte sich letztlich nicht davon frei machen, etwas übers Ziel hinaus zu schießen: Statt einem hat sie schließlich drei ungetragene Brautkleider gekauft, zwei sind bislang ungetragen geblieben. „Man sieht, was die anderen haben und machen und möchte das auch“ – der Lebenstraum von der eigenen perfekten Hochzeit werde so immer größer.

Und möglicherweise auch belastender. Frauen, die schon lange den Hochzeitswunsch hegen, werden dadurch weiter unter Druck gesetzt und geben den Druck an ihren Partner weiter. Julia zum Beispiel war so versessen aufs Heiraten, dass sie ihrem Freund nicht nur immer weiter Druck gemacht hat, sondern auch irgendwann selbst einen Antrag. Ohne zu berücksichtigen, dass ihr Partner diesen Wunsch nicht hatte. Tanja passierte etwas Ähnliches: Sie redete so lange auf ihren Freund ein, bis er ihr schließlich einen Antrag machte – und sie vor der Hochzeit verließ. Dann outete er sich als homosexuell.

Geschichten machen Mut

„Es ist schon ein kleiner Wettbewerb“, so Hannah Winkler, und deshalb haben diese traurigen Geschichten in der perfekten Parallelwelt auch keinen Platz. Es scheint fast ein Tabu zu sein, über eine gescheiterte Hochzeit zu reden. Dabei gibt es Grund zur Hoffnung: Alle Geschichten haben gemein, dass die verlassenen Bräute später ihr Glück fanden. Und mit dem Verkauf des Kleides den ersten Schritt in ihr neues Leben machten.

Wird es eine Fortsetzung des Buches geben? Hannah Winkler lebt mittlerweile in Hannover, nachdem sie ihr Abitur in Delmenhorst machte und in Bremen und Hannover Journalistik studierte. Ideen für weitere Bücher habe sie durchaus, aber eine direkte Fortsetzung der Brautkleider-Geschichten sei nicht geplant. „Ich mag es sehr, echte Geschichten zu erzählen“, so Winkler, das möchte sie auch weiterhin machen. Gerade weil es so viel Schein in den sozialen Medien gebe, sei es wichtig, unverfälschte Geschichten aufzuschreiben, die den Menschen auch helfen.

Insofern lassen sie die ungetragenen Brautkleider auch noch nicht los: Ein Vater hat ihr geschrieben, dass er dank ihrer Geschichten nun viel besser verstehe, warum seine Tochter die Hochzeit platzen ließ. Und eine andere Frau schrieb ihr, dass ihr etwas Ähnliches passiert sei und die Geschichten ihr geholfen hätten. „Das ist was Schönes, wenn ich Menschen mit meinen Geschichten helfen kann.“

Über das Buch

Das Buch „Verkaufe Brautkleid, ungetragen“ enthält neben den 13 Geschichten über geplatzte Hochzeiten auch die Geschichte von Hannah Winklers eigener Hochzeit. Es ist im Fischer Verlag erschienen und als Taschenbuch erhältlich. Wer mehr über Hannah Winklers Arbeit erfahren möchte, wird auf ihrer Homepage https://www.hannahwinkler.net/ fündig.


Das Buch "Verkaufe Brautkleid, ungetragen" ist im Fischer Verlag erhältlich. Foto: S. Fischer Verlag GmbH



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