Weil hält am 31. Oktober fest Anhaltender Widerstand gegen Reformationstag als neuem Feiertag

Von Klaus Wieschemeyer

Der Vorsitzende der jüdischen Gemeinden Niedersachsen, Michael Fürst, hält den Reformationstag als Feiertag für eine Zumutung. Foto: dpaDer Vorsitzende der jüdischen Gemeinden Niedersachsen, Michael Fürst, hält den Reformationstag als Feiertag für eine Zumutung. Foto: dpa

Hannover. Seit Monaten streitet die Landespolitik um einen neuen Feiertag für Niedersachsen. Alles deutet auf den 31. Oktober als „norddeutsche Lösung“ hin. Doch die zahlreichen Kritiker wollen einfach nicht verstummen.

Die Debatte um den neuen Feiertag für Niedersachsen will einfach nicht enden: Für Freitagnachmittag lädt Niedersachsens CDU-Spitze Abgeordnete aus Land, Bund und Europa sowie die Kreisvorsitzenden zur außerplanmäßigen Landesvorstandssitzung in die Parteizentrale nach Hannover. Thema: der neue Feiertag für Niedersachsen. Von Krisentreffen will in der Partei niemand sprechen. Es gehe vielmehr darum, eine breite Mitsprache zu ermöglichen, heißt es am Donnerstag am Rande einer Anhörung im Landtag.

In der Anhörung geht es um den geplanten Feiertag. Seit Monaten diskutiert Niedersachsen darüber. Es gibt massenhaft Vorschläge, unter anderem den Europa-, Grundgesetz- oder Frauentag. Und einen Favoriten der Landesregierung: den Reformationstag am 31. Oktober. Die Abgeordneten des Innenausschusses wollen an diesem Donnerstag von verschiedenen Verbänden wissen, was sie von diesem Tag halten. Denn noch vor der Sommerpause soll der Landtag Ende Juni entscheiden.

Breiter Widerspruch

Die Begeisterung der Verbände für den 31. Oktober hält sich an diesem Tag in engen Grenzen: Die Arbeitgeber sind sowieso gegen einen zusätzlichen Feiertag. Der koste nur Geld und widerspreche dem Anspruch, ökonomisch zum Wirtschaftsmusterland Bayern mit seinen zwölf bis dreizehn Feiertagen aufzuschließen. Die Gewerkschaften sind für einen weiteren Feiertag, weil Niedersachsens Beschäftigte mit neun ganz hinten im Bundesvergleich liegen.

In Nordrhein-Westfalen beispielsweise ist an diesem Donnerstag Fronleichnam, ein katholischer Feiertag. Den wollen die Katholiken in Niedersachsen zwar gar nicht haben, halten den Reformationstag allerdings nach wie vor für grundfalsch. Der 31. Oktober 1517, an dem Martin Luther der Überlieferung zufolge mit 95 Thesen die Reformation losgetreten habe, sei „für uns kein Grund zum Feiern“, sagt der Chef des Katholischen Büros Niedersachsen, Felix Bernard.

364 bessere Tage im Jahr

Bei den jüdischen Verbänden hört sich das noch eine Spur schärfer an: Michael Fürst vom Landesverband der jüdischen Gemeinden warnt die Landtagsabgeordneten wegen der antijüdischen Ausfälle Luthers vor dem „falschesten Tag, den Sie wählen können“. Die anderen 364 Tage seien alle besser. Zum Beispiel der Gedenktag für die „Weiße Rose“: Oder der einst für die Pflegeversicherung geopferte Buß- und Bettag.

Die Landesregierung begründet den Vorschlag 31.Oktober unter anderem mit der Bedeutung der Reformation für Norddeutschland. Die Historikerin Ulrike Jureit vom Hamburger Institut für Sozialforschung widerspricht: „Die Reformation war nicht der Urknall der europäischen Moderne“, sagt sie. Vielmehr stehe Luther für absolutistische Machtstrukturen und die Reformation für „verstörende, gewalthafte religiöse Konflikte“ wie den Dreißigjährigen Krieg von 1618 bis 1648. Vertreter humanistischer Verbände rechnen vor, dass die evangelischen Christen schon längst nicht mehr die Mehrheit der Menschen im Land stellen. Die anderen würden übergangen. „Ich kenne viele Humanisten und Religionsfreie, die sich ausgegrenzt fühlen“, sagt Johann-Albrecht Haupt von der Humanistischen Union.

Weil bekräftigt Pläne

Noch während Haupt klagt, erscheint auf den Handys einiger Abgeordneter im Plenarsaal eine Nachricht. Unsere Redaktion meldet, dass der auf Sommerreise befindliche Ministerpräsident Niedersachsens Stephan Weil (SPD) am Reformationstag festhält. Weil hatte sich wiederholt für den 31. Oktober stark gemacht. Unter anderem argumentiert er mit einer norddeutschen Lösung: Immerhin haben Hamburg und Schleswig-Holstein den Tag bereits beschlossen, Bremen wartet nur noch auf Niedersachsen. Die Opposition fühlt sich bestätigt: Die Anhörung im Landtag ist eine Farce, die Sache längst im Hinterzimmer entschieden. FDP-Chef Stefan Birkner schimpft, Weil stoße mit seiner Sturheit viele Niedersachsen vor den Kopf. Der Grünen-Abgeordnete Belit Onay fordert eine Denkpause, um eine echte Debatte zu ermöglichen. (Weiterlesen: Die Grünen wollen gleich zwei Feiertage)

Mehr als 2000 Gemeinden laden ein

Der evangelische Landesbischof Ralf Meister sieht das anders. Er ist einer der wenigen, die an diesem Donnerstag den Reformationstag verteidigen, alle kommen aus der evangelischen Kirche. Meister betont, dass der 31.Oktober kein Luther-Heldengedenken werden solle. Im Gegenteil: Die mehr als 2000 evangelischen Gemeinden würden zu diesem Tag Vertreter anderer Religionen und Konfessionen zum Gespräch laden. „Der tolerante und dialogische Umgang der Religionen und Konfessionen miteinander wird zur DNA eines neuen Feiertags gehören müssen“, sagt Meister. Am Reformationstag wolle man „weltoffen, interreligiös und ökumenisch über die Zukunft unserer Gesellschaft“ nachdenken, sagt Meister.

Der Bischof wird gefragt, ob der Tag des Grundgesetzes (23. Mai) dafür nicht besser sei. Der müsse bundesweit gelten, erwidert Meister: Denn „das Grundgesetz ist nicht das Grundgesetz Niedersachsens.“


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