Initiative „Rettet das Huhn“ Ein neues Leben für alte Legehennen

Von epd

Die Initiative „Rettet das Huhn“ schenkt Hühnern ein Leben nach dem Stall. Foto: Jens Büttner/dpaDie Initiative „Rettet das Huhn“ schenkt Hühnern ein Leben nach dem Stall. Foto: Jens Büttner/dpa

Bremen/Wolfsburg. Ich wollt‘, ich hätt‘ ein Huhn: So denken offensichtlich Tausende, die sich bei einem Verein engagieren, der „ausrangierte“ Hennen aus Legebatterien vermittelt. Er hat schon etliche Tiere vor dem sicheren Tod am Fließband im Schlachthof bewahrt.

Agatha ist eher schüchtern, Carölchen zerstreut. Dorchen ist zickig, Emmi quasselig, Gitte divenhaft. Riekchen ist die pfiffigste, mit Kämpferherz. Im Garten der Bremer Pastorin Jeannette Querfurth tummelt sich eine kleine Schar quicklebendiger Hühner mit prächtigen Federn und straff-roten Kämmen, die jetzt nur wegen der großen Sommerhitze gelegentlich etwas durchhängen. Sie picken und scharren, was der Boden hergibt. Dass es so weit kommen konnte, war eigentlich gar nicht vorgesehen. Nur mit großem Hühnerglück sind sie dem Schlachthof entronnen.

Ein Leben nach der Legebatterie

In ihrem ersten Leben standen die auf Massenproduktion hoch gezüchteten Tiere in einer Legebatterie und hatten eine einzige Aufgabe: so viele Eier wie nur irgend möglich legen. Durch die Arbeit der Organisation „Rettet das Huhn“ und ihrer Vorsitzenden Stefanie Laab genießen sie nun ein zweites Leben. „Der Verein übernimmt Hühner, die in kommerziellen Legehennenbetrieben keine Zukunft haben und gibt sie an Menschen weiter, die ihnen den Tod im Schlachthof ersparen wollen“, erläutert Laab.

Genügend Auslauf, ein Sandbad, ein sicheres Haus mit Nestern, die der Fuchs nicht räubern kann. Und in der Voliere Büsche wie Hasel und eine Ligusterhecke, die Schatten spenden und bei Bedarf Zuflucht bieten: Das neue Zuhause von Riekchen und Co sieht aus wie ein Hühnerparadies. Eigentlich sind die Tiere Waldbewohner und scharren gerne, was sie hier auf einem Grundstück in Süstedt bei Bremen nach Herzenslust tun können.

Verkürzte Lebenserwartung

Allerdings ist ihre Lebenserwartung auch in diesem Paradies wohl nicht so hoch. „Ursprünglichere und weniger hoch gezüchtete Hühner können zehn Jahre alt werden“, sagt Laab. Doch Massentierhaltung und Eier-Produktion im Akkord zehren an den Vögeln. „Sie haben vielleicht noch zwei, drei Jahre vor sich“, schätzt die Hühnerretterin.

Nach einem Jahr in der Massentierhaltung lässt die Legeleistung der Hennen nach. Dann sind sie für die meisten Unternehmen nicht mehr rentabel. „Sie werden dann durch neue Tiere ersetzt, in den Schlachthof gebracht und grausam getötet - in Deutschland jährlich knapp 52 Millionen“, sagt Laab. „Rund 10.000 können wir retten“, ergänzt die Tierschützerin aus Wolfsburg. Ein Tropfen auf den heißen Stein? „Ein Leben in Geborgenheit, ohne Angst - da zählt jeder Tag, jedes Huhn“, entgegnet die 45-Jährige.

Die Vögel werden ausgestallt und über Ansprechpartner an Interessierte vermittelt, die eine artgerechte Unterbringung nachweisen können. Bisher ist das so mit rund 57.000 Hühnern geschehen, die bundesweit bei geschätzt gut 9.000 Rettern untergekommen sind.

Weitervermittlung an neue Halter

Die Hennen werden aber keineswegs in Nacht-und-Nebel-Aktionen aus den Anlagen entführt. Der Verein kooperiert mit Betrieben, derzeit mit Unternehmen in Niedersachsen, Hamburg, Nordrhein-Westfalen, Sachsen und Bayern. Mal sind es Batterien mit Boden- und Freilandhaltung, mal auch Biobetriebe. Im Herbst steht die nächste Rettungsaktion an. Dann sollen 4.500 Hühner übernommen werden. Geld wird dafür nicht gezahlt. Die Suchaktion für „Adoptanten“, wie die Hühnerretter auch heißen, ist bereits angelaufen.

Wenn die Tiere ausgestallt werden, kommen sie teils erbarmungswürdig daher. So wie Riekchen vor gut einem Jahr. „Damals sah sie ein bisschen aus wie ein Suppenhuhn, so wenig Federn hatte sie“, erinnert sich Jeannette Querfurth. Gegen die Kälte musste sie zeitweise einen handgenähten „Hühnerpulli“ tragen. Aber die Vögel haben sich schnell erholt. Riekchen hat mittlerweile wieder ein dichtes Federkleid und ist uneingeschränkte Chefin auf Querfurths Hühnerhof. Man sieht ihr das Glück des zweiten Lebens an. „Frech und mutig“, freut sich die Pastorin.

Zahl der Retter wächst

Ohne Zweifel hat sie die Tiere glücklich gemacht. Es ist aber auch umgekehrt so. Die kleine Schar unterhält sich ständig, gackelt, zirpt, gurrt und surrt. „Bei allem, was sie tun, sieht man ihnen an, dass sie ihr neues Leben genießen“, beobachtet die Theologin und fügt hinzu: „Sie haben alle ihre Eigenarten, sind Individuen und liebenswert - das macht auch mich glücklich.“ Die evangelische Pastorin wird aber auch von grundsätzlichen Überlegungen angetrieben: „Massentierhaltung macht Geschöpfe Gottes zu neutralen Sachen, die der Mensch benutzt und dann einfach wegwirft.“

Dass sie mit dieser Auffassung nicht alleine ist, zeigt unter anderem die wachsende Zahl der Retter. Klar, nicht jeder habe den Platz und die Zeit, um ein paar Hühner im Garten zu halten, räumt Querfurth ein. Das müsse auch nicht sein. Doch jeder könne sich die Mühe machen und prüfen, wie und von wem Lebensmittel produziert werden, die gekauft und gegessen werden. „Ein paar Cent mehr für ein Ei machen für die Henne, die es gelegt hat, den Unterschied zwischen einem elendig qualvollen und einem fast normalen Leben.“


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN