NVA plante raschen Vorstoß 3. Weltkrieg, Tag 5: Einmarsch in Osnabrück


Osnabrück. Die Region Osnabrück und das südliche Emsland hätten im Fall eines 3. Weltkriegs nach erstmals veröffentlichten Plänen der Nationalen Volksarmee der DDR im ersten Invasionskeil der Ostblock-Truppen gelegen.

Alles sollte blitzschnell gehen: Die Eroberung der Region war bereits für Tag fünf vorgesehen. Größeren Widerstand erwarteten die Ost-Militärs angesichts des hohen Marschtempos nicht. Die Pläne aus den frühen 1980er-Jahren stellt der ehemalige NVA-Oberstleutnant Siegfrid Lautsch in einem aktuellen Buch mit dem Titel „Kriegsschauplatz Deutschland“ vor, das das Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMS) publiziert.

„In seiner Zeit bei der 5. Armee der NVA zählte Lautsch zu den zwei, drei Leuten, die über solche Planungen Bescheid wussten“, bestätigt der NVA-Experte Oliver Bange im Gespräch mit unserer Zeitung, dass der Ex-Offizier weiß, was er sagt. Nur eine Handvoll DDR-Vertreter sei in die Pläne eingebunden gewesen, sagte der promovierte Militärforscher Bange. Nach der Arbeit daran verschwanden die Unterlagen wieder in Panzerschränken, aus denen sie nie wieder hervorkamen.

Lautsch rekonstruierte daher drei Szenarien der 1980er-Jahre, an denen er beteiligt war. Zu DDR-Zeiten hätte ihm dafür der Tod gedroht. Unterlagen standen ihm keine mehr zur Verfügung, aber Lautsch legte seine Arbeiten dem russischen Generalstab in Moskau vor und bat um Stellungnahme. Nach Angaben der Bundeswehr bestätigten die Russen die Authentizität seiner Darstellung.

Demnach hätten es die Ostblock-Truppen im Falle des Falles ungemein eilig gehabt. Aus den Planungen für 1983 geht hervor, dass sie bereits in fünf Tagen die Region Osnabrück/Südliches Emsland und nach spätestens sieben Tagen die niederländische Grenze erreicht haben wollten. Grund der Eile: Für den Schutz der Norddeutschen Tiefebene waren neben Bundeswehr und Briten auch Verbände aus den Niederlanden und den USA vorgesehen. Bis diese sowie die westdeutschen Reservisten bei einer mutmaßlichen Vorwarnzeit von 48 Stunden einsatzbereit waren, wollte das russische Oberkommando das Feld bereits aufgerollt haben. Darüber hinaus diente der Vorstoß quer durch die Republik dazu, die Flanke eines für Nordhessen vorgesehenen Hauptangriffs der Roten Armee im Norden abzusichern.

ZMS-Forscher Bange weist darauf hin, dass es sich trotz des Angriffs um eine defensive Planung gehandelt habe. „Die Offensivstrategie des Warschauer Paktes war aus sowjetischer Sicht eine Verteidigungsstrategie.“ Sie sei keineswegs in einem gesellschaftlichen Expansionsdrang des Sozialismus begründet gewesen. Eher sei die Lage anders herum: „Der sowjetischen Ideologie lag die Annahme zugrunde, dass der Kapitalismus mit seinen Märkten ein aggressives System ist. Deshalb erwartete der Ostblock einen Angriff, und zwar insbesondere von Westdeutschland mit seinem Ziel der Wiedervereinigung.“ Dieses fand sich als erklärtes Ziel im Grundgesetz, was die Sowjets als offen revanchistisch werteten.

„Bei den Ost-Militärs galt immer das Dogma, der Westen werde angreifen“, so Bange. Und wenn er das täte, wollten die Russen nach ihren bitteren Erfahrungen mit 20 Millionen Toten und verbrannter Erde im 2. Weltkrieg um jeden Preis vermeiden, erneut Schlachten auf eigenem Terrain zu führen. Besser sollte der Kampf per Offensiv-Vorstoß in die Bundesrepublik hinein verlagert werden.

Ob das so stimmt? Einige Historiker sind vorsichtig. So meint Nikolaus Katzer , Direktor des Deutschen Historischen Instituts in Moskau: „Für eine Interpretation, ob diese Pläne nur für den Verteidigungsfall waren oder für den Fall eines günstigen Moments auch zu einem aktiven Angriff gedient hätten, wäre eine breitere Basis an Quellen zu prüfen.“ Diese aber lägen bis heute in Russland unter Verschluss.

Und hätte ein solcher Vorstoß Erfolg gehabt? Katzer: „Die NVA hat sich für sehr schlagkräftig gehalten, so viel ist klar.“ Die Frage sei indes, wie realistisch diese Einschätzung gewesen und ob sie mit der Stärke des Gegners abgewogen worden sei. „Ich würde davon ausgehen, dass die Bundesrepublik nicht innerhalb weniger Tage überrollt worden wäre“, bilanziert Katzer, der auch Professor der Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr in Hamburg ist.

Sein Kollege Dr. Matthias Uhl hält die Frage als expliziter Kenner der Geschichte des Kalten Krieges fast für überflüssig. „Bis weit in die 70er-Jahre wäre es sowieso zu einem Nuklearkrieg gekommen.“ Danach, in den 80er-Jahren, hätten neue Panzerabwehrkräfte der NATO und weitere Innovationen dafür gesorgt, dass entsprechende Vorstöße vermutlich hätten abgefangen werden können.

Sicher sei man jedoch nie, meint Uhl, und zitiert mit Carl von Clausewitz den Vater zahlreicher strategischer Lehren: Jede Planung gelte nur bis zum ersten Schuss.

Im Falle einer Ostblock-Offensive hätte das umso mehr gegolten. Lautsch zufolge waren die Warschauer-Pakt-Truppen zahlenmäßig um 50 Prozent überlegen, Material hätte sogar das 2,7-Fache zur Verfügung gestanden. Für den Historiker Bange bedeutet das, dass sie im Falle eines Angriffs bis zum Anfang der 80er-Jahre durchaus Chancen gehabt hätten – zumindest theoretisch. Denn auch er weist darauf hin, dass ein solcher Marsch, wie ihn die NVA plante, kaum zustande gekommen wäre – und erinnert an Szenarien, wie sie die NATO ihrerseits in den „Wintex“ -Übungen durchgespielt habe: nämlich den Einsatz eigener Kernwaffen auf dem Gebiet der Bundesrepublik, um genau einen solchen Vorstoß zu unterbinden, wie Lautsch ihn schildert.


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