Colossos im Heide Park wird renoviert Wie arbeitet man auf einer bis zu 54 Meter hohen Achterbahn?

Von Nadine Grunewald

Zur Arbeit hoch hinaus: In bis zu 54 Metern Höhe müssen die Bauarbeiter auf der Holzachterbahn Colossos arbeiten. Foto: David EbenerZur Arbeit hoch hinaus: In bis zu 54 Metern Höhe müssen die Bauarbeiter auf der Holzachterbahn Colossos arbeiten. Foto: David Ebener

Soltau. Seit zwei Jahren steht Europas schnellste und höchste Holzachterbahn im Heide Park Soltau still. Der Grund: Die Schienen von Colossos müssen ausgetauscht werden. Vor Kurzem haben die Bauarbeiten begonnen. Doch wie arbeitet man auf einer bis zu 54 Meter hohen Achterbahn – und wann wird Colossos wieder fahren?

Es ist ein ungewohntes Bild, das sich den Gästen im Heide Park Soltau bietet: Es ist warm, es ist trocken, es ist ein Tag in den Sommerferien – doch kein Besucher steht vor Colossos an, der höchsten und schnellsten Holzachterbahn Europas. Grelle Schreie, das Rumpeln von Wagen, die über Schienen rasen, all das hört man nur von nebenan. Denn während die Achterbahn „Desert Race" weiter Runde für Runde dreht, ist Colossos stillgelegt. Seit Juli 2016 ist das Fahrgeschäft geschlossen. Jetzt erobern Bauarbeiter die Bahn, die seit ihrer Eröffnung im Jahr 2001 über 1,26 Millionen Kilometer zurückgelegt hat. 

Im Vergleich zur Achterbahn Colossos wirkt der Baukran fast wie ein Spielzeug. Foto: David Ebener

Abgeschirmt von einem verhangenen Bauzaun haben die Arbeiten Mitte Juni nach langer Vorbereitungszeit begonnen. Rund zwölf Millionen Euro investiert der britische Merlin-Konzern, zu dem der Freizeitpark gehört, in das Projekt. Bei einer genauen Begutachtung der Achterbahn im Sommer vor zwei Jahren hatte sich herausgestellt, dass der Zustand der Schiene schlechter war als angenommen. Laut Bastian Lampe, Technischer Leiter Fahrgeschäfte im Heide Park, handelt es sich bei der Schiene um einen Prototypen, der bei Colossos erstmals verbaut worden ist. Weil die Schiene zwar noch in Ordnung war, die damals angenommenen Parameter jedoch nicht mehr hundertprozentig erfüllt wurden, entschied sich der Park dazu, den Betrieb der Bahn einzustellen. 

Sehr komplexes Projekt

Nun sind Bauarbeiter dabei, die komplette Schiene – zwei Mal etwa 1400 Meter – sowie ein Drittel der Träger unter der Schiene auszutauschen. Etwa 360 dieser sogenannten Ledger müssen erneuert werden. Das Gerüst bleibt erhalten. Von der Komplexität her kommt das Projekt laut Parksprecherin Svenja Heuer einem Neubau der Bahn gleich. Carsten Stock von der Firma RCS, die am Bau beteiligt ist, bezeichnet es gar als „mega komplex". RCS hat sich auf den Auf- und Abbau von "amusement rides", also Fahrgeschäften, spezialisiert.

Der Bauarbeiter ist auf dem Weg nach oben. Bis zu 54 Meter hoch ist die Achterbahn. Foto: David Ebener

Nachdem sich die Bauarbeiter zunächst im ebenen Startbereich von Colossos mit den Rückbauarbeiten vertraut machen konnten, sind sie inzwischen an einem der schwierigsten Bereiche angekommen: dem Lift. „Das ist das dickste Brett, das wir bohren müssen", sagt Bauleiter Thorsten Berwald. Denn ganz oben, am höchsten Punkt, ist die Achterbahn 54 Meter hoch. 

Holzspäne fliegen durch die Luft, als einer der Bauarbeiter zwei Schienen durchsägt. Foto: David Ebener

Doch die Männer kommen voran. Gut gesichert arbeiten sie sich Stück für Stück von oben nach unten zurück in Richtung Bahnhof. Während die einen die dicke Kette am Lift aus ihrem Kanal ziehen, montieren andere die Schienen ab. Schrauben werden gelöst, dann nimmt sich einer der Bauarbeiter eine Kettensäge, klettert auf die Balken zwischen den Schienenbahnen und schneidet zwei Schienen durch. Funken sprühen, Holzspäne fliegen durch die Luft und bilden eine helle Schicht auf der dunklen Arbeitshose des Mannes. Das Geräusch der Säge übertönt für einen Moment das Gekreische aus der Achterbahn „Desert Race".

