Die Angst geht um im westlichen Niedersachsen Warum viele Bürger aufrüsten und sich den kleinen Waffenschein besorgen

Von Claudia Scholz und Dirk Fisser

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Ralf Hartmann ist in Sachen Sicherheit Experte. In seinem Waffenladen „Waterborg“ im beschaulichen Leer hat er alles im Angebot, was das verunsicherte Herz zu brauchen glaubt: hier in der Auslage Schreckschusspistolen. Foto: Claudia ScholzRalf Hartmann ist in Sachen Sicherheit Experte. In seinem Waffenladen „Waterborg“ im beschaulichen Leer hat er alles im Angebot, was das verunsicherte Herz zu brauchen glaubt: hier in der Auslage Schreckschusspistolen. Foto: Claudia Scholz

Osnabrück/Leer. Im westlichen Niedersachsen lebt es sich laut der offiziellen Kriminalitätsstatistik besonders sicher. Trotzdem rüsten viele Bürger auf und besorgen sich den Kleinen Waffenschein. Wie passt das zusammen?

Ralf Hartmann ist in Sachen Sicherheit Experte. In seinem Waffenladen „Waterborg“ im beschaulichen Leer hat er alles im Angebot, was das verunsicherte Herz zu brauchen glaubt: Pfefferspray, Elektroschocker – und Schreckschusspistolen, die für den Laien kaum von den tödlichen Originalen zu unterscheiden sind. Diese Waffen darf jeder erwerben, der über 18 Jahre alt ist und einen Kleinen Waffenschein vorzeigen kann. „Nach der Silvesternacht von Köln 2015 ist die Nachfrage nach Schreckschusswaffen stark gestiegen“, erzählt Hartmann. In Leer wohlgemerkt, einer ostfriesischen Kleinstadt an der Ems. Wer hier lebt, lebt weit weg von den Gefahren der Großstadt, sollte man meinen.


„Es kommen sehr selten Personen her, die konkrete Bedrohungssituationen erlebt haben. Dass jemand mit blauem Auge nach einem Überfall nach einer Waffe verlangt, kommt einmal im Jahr vor“, sagt Hartmann. Foto: Claudia Scholz


Und doch treibt viele Bürger offenbar diese schwer greifbare Sorge um die eigene Sicherheit um. Sichtbar wird sie in Zahlen, die die Landesregierung kürzlich auf Anfrage der FDP-Fraktion veröffentlicht hat: Die Zahl der beantragten Kleinen Waffenscheine in Stadt und Kreis Leer ist von 63 in 2015 auf 508 in 2016 in die Höhe geschnellt. 2017 ging die Zahl der Anträge auf 275 zurück, verharrte im Langfristvergleich auf hohem Niveau. Im gleichen Zeitraum sank die Zahl der registrierten Straftaten um zwölf Prozent. Diese Entwicklung beschränkt sich nicht auf die kleine ostfriesische Stadt. Sie lässt sich in fast ganz Niedersachsen beobachten. Leer ist überall.





So einen kleinen Waffenschein kann so gut wie jeder beim Ordnungsamt beantragen. Doch wer rüstet da eigentlich auf? Waffenexperte Hartmann zählt auf: Tankstellenmitarbeiter und Taxifahrer aus Sorge vor Überfällen, Frauen, die Angst haben, alleine mit dem Hund Gassi zu gehen und so weiter. Personengruppen also, die sich gefährdet fühlen und für den Notfall gerüstet sein wollen. „Es kommen sehr selten Personen her, die konkrete Bedrohungssituationen erlebt haben. Dass jemand mit blauem Auge nach einem Überfall nach einer Waffe verlangt, kommt einmal im Jahr vor“, sagt Hartmann. Der Furcht seiner Kunden stehen die Zahlen der Polizeidirektion Osnabrück gegenüber, die für Sicherheit und Ordnung im Westen von Niedersachsen sorgt: Die tatsächliche Gefahr, Opfer eines Verbrechens zu werden, ist statistisch gesehen gering. In Leer, ja, im gesamten Westen des Bundeslandes lebt es sich laut Polizeistatistik sicher.

Polizeipräsident Bernhard Witthaut sagt: „Wir haben in der Polizeidirektion Osnabrück im Jahr 2017 den niedrigsten Stand der registrierten Straftaten seit über zehn Jahren. Auch die Zahl der aufgeklärten Straftaten ist gestiegen – im Schnitt klären wir sechs von zehn Straftaten auf.“ Das dennoch immer mehr Menschen einen kleinen Waffenschein beantragen, irritiert ihn.

