Bei der Werft Fricke & Dannhus Oligarchen schwören auf Boote vom Dümmer

Von André Partmann


Lembruch. Bescheidenheit ist eine der Tugenden, die Fricke & Dannhus auszeichnen. Die Familienwerft mit Sitz in Hüde baut in fünfter Generation Boote und Jachten aus Edelholz. Das Unternehmen hätte dabei eigentlich allen Grund zum Abheben: Selbst die Reichsten der Reichen schwören auf die Arbeiten vom Dümmer.

Die Produktionshallen in Hüde haben sich aufgeheizt unter der drückenden Mittagssonne: Der Kopf ist gerötet, Schweiß perlt von der Stirn. Dann eine außerplanmäßige Pause: das Telefon. Einen Moment steht die Arbeit still. „Da muss ich kurz ran“, entschuldigt sich Chef Jens Dannhus. Wichtiges Kundengespräch.

Der Chef packt im Hause Fricke und Dannhus noch selbst mit an. Er bezeichnet das als Selbstverständlichkeit, für ihn sei der Beruf des Bootsbauers tatsächlich noch so etwas wie eine Berufung. Seine Mitarbeiter rechnen ihm das hoch an. Einer wie er könne auch in seinem klimatisierten Büro sitzen und den Betrieb führen. Macht Jens Dannhus aber nicht. Die Bescheidenheit, die Arbeitermentalität – zwei Werte, die die Familienwerft erfolgreich gemacht haben. Und Dannhus, der Chef, er führt das Erbe genau so fort.

„Nur wer wirklich gute Arbeit leistet, kann dauerhaft überleben“

Doch ganz ohne Abweichung von der Norm geht es dann doch nicht. Fricke und Dannhus wirbt im Netz offensiv mit Qualität. Der Slogan einprägsam: „Bootsbau in Perfektion.“ Was ist denn schon perfekt? Auf einem Markt, auf dem die Großen immer größer werden und die Kleinen allmählich zu versinken drohen, kann man sich so Gehör verschaffen. Doch Lautsprecher sind in der Branche, die von zahlungskräftigen Kunden überschwemmt ist, ebenso schnell identifiziert wie Schaumschläger. „Nur wer wirklich gute Arbeit leistet, kann dauerhaft überleben“, sagt Jens Dannhus.

Die Familienwerft aus Hüde lieferte. Seit 120 Jahren verdient das Unternehmen mit Holz- und Schiffbau sein Geld. Die Gründung des Betriebs geht auf Heinrich Fricke zurück. Der versorgte das Schiff- und Anglerdorf Lembruch ab 1897 mit sämtlichen Holzarbeiten. Als sein Sohn Georg zum Teilhaber wurde, wollte dieser mit der Serienfertigung von Holzbooten einen neuen Geschäftszweig aufbauen. Sein Vater habe ihn damals für verrückt erklären wollen, heißt es. Niemals würde eines seiner Boote auf dem Dümmer schwimmen können, soll er gesagt haben. Doch genau das tat es. Die Geschichte ist kein Gründermythos à la Silicon Valley. Doch sie passt zur Betriebsmentalität: anpacken und machen, nicht quatschen.

Georg Fricke hat die Firma Edelhard Dannhus, seinem Schwager, vererbt. Das ist der Grund, weshalb heute neben dem Familiennamen Fricke auch Dannhus im Unternehmensnamen verankert ist. Edelhard Dannhus wiederum gab die Geschäfte später in die Hände ihres Sohnes Hermann. Der ist zwar heute noch mit Leib und Seele Bootsbauer und regelmäßig in der Werft anzutreffen, hat die Geschicke aber unlängst an seinen Sohn, den heutigen Geschäftsführer, abgegeben.

Jens Dannhus ist ein Schiffsbauenthusiast. Ein Typ Handwerker, BWLer und Seefahrer – mit Wasser in den Adern. Gelernt hat er den Beruf des Bootsbauers. „Unsere Familie weiß, wie ein gutes Boot zu sein hat“, sagt Dannhus. „Wir bauen nicht nur. Wir probieren aus, entwickeln und verbessern, indem wir selbst segeln.“ Vater Herrmann ist zehnfacher Deutscher Meister im Segeln mit dem Jollenkreuzer, Jens Dannhus konnte den Titel bislang zweimal gewinnen. Erfahrung ist das, was Fricke und Dannhus auszeichnet, sagt der Chef. Längst hat sich die Qualität über den Dümmer hinaus herumgesprochen. „Was Holzboote angeht, sind wir ein zuverlässiger und kompetenter Ansprechpartner“, gibt sich Dannhus bescheiden.

Reparaturen und Restaurationen, Frühjahrs-Check und Winterlager, Fertigungen und Auftragsarbeiten nach Maß – das Familienunternehmen deckt viele Arbeitsfelder ab. Wer die Werft in Hüde besucht, sieht, dass hier an vielen Orten gearbeitet wird. Jollenkreuzer und Daysailer, Elektroboote und Kielschwerter, Ruderboote und Kanadier reihen sich in der großen Produktionshalle aneinander. Holzjachten mit einer Gesamtlänge von über fünf Metern finden hier ebenso Platz wie kleine Kajaks. Jeder Mitarbeiter hat seinen eigenen Arbeitsbereich. Auf der einen Seite wird geschraubt, auf der anderen Seite poliert. Maschinen sind hier durchgehend in Betrieb, ihr Lärm verliert sich in den großen Hallen der Werft. Saisonauftakt heißt Restauration und Reparation. „Wir Bootsbauer können alles, aber nichts richtig“, sagt Dannhus mit einem Augenzwinkern.

