Zahl der Hengste halbiert Landgestüt war einmal „ein Plus/minus-null-Geschäft“

Von Johanna Lügermann


Celle. Einige Boxen auf dem Landgestüt Celle sind leer. Vor 20 Jahren standen noch doppelt so viele Hengste in den Ställen. Die Entwicklung spiegelt einen Trend des Pferdemarkts - und der Gesellschaft.

Dösend steht der dunkelbraune Spröcken hinter den Gitterstäben auf dem Landgestüt Celle. Die Stallgasse erinnert an ein Gefängnis. Doch diese Art der Haltung haben einen positiven Einfluss auf die Pferde, sagt Landstallmeister Axel Brockmann. "Früher dachte man, es ist gut, die Hengste abzuschotten. Doch sie sind ruhiger, wenn sie sich sehen und mitbekommen, was um sie herum passiert." Seit 2009 sei viel in eine bessere Haltung der Tiere investiert worden. Sie haben mehr Platz, freiere Sicht und auch die Luft im Stall hat sich verbessert. Diese Veränderungen gab es nicht nur auf dem Landgestüt, auf dem zurzeit etwa 30 Pferde stehen, sondern auch in der Hengstprüfungsanstalt in Adelheitsdorf. Das 40 Hektar große Areal liegt sechs Kilometer vom Landgestüt entfernt. Etwa 100 Tiere sind dort auf vier Ställe verteilt.

Zwölf von ihnen laufen gleichzeitig in zwei Karussells, die sich in Schrittgeschwindigkeit drehen. So erhalten die Pferde, die die meiste Zeit in ihren Boxen verbringen, Bewegung. Sobald das Gerät stoppt, wechseln die ersten Tiere schon die Richtung, bevor sich die Gitter anders herum bewegen. 


Foto: David Ebener



Auch wenn sich die Maschinen automatisch drehen und der Hafer auf Knopfdruck in die Boxen fließt, haben die insgesamt 40 Mitarbeiter in der Hengstprüfungsanstalt viel zu tun. Stroh und Heu müssen verteilt werden, die Boxen gereinigt und die Hallen instand gehalten werden. Täglich werden allein zehn Kilo Heu pro Pferd gefüttert. "Man darf auch nicht vergessen, dass wir jedes Jahr 50 junge Pferde einreiten. Etwa 50 Prozent der Arbeit sind am Pferd und 50 Prozent sind Pflege", fasst Obersattelmeister Henning Steinhoff zusammen. Das schrecke auch so manchen anfangs euphorischen Azubi ab. Im vergangenen Jahr hätten drei von sieben die Ausbildung abgebrochen - diese hohe Zahl sei jedoch eine Ausnahme. "Jugendliche - vor allem Mädchen - haben häufig eine falsche Vorstellung vom Beruf Pferdewirt. Es braucht schon ein Kraftminimum, denn es ist harte Arbeit", sagt Steinhoff, der schon seit 40 Jahren für das Landgestüt arbeitet. In dieser Zeit hat sich viel in der Zucht getan. "Wir haben heute keinen Hengst mehr im Stall, der beißt", nennt er einen Fortschritt. Durch die Leistungsprüfungen stünden nur noch "leichtrittige Pferde, nicht solche mit einem Bullengenick" in den Ställen. Inzwischen seien die Prüfungen allerdings nicht mehr so hart, wie vor zehn Jahren. "Die Pferde, die damals bestanden, waren wirklich topfit", sagt der Obersattelmeister. Jagdgalopp und 1,10 Meter hohe Sprünge gehörten zur Prüfung. Heute werde die Geländebahn der Anlage nur noch genutzt, um den Tieren Abwechslung zum Training in der Halle zu bieten. 

In Adelheitsdorf laufen derzeit die Vorbereitungen für die nächste Hengstparade. Vom 17. bis zum 19. August werden alle Hengste in Celle präsentiert. Die Paraden sind das Aushängeschild des Landgestüts - sie sind unverzichtbar für die Vermarktung der Samen, sagt Landstallmeister Brockmann. Die Konkurrenz auf dem Markt wachse, während die Zahl der Bedeckungen deutschlandweit in den vergangenen 20 Jahren von über 60.000 auf unter 30.000 pro Jahr um mehr als die Hälfte abgenommen hat. Obwohl sich der Markt etwas erholt habe, gehe er nicht davon aus, dass die niedrigste Zahl damit schon erreicht ist, sagt Brockmann.

Immer öfter würden sich mehrere Reiter ein Pferd teilen. "Frauen sind häufiger berufstätig, gleichzeitig fehlt der Nachwuchs", begründet er. Kinder und Jugendliche hätten nach wie vor Interesse am Reitsport, doch die Zeit fehle. "Ein Problem, mit dem alle Vereine zu kämpfen haben", ergänzt der Landstallmeister. Durch die mangelnde Auslastung von Schulpferden würden die Kosten für Reitunterricht steigen, sodass mehr Reitinteressierte sich den Sport nicht mehr leisten können. Auf der anderen Seite steige das Interesse an talentierten Sportpferden, die in Ausnahmefällen auch mehr als eine Millionen Euro kosten.

Deshalb lassen sich die Samen der Hengste des Landgestüts weiter verkaufen. Dabei gebe es eine Fokussierung auf einzelne Tiere. "Von 70 sind etwa 10 besonders gefragt. Sie haben einige 100 Nachkommen, während andere nur 25 haben", sagt Brockmann. Möglich ist das allerdings erst, seit die Hengste nicht mehr im Natursprung besamen. "Aus biologischen Gründen gibt es da die Grenze von etwa 100 Stuten, die pro Jahr gedeckt werden können. Durch Frischsamenübertragung ist es möglich auch 600 oder 700 Stuten pro Jahr zu bedienen", sagt Brockmann. Das Landgestüt habe 1986 angefangen sein Besamungsnetz auszubauen. Von zwischenzeitlich über 100 Stationen gebe es inzwischen aber nur noch 24. Dafür werde der Samen der niedersächsischen Pferde nicht mehr nur regional genutzt. Vor dem Einsatz der Technik reichte ein Blick auf die Ahnentafel eines Pferdes, um zu sagen, ob es aus Bayern, Hessen oder Niedersachsen stammt, schildert der Experte. Heute komme das Erbgut eines Hengstes bundesweit und sogar international zum Einsatz. "Wir bedienen sogar Asien und Afrika", sagt Brockmann. 


Foto: David Ebener


Von den Hengsten des Landgestüts werden so jährlich 4000 Stuten gedeckt. Bevor die Zahlen der Bedeckungen bundesweit einbrachen, waren es noch 7000. Als Folge ist die Zahl der Hengste in den vergangenen 20 Jahren um die Hälfte reduziert worden. Mit der Zahl von Bedeckungen gingen auch die Einnahmen des Gestüts zurück. "Es war mal ein Plus/minus-null-Geschäft", erinnert sich Brockmann. Nun bekomme das Gestüt, das Teil des Landwirtschaftsministeriums ist, etwa eine Millionen Euro im Jahr vom Land Niedersachsen. Damit unterstützt das Ministerium einen wichtigen Wirtschaftszweig in der Region. Das Landgestüt soll den Züchtern gutes Erbmaterial zu erschwinglichen Preisen zur Verfügung stellen. Dieses stammt unter anderem von Spörcken - dem Hengst, für den der Landstallmeister bisher am meisten bezahlte. 310.000 Euro bot er bei einer Auktion. Mit einer Decktaxe von 1000 Euro hat sich diese Investition bezahlt gemacht. 


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