„Alleine schaffen wir es nicht“ Imamausbildung in Niedersachsen: Univertreter schlägt Alarm

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Wo sollen Imame in Niedersachsen künftig ausgebildet werden? Diese Frage treibt viele um. Foto: dpaWo sollen Imame in Niedersachsen künftig ausgebildet werden? Diese Frage treibt viele um. Foto: dpa

Osnabrück. In Niedersachsen sollen künftig Imame ausgebildet werden –dieser Plan der Landesregierung hatte vor einem guten halben Jahr viele überrascht. Dann wurde es ruhig. Was ist aus der Koalitionsvereinbarung geworden?

Ein Vertreter der Universität, der bislang für die Weiterbildung von Imamen zuständig war, beklagt den Stillstand in Sachen Imamausbildung. „Wir schlagen jetzt Alarm. Alleine schaffen wir es nicht“, sagt Roman Singendonk vom Institut für Islamische Theologie in Osnabrück. „Wir fordern konkrete Schritte hin zu einer praktischen Ausbildungsstätte, einer Akademie.“ Wichtig: Die Institution könne nicht ein verlängerter Arm der Uni sein, sondern müsse eigenständig funktionieren. So wie ein Priesterseminar von der Kirche, nicht von einer staatlichen Stelle betrieben wird, aber mit einer Universität zusammenarbeiten kann. Auch die Grünen sehen Handlungsbedarf. „Es ist die Landesregierung, die hier nun endlich aktiv werden muss, um auch den aus dem Ausland finanzierten Imamen der Ditib sowohl eine Alternative zur Ausbildung und dann später auch zur Finanzierung zu erarbeiten“, sagte Eva Viehoff, religionspolitische Sprecherin der Grünen-Landtagsfraktion.

Im Raum steht die Idee einer Akademie. Die wissenschaftliche Ausbildung der Imame könnte die Uni übernehmen. Nach dem Vorbild der Priesterausbildung könnte eine daran anknüpfende Akademie den praktischen Teil anbieten, die zweite Phase der Ausbildung – entweder in Zusammenarbeit mit den Verbänden oder ganz allein von ihnen getragen.

Wissenschaftsminister am Zug

Am Zuge sei nun das Wissenschaftsministerium (MWK), sagen die Grünen. Das hält sich jedoch bedeckt. Auf Anfrage unserer Redaktion teilte eine Sprecherin mit: „Das MWK ist für Gespräche jederzeit offen. Ausgangspunkt und Grundlage für Gespräche zu einer „zweiten Phase“ müssten Überlegungen und Vorstellungen der Verbände sein.“

Die Grünen kritisieren diese Zurückhaltung in Sachen Imamausbildung als ernüchternd. „Davon will die Landesregierung offensichtlich nichts mehr wissen und stiehlt sich aus der Verantwortung. Dabei ist das eine der drängendsten religionspolitischen Fragen für den niedersächsischen Islam“, sagte Viehoff. Es brauche Geistliche, die Land und Leute kennen. Die Grünen fordern daher Gespräche der Landesregierung mit den islamischen Dachverbänden und der Universität über Ausbildungskonzepte.

Islamverbände kritisch

Wie stehen die beiden wichtigsten niedersächsischen Islamverbände zu all dem? Beim Dachverband Schura heißt es, derzeit fänden keine Gespräche statt. Der Vorsitzende Recep Bilgen legte im Gespräch mit unserer Redaktion jedoch Wert auf die unterschiedlichen Zuständigkeiten: „Die theologische Ausbildung kann an einer staatlichen Uni stattfinden. Die weitere Ausbildung muss von einer Religionsgemeinschaft durchgeführt werden.“

Das sieht auch die Ditib so. „Generell halten wir es für verfassungsrechtlich fraglich, eine Imamausbildung im Auftrage der Politik zu unterstützen“, sagte Ditib-Landesgeschäftsführerin Emine Oguz. Zuständig seien die Religionsgemeinschaften.

Die Schura hält Gespräche mit der Ditib nach den Sommerferien für möglich. Auch die zeigt sich grundsätzlich offen: „Wir stehen einer Imamausbildung in Deutschland nicht skeptisch gegenüber, nur müssen hier richtige Schritte eingeleitet werden“, sagte Oguz. „Die islamischen Religionsgemeinschaften müssen als Träger dieses Vorhabens federführend mitwirken, weil sonst das Vertrauen der Community nicht gewährleistet ist.“ Außerdem ist noch nicht geklärt, wer eine mögliche Akademie finanzieren kann und will.

Hürde Staatsvertrag

Und dann ist da noch eine weitere Hürde: Ditib verfüge zwar über genügend Expertise, um ein Imamseminar aufzubauen, sagt Oguz. Allerdings müssten die politischen Akteure den Religionsgemeinschaften auch verfassungsrechtliche Zuständigkeit zusprechen. Heißt im Klartext: Solange sich das Land Niedersachsen in Sachen Staatsvertrag, also Anerkennung der islamischen Verbände als Religionsgemeinschaften, nicht bewegt, könnte es auch in Sachen Imamausbildung nicht weitergehen.

Kritik an Ditib

Und für ersteres sieht es düster aus. In einer Antwort des Wissenschaftsministeriums auf eine Kleine Anfrage der Grünen, die unserer Redaktion vorliegt, heißt es, das Verhältnis zu Ditib sei „nicht frei von Belastungen“. Eine künftige Kooperation sei von der weiteren Entwicklung des Verbandes abhängig. „Der niedersächsische Ditib-Landesverband kann nur dann langfristiger Partner des Landes sein, wenn sich der Verband nicht politisch instrumentalisieren lässt.“ Dazu müsse er sich von der Regierung in der Türkei lösen und von der türkischen Religionsbehörde Diyanet abgrenzen.

Uni besorgt

Es ist also unwahrscheinlich, dass sich schnell etwas bewegen wird. An der Uni Osnabrück beobachtet man diese Entwicklung mit großer Sorge. Die Imamweiterbildung laufe nach acht Jahren zum Oktober dieses Jahres aus, kündigt die Universität an. „Wir werden das Angebot nicht verlängern, denn es war immer nur eine Behelfskonstruktion. Am Ende muss es um Imame gehen, die in Deutschland ausgebildet werden, nicht um ausländische Imame, die hier nur weitergebildet werden“, sagt Projektkoordinator Roman Singendonk. Rund 150 Imame wurden in den vergangenen Jahren weitergebildet. Singendonk warnt nun davor, das Thema länger auszusitzen. „Wenn weiterhin nichts passiert, geht Expertise verloren und das Personal, das jetzt zur Verfügung steht, sieht sich anderweitig um.“ Während man in Niedersachsen zögert, gehen andere den nächsten Schritt: In Berlin wurde gerade ein Institut für Islamische Theologie gegründet. Vier Professuren werden ausgeschrieben. Ziel: die Ausbildung von Imamen.


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