Zucht ist schnelllebiges Geschäft Theorie, Logistik und Natur führen zum Fohlen

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Alfhausen Ahnentafeln und gefragte Vererber werden geprüft, bevor ein Fohlen auf die Welt kommt. Am Ende entscheidet aber dann doch manchmal der Zufall, ob ein Hengst in der Zucht eingesetzt wird, sagt Pferdezüchter Günter Landwehr.

Fest steht das Fohlen auf seinen jungen Beinen und erkundet neugierig den Hof. In den nächsten Monaten wird sich zeigen, ob jemand ein Turnierpferd in ihm sieht. Mit Vorfahren wie dem berühmten Hengst Weltmeyer bringt es zumindest die Veranlagung mit. „Mit jedem Fohlen kauft man auch ein bisschen Hoffnung“, sagt Züchter Günter Lindwehr. Seit 35 Jahren vermarktet er  auf seinem Hof in Alfhausen Pferde.

In den elf Monaten, in denen eine Stute tragend ist, kann das Interesse an Nachkommen eines Hengstes stark zu- aber auch abnehmen. Durch eine gute Turnierleistung sind seine Fohlen plötzlich gefragt, durch vererbte Fehlstellungen wenige Wochen nach einem großen Auftritt kaum noch interessant. Da hilft auch die genaueste Prüfung des Ergbgutspenders in manchen Fällen wenig - es gehört immer auch etwas Glück dazu, in diesem schnelllebigen Geschäft, sagt Lindwehr. Trotzdem schaut er sich die Hengste genau an. Nicht nur ihre Leistungen und Körpermerkmale, sondern auch ihre Geschwister, Vorfahren und die Charaktereigenschaften, die sich in den Zuchtlinien bemerkbar machten. „Das wichtigste ist, dass sie rittig sind“, sagt Lindwehr. Und die Eigenschaften ergänzen im besten Fall die der Zuchtstute. “Das heißt, wenn ich eine kurzbeinige Stute habe, kann dies ein Hengst durch Langbeinigkeit ausgleichen“, führt er aus.

Wenn es in der Theorie passt, müssen auch die logistischen Voraussetzungen stimmen - und die Natur muss mitspielen. „Dieses Jahr hatte ich mir einen Hengst aus Dänemark ausgesucht, die Samen konnte ich am Sonntag und Montag nicht bekommen. Meine Stute ovulierte aber am Montg“, sagt Lindwehr. So wären die Samen nicht zum richtigen Zeitpunkt verfügbar gewesen - wenn sich die Stute nicht schließlich doch einen Tag länger Zeit gelassen hätte. Deshalb wählt der Züchter bevorzugt Hengst, die im Umkreis von 100 Kilometern stehen, sodass er im Zweifelsfall selbst zur Zuchtstation fahren kann. Doch das Geschäft mit Pferdesamen sei mittlerweile ein weltweites. „Und um Fohlen zu verkaufen, brauchen wir interessante Linien, ein Produkt, das der Markt haben möchte“, sagt Lindwehr.

Seine Hannoveraner-Stammstute, mit deren Nachkommen er heute noch arbeitet, kaufte Lindwehr 1989. Der Sprössling des bekannten Hengstes Bolero war damals ein Jahr alt und bekam im Laufe seines Lebens 14 Fohlen. Darunter Dorina, die heute 16 Jahre alt ist und schon zehn Fohlen auf die Welt brachte.

Erstmals stehen in diesem Jahr drei tragende Stuten in Lindwehrs Stall. Laut Hannoveraner Verband liegt er damit knapp über dem Durchschnitt von zwei Stuten pro Züchter. Wobei es sehr viele Züchter mit wenigen Pferden und sehr wenige Züchter mit vielen Pferden im Verband gebe. Die Zahl der Zuchtstuten ist um ein vielfaches höher als die der Hengste. Die Deutsche Reiterliche Vereinigung zählte 2017 in der Kategorie Reitpferde deutschlandweit 2997 eingetragene Zuchthengste und 52.757 Zuchtstuten. Daraus hervor gingen  25.255 Fohlen.

Für Lindwehr ist die Zucht nur ein Nebenerwerb, trotzdem beansprucht sie zeitweise seine volle Aufmerksamkeit. Er setzt zwar eine Überwachungskamera ein und einen Geburtsmelder, der ein Signal gibt, sobald sich die Stute hinlegt. Trotzdem gibt es Nächte, in denen er alle zwei Stunden in den Stall geht, um zu sehen, ob es den Tieren gut geht. „Züchten ist einfach Herzblut“, sagt Lindwehr. Er versucht, die Fohlen zu verkaufen, bevor sie drei Jahre alt sind. In diesem Alter beginnt in der Regel die Ausbildung eines Reitpferdes, die etwa 5000 Euro pro Jahr kostet, schätzt der Züchter. Je mehr Geld er in die Tiere investiert, desto höher ist das Risiko, nicht kostendeckend zu wirtschaften.

„Der TÜV hat hier eine besondere Bedeutung“, sagt Lindwehr. Denn den gibt es nicht nur für Fahrzeuge. Der Pferde-TÜV ist eine Untersuchung des Tieres, bei der in der Standardvariante den Bewegungsapparat sowie Augen, Herz und Lungen überprüft werden. In der erweiterten Version werden zusätzlich Röntgenbilder gemacht. Ein Pferd, dessen Befunde deutlich von der Norm abweichen, erziele einen weitaus geringeren Preis. Es hat wenig Aussichten als Sportpferd Karriere zu machen und wird in der Regel als Freitzeitpferd verkauft.

Damit sich früh ein Interessent findet, behält Lindwehr jedes Fohlen nach der Geburt im Auge, um beispielsweise kleine Fehlstellungen zu korrigieren. „Das heißt manchmal auch, dass wir ein Fohlen mit weichen Fesseln drei Wochen lang morgens und abends auf hartem Grund führen, damit sich die Sehnen stärken“, sagt Lindwehr. Als Züchter liege ihm viel daran, dass die Tiere in gute Hände kommen und seine Kunden mit dem Fohlen zufrieden sind. „Ich kann es mir allerdings nicht erlauben, meine Kunden auszusuchen. Doch wenn jemand Geld investiert, hat er auch vor, etwas mit dem Pferd anzufangen“, sagt der Züchter


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