Klebetechnik

Neue Boote werden in der zweiten Jahreshälfte gebaut. 2500 Boote haben seit der Gründung der Familienwerft die Produktionshallen verlassen. Dannhus und seine 15 Mitarbeiter setzten heute auf eine effiziente Klebetechnik bei der Herstellung des Schiffrumpfs: Edelhölzer, beispielsweise Mahagoni, werden vierlagig in einem Sperrholzverfahren auf einen „Block“ aufgelegt. Die 2,5 Millimeter starken, ineinander verkeilten, Furniere sorgen dafür, dass das Holz sich im Wasser nicht ausdehnt. Ein spezielles Vakuumverfahren und ein Kleber aus Epoxidharz sorgen für einen sicheren Zusammenhalt. Abschließend folgt die Versiegelung. Klingt simpel, nimmt aber vier Mitarbeiter und mehrere Tage in Anspruch. Zwei bis drei Boote laufen in der Werft durchschnittlich im Jahr vom Stapel.

Bis Ende der 1970er-Jahre habe man bei Fricke und Dannhus noch anders produziert, sagt der Chef: Bei der alten Methode wurde das Holz verschraubt und geleimt. Spantenbauweise nannte man das. Da Holz sich im Wasser ausdehnt, wurden die kleinen Löcher im Rumpf erst dicht, sobald es einige Tage im Wasser lag. Noch heute gibt es viele Kunden, die ein solches Boot besitzen.

Der Kunde ist König

„Wir setzen bewusst auf Holz“, erklärt Dannhus. „Wer Holzmöbel besitzt und Gäste einlädt, wird beobachten, dass viele mit der Hand über die Oberfläche streichen – das ist bei Kunststoff nicht so“, sagt der Chef. Holz sei lebendig, die Struktur sorge je nach Lichteinfall für eine andere Spiegelung. Eleganter, hochwertiger wirke der Anblick daher. Beim Holzbootbau geht es um Prestige, Performance, um Details. Doch bei aller Liebe: Wer will, kann sich in Hüde auch einen Rumpf aus Kohlefaser anfertigen lassen. Getreu dem Motto: Der Kunde ist König.

Von 15 Mitarbeitern bei Fricke und Dannhus sind 13 gelernte Bootsbauer. „Die meisten sind zwischen zehn und 15 Jahren da“, sagt der Chef. In anderen Wirtschaftsbereichen ließe sich deutlich mehr verdienen, aber hier, in der Familienwerft, wisse man am Ende des Tages, was man geleistet habe. Das Ergebnis zu sehen, das sei erfüllend, sagen die Mitarbeiter. Der Beruf ist attraktiv, die Kunden freundlich. „Wenn es um die Schiffe geht, vergessen die Leute den Alltagsstress“, sagt Dannhus. Vermutlich auch ein Grund, weshalb das Unternehmen anders als andere Handwerksbetriebe keine Probleme habe, Auszubildende zu gewinnen.

Doch Fricke und Dannhus steht nicht nur für Bootsbau. In der Werft ist neben einer Tischlerei auch eine Schlosserei integriert, die Zubehör für die Schiffe herstellt. Der russische Oligarch und Besitzer des Fußballclubs FC Chelsea Roman Abramowitsch zum Beispiel bekam auf einer seiner Luxusjachten Zubehör aus dem Haus Fricke und Dannhus verbaut. Damit ist er nicht der einzige Oligarch. Und auch in der Gorch Fock wurde ein Teil aus Hüde verbaut: das Anwesenheitstableau der Schiffskapitäne. Fricke und Dannhus können durch die Herstellung der Innenausstattung ganze Holzjachten eigenhändig bauen. Die teuerste Jacht bisher: über 400000 Euro.

Neue Geschäftswege

Fünf Generationen bringen fünf verschiedene Unternehmensphilosophien mit sich: Ende der 1970er folgte der Umstieg auf das Klebeverfahren, 1980 der Umzug vom einstigen Standort in Lembruch nach Hüde. Am alten Standort betreibt Fricke und Dannhus heute noch ein Geschäft für Segel- und Angelzubehör. Und auch die alten Produktionshallen stehen nicht leer.

Vor zwei Jahren hat Jens Dannhus begonnen, hochwertige Holzbadewannen mit dem Klebeverfahren herzustellen. Produkte, die nichts für den kleinen Geldbeutel sind. Fünfstellig muss ein Kunde dafür auf den Tisch legen. „Das Geschäft läuft gerade erst an, aber der Markt ist da“, sagt Jens Dannhus. Gespräche mit Großhändlern, um die Idee zu vermarkten, laufen derzeit. Neue Geschäftswege: Auch das gehört zur Geschichte der Familienwerft.


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