Das Landeskriminalamt (LKA) Niedersachsen hatte kürzlich die Bürger im Land befragt. Die Dunkelfeldstudie brachte ans Licht: 12,9 Prozent der Befragten hatten die mehr oder weniger stark ausgeprägte Befürchtung, Opfer einer Straftat zu werden. Besonders Wohnungseinbrüche fürchten die Niedersachsen. Frauen sorgen sich zudem, Opfer einer Sexualstraftat zu werden. Zusammenfassend schreibt das LKA in der Studie: „Die Bürger fürchten sich allgemein mehr seit 2015 und halten es auch für signifikant wahrscheinlicher, dass ihnen etwas widerfährt.“ Gleichzeitig gaben sie aber auch an, im Vergleich zu vorhergehenden Befragungen weniger häufig Orte wie S-Bahn oder Parks aus Furcht vor Verbrechen zu meiden.


Pfefferspray, das die Aufschrift „Nur zur Tierabwehr“ trägt, darf jeder ohne Altersbeschränkung kaufen und mit sich führen. Foto: Claudia Scholz


Thomas Bliesener ist Direktor des Kriminologischen Instituts Niedersachsen. Er weiß, dass Kriminalitätsfurcht nicht immer rational begründbar ist. „Das Risiko, im Haushalt zu Tode zu kommen, ist zehnfach höher als das Risiko, durch eine Straftat umzukommen. Aber kaum jemand hat Angst, auf die Leiter zu steigen und das Fenster zu putzen.“ Wenige, aber einschneidende Vorfälle wie die Übergriffe von Flüchtlingen zu Silvester 2015 hätten auch durch ihre mediale Verbreitung zu einer bundesweiten Verunsicherung und Aufrüstung geführt, sagt Bliesener.

Er zweifelt die tatsächliche Schutzwirkung von Schreckschusswaffen, Pfefferspray und Co. übrigens an. Erfahrungen der Polizei zeigten sogar, dass es mehr Fälle gebe, in denen Menschen sich mit ihren eigenen Waffen verletzten, als Fälle, in denen die Abwehr eines Angriffs gelungen sei. „Wenn es hart auf hart kommt, kann die Waffe nicht richtig genutzt werden – oder sie wird gegen einen selbst gerichtet. Das Pfefferspray wird gegen den Wind gesprüht und landet im eigenen Gesicht. Oder der Schuss der Waffe geht im wahrsten Sinne des Wortes nach hinten los“, sagt der Kriminalforscher.


Elektroschocker und andere Utensilien der Selbstverteidigung im Waffenladen Waterborg in Leer. Foto: Claudia Scholz


Waffenhändler Hartmann gibt seinen Kunden oft zu bedenken, dass man sich mit Schreckschusswaffen beschäftigen müsse, um sich nicht selbst zu gefährden. Wenn Frauen nach Elektroschockern verlangten, mache er zum Beispiel den Armlängen-Test. Denn da die meisten Frauen kürzere Arme als Männer haben, hilft ihnen so ein Abwehrgerät oft nicht viel weiter, da der Arm des Angreifers sie erreicht, bevor sie es einsetzen können.

Pfefferspray gibt es ohnehin frei erhältlich und für jedes Alter im Internet – spätestens seit den Silvestervorfällen von Köln auch an Tankstellen und in Supermärkten. Der Aufdruck „Nur zur Tierabwehr“ reicht, und schon fällt das Spray nicht mehr unter das Waffengesetz. Einen Waffenschein muss der Käufer hier nicht vorzeigen.

Neben Selbstverletzungen durch die Abwehrmittel beobachtet die Polizei noch eine zweite problematische Tendenz: „Wir nehmen wahr, dass zum Beispiel Pfefferspray nicht nur zur Verteidigung, sondern vermehrt auch zur Begehung von Straftaten benutzt wird“, sagt Polizeipräsident Witthaut. Unter dem Strich entsteht also mehr Unsicherheit durch Gegenstände, die eigentlich Sicherheit vermitteln sollen.


Kleiner und großer Waffenschein

Schreckschusswaffen verschießen keine Projektile wie echte Waffen, sondern Platzpatronen oder Tränengas. Diese Waffen kann jeder ab 18 Jahren kaufen und ohne Genehmigung zu Hause aufbewahren. Will man sie in der Öffentlichkeit mit sich führen, wird ein Kleiner Waffenschein benötigt, der für 50 Euro beantragt werden kann. Voraussetzung: Mindestalter 18 Jahre, körperlich und geistig geeignet, nicht drogenabhängig und ohne Vorstrafenregister.

 Auf der Straße dürfen Schreckschusspistolen nur verdeckt mitgeführt und nicht abgefeuert werden, außer es besteht Gefahr. Der große Waffenschein erlaubt einem Waffenbesitzer, scharfe Waffen zu führen und zu benutzen, beispielsweise Schuss- und Luftdruckwaffen. Keinerlei Waffenschein braucht man für den Erwerb und das Tragen von Elektroschockern. Auch Pfefferspray, das die Aufschrift „Nur zur Tierabwehr“ trägt, darf es jeder ohne Altersbeschränkung kaufen und mit sich führen.

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