Bestandsaufnahme in der Region Die große Schweinerei: Der Ärger mit Werkverträgen geht weiter

Von Dirk Fisser

Blick in einen Schlachthof. Foto: dpaBlick in einen Schlachthof. Foto: dpa

Osnabrück. Hier eine Selbstverpflichtung, dort ein neuer Kodex: Eigentlich sollte alles besser werden, im Umgang mit ausländischen Werkvertrags-Arbeitern. Eine Bestandsaufnahme lässt daran Zweifel aufkommen.

Eine Schattenarmee aus unzähligen Menschen sichert den Wohlstand der Region. Sie schlachten und zerlegen Schweine, sie bauen Schiffe, überbringen Pakete oder verlegen Fliesen. Viele Tausend Südost- und Osteuropäer arbeiten im Nordwesten von Niedersachsen und erledigen die Aufgaben, die kein Einheimischer unter den Bedingungen machen will. Der Rest der Gesellschaft nimmt von diesen Menschen und ihren Problemen kaum Kenntnis. In dieser Parallelwelt herrschen eigene Gesetzen, eine eigene Sprache und vor allem eines zählt: Leistung.

Eine Reise in diese Welt führt auf Dörfer wie Hemmelte im Landkreis Cloppenburg. In der heruntergekommenen Unterkunft an der Landstraße riecht es nach Schweiß und Alkohol. Es geht die Treppe rauf vorbei an Unterhosen und Schimmelflecken einen Flur mit vielen Türen entlang. Ganz am Ende des Ganges sitzen vier Männer auf ihren Feldbetten. Vor ihnen leere Bierflaschen, Wodkagläser und Zigarettentabak. Ihre Augen sind glasig vom Rausch.


„Wir sind die Sklaven Europas“Ein Schlachter aus Rumänien


„Kommen Sie“, sagt einer und deutet mit der Hand auf die Küche. Mit vereinten Kräften ziehen sie einen Schrank von der Wand: Kakerlaken rennen davon. Ratten sollen sie auch schon gehabt haben. Niemand interessiere sich für sie, schimpfen die Männer. „Wir sind die Sklaven Europas“, schreit einer immer und immer wieder, bis ihn die anderen mit einem Schlag auf den Hinterkopf beruhigen. Die Dusche teilen sie sich zu siebt, sagen sie. Die Miete zieht ihnen der Arbeitgeber direkt vom Lohn ab. 150 Euro pro Monat pro Person.

Daniela Reim kennt solche Unterkünfte und sie kennt die Geschichten, die die Männer zu erzählen haben. Reim arbeitet für die „Beratungsstelle für mobile Beschäftigte“. Als es zu schlimm wurde mit den Berichten über Missstände in der Fleischindustrie, wurde die Einrichtung aus der Taufe gehoben. Finanziert vom Land Niedersachsen. Seitdem fahren Reim, selbst Rumänin, und eine bulgarisch-sprachige Kollegin mit einem VW Bulli übers Land und hören vor allem zu.


Blick in eine Schlachter-Unterkunft. Das Foto stammt aus dem Jahr 2013. Archivfoto: Fisser


Cosmin Dragomir sitzt ihr in einem Eiscafé in Löningen gegenüber. Ein bulliger Typ mit Oberarmen so gestählt, dass er sie kaum noch anwinkeln kann. Ja, von der Unterkunft in Hemmelte hat er auch schon gehört. Er verzieht das Gesicht. Die schlechten Bedingungen dort sind berüchtigt unter den Schlachtern. In Dragomirs Sätze verirren sich immer wieder deutsche Wörter: Fleischsäge. Schneller. Doppelschicht. Befristung. Abmahnung. Es ist die Sprache dieser Parallelwelt. Wer ihr angehört, versteht, was gemeint ist. 


„Fertig-Vertrag“, sagt Dragomir und zeigt auf einen Zettel. So nennt er die Kündigung, die er von seinem Arbeitgeber erhalten hat – einem Subunternehmen des Schlachthofs von Danish Crown in Essen. Warum, weiß er nicht. Er versteht nicht, was in dem Schreiben steht. In einer Plastiktüte hat er das mitgebracht, was von seinem Arbeitsleben in Deutschland übrig geblieben ist: viel Papier.

Erst gelobt, dann gekündigt

Er reicht es über den Tisch. Eine lange Narbe zieht sich über die linke Hand – ein Arbeitsunfall mit dem Schlachtermesser. Einen Schutzhandschuh trug er nicht. Wochenlang fiel er aus, musste operiert werden. Als er zurückkam in den Schlachthof, bekam er Probleme mit den Gelenken. Osteochondrose lautete die Diagnose, eine Verschleiß-Krankheit an den Bandscheiben. Sein Arbeitgeber entließ ihn. Dragomir kramt tiefer in seiner Tüte und zieht ein Arbeitszeugnis hervor. Derselbe Arbeitgeber lobt ihn: Arbeitsmenge, Arbeitstempo und Arbeitsqualität seien sehr gut. Anderthalb Jahre nach dem Schreiben setzt das Unternehmen ihn vor die Tür.

Daniela Reim übersetzt Dragomir die Dokumente, berät ihn in Sachen Arbeitslosengeld und Kündigungsschutzklage vor dem Arbeitsgericht. Das ist es, was sie machen kann: Denjenigen irgendwie helfen, die das System aus Leistung und Druck wieder ausgespuckt hat. Alles legal.

Die Sache mit der Verantwortung

Werkvertrag heißt das Konstrukt, mit dem in der Fleischbranche aber auch in anderen deutschen Industrien gearbeitet wird. Ein Subunternehmer schickt seine Arbeiter in eine Fabrik und bekommt dafür Geld vom Fabrikbesitzer. Der verbucht die Arbeitskräfte als Sachkosten und kauft sich damit auch frei von Verantwortung. Zumindest juristisch. Aber moralisch?

Als vor fünf Jahren zwei Rumänen in einer Unterkunft für Werkvertragsarbeiter der Meyer Werft in Papenburg bei einem Brand in ihrer Unterkunft starben, waren Entsetzen und Empörung groß. Vielleicht auch die Scham angesichts der Lebensumstände der ausländischen Arbeiter, die auch über die Region hinaus publik wurden. Mit der Hoffnung auf ein bisschen Wohlstand waren die Männer ins Emsland gekommen. In die Heimat zurück kamen sie im Sarg.


In dieser Unterkunft starben zwei Menschen. Mittlerweile ist sie abgerissen. Foto: dpa


Ihr Schicksal wühlte auf. Plötzlich, so schien es, interessierte sich die Gesellschaft für die Menschen, die da in ihrer Nachbarschaft wohnen. Die Werft wollte künftig genauer hinschauen. In diesem Jahr meldete sich ein Werkvertrags-Arbeiter mit schweren Vorwürfen gegen einen Subunternehmer im Nachrichtenmagazin „Spiegel“ zu Wort: 15-Stunden-Schichten, schimmelige Unterkunft, dubiose Abrechnungen. Es sind dieselben Vorwürfe mit denen auch Reim Tag für Tag konfrontiert wird. Immer noch und immer wieder. Alles vergessen und nichts gelernt?

Die Unternehmer verweisen auf ihre Subunternehmer. Und die verteidigen sich wortreich. Cosmin Dragomir beispielsweise soll diverse Male gegen Hygienevorschriften verstoßen, unentschuldigt gefehlt und einen Kollegen bedroht haben. Am Ende steht oftmals Aussage gegen Aussage. Auch im Fall des ehemaligen Arbeiters auf der Meyer Werft, der sich dem „Spiegel“ anvertraute. Eine Untersuchung im Auftrag der Werft kam vorläufig zum Ergebnis, dass sich die Vorwürfe nicht belegen lassen.

Schlachter mit falschen Pässen

Die Schilderungen der beiden Rumänen aber decken sich mit denen anderer Arbeiter. Sie berichten vom Druck der Vorarbeiter, von Zeitverträgen, von Krankheit, vom anschließenden Rauswurf. Und von einer Kontrolle des Zolls vor wenigen Wochen. Die Beamten entdeckten dabei 20 Frauen und Männer mit gefälschten rumänischen Ausweisen im Schlachthof.

Als Mitglieder der Europäischen Union dürfen Rumänen in Deutschland ohne Einschränkungen arbeiten. Bei den Männer und Frauen handelte es sich aber um Russen, Ukrainer und Moldawier ohne Aufenthaltserlaubnis. Sie waren illegal hier und somit illegal in dem Schlachthof tätig. Angeblich war das niemandem aufgefallen. Wie sie in das Unternehmen kamen, ist unklar. Die ehemaligen Kollegen sagen, ein Vorarbeiter habe Bescheid gewusst. Sie sagen auch, bei der Kontrolle sei nur ein Teil der Arbeiter aufgeflogen, der andere habe sich versteckt. Die Prüfung des Zolls dauert an. Aus informierten Kreisen heißt es, dem Schlachthof sind aus rechtlicher Sicht wohl keine Vorwürfe zu machen. Dem Subunternehmer auch nicht.

