Vereine kämpfen um Nachwuchs „Nun ja, der Posten ist frei“ – Ein kleines Schützenfest vor dem Aus

Von dpa

Einige der rund 2500 Schützenvereine im Land kämpfen um neue, junge Mitglieder. Foto: dpaEinige der rund 2500 Schützenvereine im Land kämpfen um neue, junge Mitglieder. Foto: dpa

Hannover. Kleine Kinder, Hausbau, Job – ein kleiner Ort im Kreis Peine findet keinen Nachfolger für das Amt des Vorsitzenden der Volksfestgemeinschaft. Ohne Verein kein Schützenfest. Auch andere der rund 2500 Schützenvereine im Land kämpfen um neue, junge Mitglieder.

„Nun ja, der Posten ist frei“, entgegnet Edith Lampe Bekannten aus Groß Bülten, wenn sie ihr sagen: „Du willst aufhören? Das geht doch nicht!“ Schon seit einigen Monaten gibt es dieses und ähnliche Gespräche in dem kleinen Dorf im Landkreis Peine. Die 68-jährige Lampe will nach 34 Jahren Engagement den Posten in der Volksfestgemeinschaft Groß Bülten e.V. abgeben. Weil sich nirgends ein Nachfolger findet, werden die Groß Bültener dieses Jahr zwischen dem 11. und 13. August zum letzten Mal ihr Schützenfest feiern.

Mitgliederzahlen rückläufig

Auch andere der etwa 2500 Schützenvereine im Land spüren, dass sich weniger Menschen als früher für die traditionellen Feste engagieren wollen. Die Mitgliederzahlen gehen seit Jahren leicht zurück. Der Niedersächsische Sportschützenverband (NSSV) hat rund 162.000 aktuelle Mitglieder. Vor zehn Jahren waren es noch 180.000. Das entspricht einem durchschnittlichen Rückgang von rund einem Prozent pro Jahr, gibt der NSSV an. „Allerdings ist dieser Abwärtstrend in den beiden vergangenen Jahren etwas gemildert worden – der Mitgliederverlust lag dann nur noch bei 0,5 Prozent“, erklärt der Vize-Vorsitzende des Deutschen Schützenbundes (DSB) Wilfried Ritzke.

Feste haben weniger Zulauf

Außerdem ziehen die Schützenfeste tendenziell weniger Besucher an. „Einzelne Schützenvereine haben möglicherweise weniger Zulauf als früher“, sagt Ritzke, der auch Vorsitzender des Kreisschützenbundes Celle ist. Das liege auch daran, dass sich die Gesellschaft verändert hat. „Die Vielfalt der Veranstaltungen, die den Menschen heutzutage geboten werden, ist schon immens“, betont der 59-Jährige. (Weiterlesen: Sieben Vorurteile gegenüber Schützen – und sieben ehrliche Antworten)

„Früher waren die Schützenfeste in jedem Ort der kulturelle Höhepunkt des Jahres“, erklärt Ritzke. Jetzt sind die Schützenfeste in vielen Regionen eines von vielen Festen und die Menschen seien mobiler als vor Jahrzehnten. Doch gegen die starke Konkurrenz bei der Freizeitgestaltung kämpften nicht nur Schützenvereine, sondern auch andere Vereine wie THW, DRK, DLRG oder die Feuerwehr.

Auflösung geplant

In Groß Bülten kommen pro Schützenfest noch 300 bis 400 Menschen zum Feiern. Bei der letzten wichtigen Mitgliederversammlung im März seien nicht mal 30 erschienen, klagt Lampe. Von 365 Mitgliedern der Volksfestgemeinschaft berieten dort 28 darüber, ob der Verein aufgelöst wird. „Alle haben dafür gestimmt“, berichtet die Seniorin. Wenn nichts passiert, wird der Verein am 30. September offiziell aufgelöst – rund sechs Wochen nach dem letzten Fest.

„Die Vorbereitungen fühlen sich komisch an“, beschreibt Edith Lampe. Die Luft sei einfach raus, erklärt sie. „Die Anerkennung fehlt.“ Händeringend hatte der Verein monatelang um Nachfolger geworben. Es habe zwei Kandidaten gegeben, sagt Lampe, die nun seit 20 Jahren Vorsitzende ist. „Aber sie haben am Ende doch alle abgesagt.“ So wie ein um die 30-Jähriger, der sich neben Job und Familie mit kleinen Kindern die ehrenamtliche Arbeit wohl nicht noch aufbürden wollte. „Ich verstehe es auf einer Seite“, meint Lampe. Aber auch für sie müsse die Tätigkeit mal zu einem Ende kommen. Dem örtlichen Schützenverein fehlten die Mittel, um das Fest allein auszurichten.

Nach Ritzkes Ansicht spielt auch die finanzielle Seite eine Rolle. Gerade als amtierender Schützenkönig – auch in kleineren Vereinen – kämen viele Veranstaltungen und damit auch Kosten zusammen. Auch für die Vereine sind Schützenfeste mittlerweile teurer als früher. „Ohne Security geht das nicht mehr und das verstehe ich auch“, sagt Ritzke. Vereine müssten deshalb jedoch mehr Geld für die Feste aufwenden.

NSSV sieht keinen Trend zur Aufgabe von Festen

Einen massenhaften Trend zur Aufgabe von Schützenfesten sieht der NSSV im Norden trotz allem nicht. Trotz Konkurrenz: In vielen Dörfern sei das Schützenfest nach wie vor der wichtigste Termin im Jahreskalender. Ihnen komme eine besondere Funktion für den Zusammenhalt der Gemeinschaft zu, erklärt NSSV-Präsident Axel Rott.

Viele Menschen suchten sich gezielt die Feste, die sie besuchen wollten, aus, sagt Ritze. Bekannte Schützenfeste sind noch immer Veranstaltungen für Massen – wie etwa in Hannover. In der Landeshauptstadt feiert eine Million Menschen jedes Jahr ein Schützenfest der Superlative. Allein beim Festumzug machen 10.000 Menschen mit.

Die Schützenfeste, die einen Event-Charakter haben, seien gut besucht, stellt Ritzke fest. Auch in seiner Heimat Celle engagierten sich bei dem Fest etwa 1000 bis 1400 Schützen. Der traditionelle Zapfenstreich am dortigen Schloss jeweils am Freitagabend ziehe Jahr für Jahr viele Zuschauer an. Da spiele auch die besondere Atmosphäre eine Rolle, so Ritzke. „Das kann natürlich nicht jeder kleine Verein leisten und bieten.“


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