Bei der WM in Sotschi Wie ein Oldenburger Feuerwehrmann einem Russen das Leben rettete

Von Marc Geschonke

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Erleichtert: Kevin Meyer nach dem WM-Spiel in Sotschi. Foto: NWZErleichtert: Kevin Meyer nach dem WM-Spiel in Sotschi. Foto: NWZ

Sotschi. Kevin Meyer ist Mitglied der Oldenburger Berufsfeuerwehr. In Russland wollte er mit Freunden das Spiel gegen Schweden besuchen. Dann wurde er zum Lebensretter.

Dem russischen Mopedfahrer räumte niemand auch nur die geringste Chance auf eine Rückkehr ein. Er war am Samstagmorgen mit seinem Zweirad in der Nähe des WM-Stadions von Sotchi verunglückt. Durch die Folgen des Sturzes war er bereits seit einiger Zeit tot – und das nicht nur theoretisch. Doch es wurde eine echte WM-Geschichte daraus, mit einem guten Ende für alle Beteiligten: Denn der Mopedfahrer wurde von Kevin Meyer, deutscher Fußballfan und Feuerwehrmann, gerettet.

Der Visbeker kämpfte unaufhörlich um das Leben des Unfallopfers. Kevin Meyer leistete Erste Hilfe. Drückte. Drückte. Drückte. Beatmete. „Bis mir die Arme abgefallen wären“, sagte er später. Der Mopedfahrer kam wieder zu Bewusstsein und überlebte knapp den schweren Unfall.

Riesiges Trümmerfeld

Mittlerweile ist der 22-Jährige aus Visbek (Landkreis Vechta) so etwas wie ein deutscher Held in Russland. Lokale Zeitungen und Online-Magazine, aber auch TV-Sender hatten über den Norddeutschen berichtet, der seinen beruflichen Alltag auf der Oldenburger Feuerwache beziehungsweise bei Hilfebedürftigen in dieser Stadt verbringt.

Am Samstag war er nicht im Einsatz, zumindest nicht offiziell und nicht in Oldenburg. Mit Vater und Freunden hatte er sich gen Russland aufgemacht, um sich vor Ort das deutsche WM-Spiel anzuschauen – in dem das DFB-Team in der Nachspielzeit die Schweden bezwang. Erst am Vorabend in Sotschi angekommen, sollte es am Morgen zunächst noch ganz touristisch zu einer Forellenfarm und in die Berge gehen. Eigentlich.

Menschen überfordert

„Wir waren gerade erst aus dem Hotel raus und im Auto, da stockte es schon 400 Meter weiter an einer Kreuzung, eine riesige Menschentraube hatte sich da in einer Seitenstraße gebildet“, erinnert sich Meyer. Um „auf Nummer sicher“ zu gehen, seien der Notfallsanitäter, Bekannte und ein befreundeter Übersetzer dann ebenfalls hingelaufen. Man weiß ja nie. Das Gefühl sollte nicht trügen: „Ein riesiges Trümmerfeld, das Moped lag 20 Meter weiter, total zerstört.“ Dessen Fahrer habe eine Vorfahrt missachtet, sei mit einem Auto zusammengestoßen und darunter geraten, so berichten es einheimische Medien.

Zwar stand ein gutes Dutzend Menschen um den verunglückten Mittzwanziger herum, manche beugten sich zu ihm – lebensrettende Maßnahmen aber habe niemand versucht, so Meyer. Vielleicht ja, weil sie alle mit der Situation und dem Anblick überfordert waren? Der Fahrer habe mit dem Gesicht in einer Pfütze gelegen, war blau angelaufen, der Helm zerrissen, das Herz ruhte. Puls? „Nichts mehr.“ Meyer reagierte, startete die einst bei den Maltesern in Vechta und später bei der Oldenburger Berufsfeuerwehr perfektionierten Wiederbelebungsmaßnahmen. „Das ist ja meine Pflicht“, sagt er.

Kein Kollege zum Abwechseln

Auch wenn die Vorzeichen hier deutlich andere waren: Hier hatte er keine unterstützenden Geräte, kein Material. Hier hatte er keinen Notarzt an der Seite, mit dem er die Maßnahmen besprechen konnte. Hier war kein Kollege, mit dem er sich im Zwei-Minuten-Takt hätte abwechseln können. „Nach einer gewissen Zeit ist man komplett auf“, so Meyer im Gespräch. An vergangenen Samstag war das jedoch egal. „Ich wollte es so lange weiter probieren, bis der örtliche Rettungsdienst gekommen wäre“, sagt er. Nach vier, vielleicht fünf Minuten habe der Verunglückte dann plötzlich eine Spontanatmung gezeigt, gezuckt, und das Blau wurde rosiger.

„Wahnsinnserfahrung“

Meyer übergab den schwer verletzten, aber lebenden Mann schließlich an den nun eingetroffenen Rettungsdienst und seine Daten an die Polizei. War’s das? Mitnichten. Keine Stunde später berichtete schon ein russischer TV-Sender und ein erster von weiteren Onlinediensten über den „deutschen Fußball-Fan Kevin Meyer“, der da einem Mopedfahrer in Sotschi das Leben gerettet hatte. Weitere Interviewanfragen folgten. Viele. „Wir haben dann versucht, den Tag irgendwie ohne dieses Thema fortzusetzen“, sagt er, „aber das hat nur schwer geklappt.“ Lockerer wurde es erst am Abend, nach dem 2:1-Sieg der Deutschen gegen Schweden, den Meyer und seine 14-köpfige Gruppe im Stadion durchlebt hatten.

Am Donnerstag, zwischen zwei Nachtschichten und zurück in Oldenburg, konnte der 22-Jährige erleichtert resümieren: „Es war eine Wahnsinnserfahrung und ein extrem schönes Gefühl, wenn die eigene Zivilcourage so etwas bringt.“ Es war die Rettung in letzter Sekunde – und Meyer fortan der wohl einzige deutsche WM-Held in Russland.


Am 18. August findet von 11 bis 15 Uhr auf dem Schlossplatz der Aktionstag „Oldenburg rettet Leben“ statt. Dabei handelt es sich um eine Initiative von Feuerwehr, Polizei, Klinikum, Großleitstelle, Malteser, Johanniter und DRK. Besucher erfahren hier, wie sie mit wenigen Handgriffen selbst zum Lebensretter werden können.

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