Der Fall ist symptomatisch: Niemandem soll aufgefallen sein, dass plötzlich vermeintliche Arbeiter aus Rumänien am Schlachtband oder der Zerlegebank standen, die gar kein Rumänisch sprachen. Niemand wunderte sich, wo die Menschen so plötzlich herkamen. War die Tarnung so gut? Gab es Profiteure unter den Vorarbeitern, die den Betrug deckten? Oder interessierte es einfach niemanden, weil die Arbeitsleistung stimmte? 

500 Euro pro Pass

Die falschen Pässe waren offenbar die Eintrittskarte in das Werkvertragssystem. Die Dokumente würden Osteuropa auf der Straße verkauft, berichten die Arbeiter. Von dubiosen Mittelsmännern, die gleich den Transfer nach Deutschland organisieren. Mal für 250, mal für 500 Euro. Statt Teilhabe an der Wohlstandsgesellschaft in Deutschland erwartet viele aber nur der Werkvertrag.

Die betroffenen Unternehmen wollen künftig alles besser machen. Wieder einmal. Daniela Reim glaubt nicht daran. Stattdessen prüft sie Gehaltsabrechnungen. Von Subunternehmen der Schlachthöfe von Tönnies in Sögel, von Wiesenhof in Lohne oder eben von Danish Crown in Essen. Mal wurde der April-Lohn erst im Juni ausgezahlt, mal 500 Euro als Vertragsstrafe abgezogen, mal verschwanden Urlaubstage trotz Krankschreibung von der Abrechnung. „Man sollte meinen, dass das doch nicht wahr sein kann. Ist es aber“, sagt Reim.

Den Kopf schüttelt sie darüber schon lange nicht mehr. Wozu auch? Der fragwürdige Umgang mit den Menschen aus Ost- und Südosteuropa ist Alltag. Daniela Reim und ihre Kollegin stehen dem System fast machtlos gegenüber. Viele profitieren davon. Fast alle schauen weg. Einer der wenigen, die das nicht getan haben und nicht tun, ist der katholische Geistliche Peter Kossen. Mit als Erster und dann immer und immer wieder hat er die Missstände angeprangert. Unbekannte hinterließen daraufhin einen Gruß vor seiner Haustür: ein totes, gehäutetes Kaninchen. Kossen ließ sich nicht beirren und predigte weiter.


Der Geistliche Peter Kossen (links) spricht die Missstände offen an. Foto: dpa


Die katholische Kirche ist in dieser Region nach wie vor einer der gesellschaftlichen Eckpfeiler. Nicht wenige glauben, der liebe Gott habe beim enormen wirtschaftlichen Aufschwung seinen Teil geleistet. Tatsächlich waren es wohl eher der massive Ausbau der Tierhaltung und die vielen Tausend billigen Arbeitskräfte aus dem Ausland, die diese Tiere vor Ort schlachten. Kossen erinnerte an die Nächstenliebe und daran, dass die Werkvertragsschlachter davon nicht ausgeklammert werden dürfen. Er predigte gegen ein System, dass zur Selbstverständlichkeit für diejenigen geworden war, die nicht darunter litten.

In Vechta, sollte man meinen, fand der Geistliche Gehör. Katholischer als Vechta ist womöglich nur noch der Vatikan selbst. Tatsächlich wurden Selbstverpflichtungen unterschrieben, Kontrollen verschärft und so weiter. Doch die große Wende zum Besseren blieb wohl aus.

Menschenhändler, Sklaventreiber,...

Am Tag der Arbeit, am 1. Mai, hielt Kossen in Vechta auf einer Veranstaltung des Deutschen Gewerkschaftsbundes eine Rede, die in Ton und Inhalt an Arbeiterführer des 20. Jahrhunderts erinnerte. Von Ausbeutung sprach er. Und Mehrklassen-Gesellschaft. Von Menschenhändlern und Sklaventreibern. „Hier auf bessere Einsicht oder auf Menschlichkeit zu hoffen, ist leider naiv und realitätsfern“, stellte Kossen fest. Die Intention seiner Rede war es, den Menschen in der Region die Augen zu öffnen für das, was vor ihrer Haustür passiert. Er bekam Applaus. Erfolg hatte er offensichtlich nicht.

Und so fährt Daniela Reim weiter übers Land. Versucht den vielen Tausenden ausländischen Arbeitern zu helfen. Cosmin Dragomir ist nicht mehr darunter. Er ist zurückgegangen nach Rumänien. Hier will er erst einmal wieder gesund werden. Und danach? Zurück nach Deutschland? Er muss nicht lange über die Nachricht nachdenken. Niemals, sagt er.


Blick in einen Schlachthof in der Region Weser-Ems. Foto: dpa