Mehrere Meter weiter oben befestigen die Arbeiter derweil eine bereits gelöste Schiene an den Schlaufen eines Krans. Er hebt das etwa neun Meter lange Bauteil von der Achterbahn.

Der Kran hebt eine alte Schiene von der Achterbahn. Foto: David Ebener

„Es ist ein extremer Aufwand", sagt Stock. Und nach dem Abbau der alten Schienen wartet der Einbau der neuen. „Das wird schwierig. Es kommt auf Genauigkeit an; im Prinzip muss die neue Schiene genau so sein wie die alte", erklärt Stock. Auf ihn und seine Kollegen warten nach dem Lift noch weitere schwierige Abschnitte. „Die Abfahrt, der Kreisel und die Steilkurve sind die schwierigsten Aufgaben", findet er. 

Gut angelaufen

Eine weitere Schwierigkeit erwartet Bauleiter Berwald im weiteren Verlauf der Arbeiten. Denn erst dann würden weitere Details sichtbar werden, die man im Vorfeld nicht sehen konnte. „Es ist ein sehr anspruchsvolles Projekt, das man von Anfang an gewissenhaft angehen sollte", sagt er. Und: „Es ist das erste Mal weltweit, dass wir eine Holzachterbahn in dem Maße sanieren. Bis jetzt ist es aber gut angelaufen."

„Das wird eine Sahnehaube."Bauleiter Thorsten Berwald

Gleichzeitig mit den Rückbauarbeiten haben auch die Vorbereitungen für weitere Bauarbeiten an der Achterbahn begonnen. Denn dort soll noch etwas Neues entstehen. Was genau sich verändern wird, dazu wollen die Verantwortlichen noch nichts sagen. Nur so viel: „Das wird eine Sahnehaube. Es wird die Nutzer vom Hocker reißen; wir legen noch mal eine Schippe oben drauf", verrät Berwald. 

Bauleiter Thorsten Berwald überwacht die Sarnierung der Holzachterbahn Colossos. Foto: David Ebener

Vielleicht kann der Heide Park damit auch die Colossos-Fans besänftigen, die nach der plötzlichen Schließung der Achterbahn verärgert waren. Denn lange Zeit gaben die Parkbetreiber den Grund dafür nicht bekannt. „Der Unmut der Gäste ist verständlich. Man musste sich im Konzern erst sortieren. Das geht nicht von heute auf morgen. Es ist schließlich ein sehr, sehr hohes Invest", sagt Berwald. Auch weil eine Marktforschung ergeben habe, dass die Besucher die Achterbahn so behalten wollen, wie sie ist, habe man sich schließlich zum Austausch der Schienen entschlossen. 

Witterungsbedingungen spielen eine Rolle

Colossos besteht aus etwa 5000 Kubikmetern Holz. Dabei handelt es sich um Kertoholz, ein besonderes Kiefernholz. Bei Achterbahnen, bei denen nicht dieses besondere Holz verwendet wird, müssten alle paar Jahre die Schienen ausgetauscht werden. Wie lange die Nutzungsdauer der neuen Schienen von Colossos sein wird, dazu können laut Berwald auch Holzsachverständige keine genauen Angaben machen. „Das hängt auch von den Witterungsbedingungen, der Pflege und den Erhaltungsarbeiten ab."

Einige Schienen haben die Arbeiter bereits abmontiert. An dieser Stelle geht es weiter. Foto: David Ebener

Die Witterung wird auch eine Rolle dabei spielen, wie schnell die Bauarbeiten fortschreiten. Man habe sich bewusst dazu entschieden, die Arbeiten im Sommer durchzuführen. Bei widrigen Witterungsbedingungen könne die Holzkonstruktion aus Sicherheitsgründen nicht ausgetauscht werden. 

Besonderes Fahrgefühl

Derzeit hoffe man, Colossos zur kommenden Saison wieder eröffnen zu können. Die Achterbahn sei aufgrund des besonderen Fahrgefühls sehr beliebt, viele Besucher kämen extra deshalb in den Park. Dass Colossos noch immer die höchste und schnellste Achterbahn Europas ist, spiele dabei gar keine so große Rolle. „Das ganze Konstrukt ist eine Marke für sich. Die Leute gieren danach, dass es wieder in Betrieb genommen wird", so Berwald. Und wenn es so weit ist, dann werden die Parkbesucher vor Colossos auch wieder Schlange stehen, Wagen über die Schienen rumpeln und Fahrgäste schreien.


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