Viele Opfer in Niedersachsen Fast 730 Fälle von Kindesmissbrauch seit Jahresbeginn

Von dpa

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Seit Jahresbeginn sind der Polizei in Niedersachsen fast 730 Fälle von sexuellem Missbrauch von Kindern gemeldet worden. Foto: dpa/Patrick SeegerSeit Jahresbeginn sind der Polizei in Niedersachsen fast 730 Fälle von sexuellem Missbrauch von Kindern gemeldet worden. Foto: dpa/Patrick Seeger

Hannover.. Der Freiburger Missbrauchsfall, bei dem eine Mutter jahrelang ihr Kind für Sex an Männer verkaufte, erschütterte Deutschland. Auch in Niedersachsen werden immer wieder Kinder Opfer sexuellen Missbrauchs.

In Niedersachsen sind der Polizei in der ersten Jahreshälfte 2018 insgesamt 728 Fälle von sexuellem Missbrauch von Kindern gemeldet worden. Dies ergibt sich aus einer Antwort der Landesregierung auf eine Anfrage der FDP-Landtagsfraktion. Bei 215 der Fälle ging es den Angaben zufolge um schweren sexuellen Missbrauch. Den Behörden wurde kein Missbrauchsfall mit Todesfolge gemeldet. Im vergangenen Jahr lag die Zahl der gemeldeten Fälle von Kindesmissbrauch laut Kriminalstatistik bei 1295, davon wurde 295 Mal wegen schweren sexuellen Missbrauchs ermittelt. Im Jahre 2016 gab es 1421 gemeldete Fälle.

"Jedes Opfer ist eines zu viel."

"Jedes Opfer ist eines zu viel. Aber aus diesen Zahlen geht bislang kein Anstieg beim Kindesmissbrauch hervor", sagt dazu Dominic Kudlacek vom Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN). Die subjektive Wahrnehmung der Kriminalitätsentwicklung werde häufig durch die Berichterstattung über sensationelle Einzelfälle beeinflusst. So etwa der Freiburger Missbrauchsfall, bei dem ein Junge jahrelang von seiner Mutter und deren Lebensgefährten missbraucht und im Internet für Sex angeboten wurde. Oder dem jungen Iraker Ali B. der eine 14-Jährige vergewaltigt und getötet haben soll. "Kriminalität fungiert oft als Metapher für soziale Ängste und die Verunsicherung, die mit dem Zuwachs fluchtbedingter Migration einhergeht", sagt Kudlacek.

Täter meistens männlich, Opfer meistens weiblich

Nach den Daten des Innenministeriums bleibt das dominante Schema beim Kindermissbrauch weiterhin, dass in der Mehrheit der Fälle die Tatverdächtigen männlich sind - und die Opfer mehrheitlich weiblich. So waren unter den bekannt gewordenen Fällen in den ersten sechs Monaten dieses Jahres 183 mit mindestens einem weiblichen Opfer, in 32 Fälle gab es mindestens ein männliches Opfer. Beim gleichen Delikt gab es 194 Fälle mit mindestens einem männlichen Tatverdächtigen, gegenüber vier Fällen, wo mindestens eine Frau zu den mutmaßlichen Tätern gehörte. 

Frühzeitig Einschreiten bei Verdachtsfällen

Möglichst frühzeitiges Einschreiten bei Verdachtsfällen sei entscheidend, sagt Anette Debertin, Leiterin der niedersächsischen Kinderschutzambulanz, die beim Institut für Rechtsmedizin der Medizinischen Hochschule Hannover angesiedelt ist. "Die Erfahrung zeigt, dass Kinder oft als Opfer von Wiederholungen betroffen sind. Deshalb ist es wichtig, dass Ärzte bereits die kleinen Verletzungen erkennen."

Die Kinderschutzambulanz veranstaltet Schulungen für niedergelassene Kinderärzte, aber auch für Kliniken. Was deutet auf Missbrauch hin? Wie schnell ist eine Verletzung verheilt? Wann darf der Arzt das Jugendamt informieren? "Manche Ärzte haben da Sorge, dass sie gegen die Schweigepflicht verstoßen", sagt Debertin. In Zweifelsfällen können Ärzte Röntgenaufnahmen und andere medizinische Daten anonym und verschlüsselt an die Kinderschutzambulanz verschicken, damit die Experten dort ihre Einschätzung abgeben können.


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