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Reformationstag in Niedersachsen Breiter Widerstand gegen neuen Feiertag – Weil verteidigt Vorhaben

Von Klaus Wieschemeyer und Burkhard Ewert

Der neue Feiertag für Niedersachsen am Reformationstag stößt auf Widerstand. Foto: dpaDer neue Feiertag für Niedersachsen am Reformationstag stößt auf Widerstand. Foto: dpa

Hannover. Der Widerstand gegen den Reformationstag als neuen Feiertag für Niedersachsen hält an. Bei einer Anhörung im Landtag redeten mehrere Verbände den Abgeordneten ins Gewissen. Ungeachtet der Kritik hält Ministerpräsident Stephan Weil an dem Vorhaben fest.

Die Debatte um einen neuen Feiertag für Niedersachsen geht auch kurz vor der für Juni geplanten Landtagsabstimmung unvermindert weiter. Bei einer Anhörung im Landtag in Hannover kritisierten verschiedene Verbände am Donnerstag erneut den Plan der Landesregierung, den Reformationstag am 31. Oktober zum neuen Feiertag zu machen.

Lediglich Vertreter evangelischer Kirchen und Verbände verteidigten dabei ausdrücklich diesen Tag. Landesbischof Ralf Meister versprach, dass die mehr als 2000 evangelischen Gemeinden im Land an diesem Tag flächendeckend Vertreter anderer Religionen und Konfessionen zum Dialog einladen würden. Dies sei eine Chance, die andere Tage . „Der tolerante und dialogische Umgang der Religionen und Konfessionen miteinander wird zur DNA eines neuen Feiertags gehören müssen“, sagte Meister. Zu den Bedenken der katholischen Kirche und der jüdischen Gemeinde erklärte er: „We agree to disagree [aus dem Englischen: wir sind uns einig, uneins zu sein]. Das muss man auch aushalten“, betonte er.

„Ökumenisch anschlussfähig“

Den Vorschlag, statt des Reformations- den Tag des Grundgesetzes am 23. Mai zu nehmen, wies Meister zurück. Dies müsse ein bundesweiter Feiertag sein. „Das Grundgesetz ist nicht das Grundgesetz Niedersachsens“, sagte Meister. Auch Martin Heimbucher von der evangelisch reformierten Kirche folgte dem Vorschlag der Landesregierung und widersprach der Kritik, mit dem Feiertag werde der umstrittene Reformator Martin Luther überhöht: „Wir betreiben am Reformationstag keine Schönfärberei und kein Heldengedenken“, sagte Heimbucher. Die Erfahrung des Reformationsjubiläums im vergangenen Jahr habe gezeigt: „Der Reformationstag ist ökumenisch anschlussfähig“, erklärte er.

Murat Yasik von der alevitischen Gemeinde erklärte, man habe kein Problem mit dem Tag.

Kritik von jüdischen Verbänden

Vor allem Vertreter jüdischer Verbände kritisierten geschlossen den Plan und sprachen den Abgeordneten ins Gewissen, sich gegen den 31. Oktober auszusprechen. Michael Fürst vom Landesverband der jüdischen Gemeinden sprach wegen der antijüdischen Ausfälle des Reformators Martin Luther als „falschesten Tag, den Sie wählen können“. Die anderen 364 Tage seien allesamt geeigneter. Fürst schlug den Tag der Weißen Rose vor, alternativ wäre auch der von der katholischen Kirche vorgeschlagene Buß- und Bettag möglich. Fürst kritisierte die evangelische Kirche, die trotz der Widerstände anderer Glaubensgemeinschaften weiter an dem Tag festhalte.

Kritisiert den Reformationstag: Michael Fürst, Chef des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden von Niedersachsen. Foto: dpa

Luther steht für Absolutismus

Auch Ulrike Jureit vom Hamburger Institut für Sozialforschung kritisierte die Reformation von 1517 als „nicht sonderlich geeignet“, den Aufbruch zur Neuzeit positiv zu spiegeln. „Die Reformation war nicht der Urknall der Europäischen Moderne“, sagte Jureit. Vielmehr stehe Luther für die Stützung der absolutistischen Machtstrukturen und die Reformation vor allem für „verstörende, gewalthafte religiöse Konflikte“ wie den Dreißigjährigen Krieg von 1618 bis 1648.

Die zum katholischen Fronleichnam (der in Nordrhein-Westfalen Feiertag ist) in den Landtag gerufenen Katholiken schlugen in dieselbe Kerbe: Die geistes- und freiheitsgeschichtliche Bedeutung der Reformation werde überbewertet, sagte Felix Benard vom Katholischen Büro Niedersachsen. Der 31. Oktober 1517 erinnere die Katholiken vor allem an die Kirchenspaltung. „Das ist für uns kein Grund zum Feiern“, betonte er. Stattdessen schlug Bernard erneut den Buß- und Bettag als religiösen Feiertag, alternativ Frauen- oder Europatag als weltliche Alternativen vor.

Stephan Weil beklagt „falsche Einordnung“

Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil verteidigte gegenüber unserer Redaktion das Vorhaben, den Reformationstag übergreifend als dauerhaften Feiertag einzuführen. Der SPD-Politiker betonte, es lasse sich nicht bestreiten, dass Martin Luther schlimme antisemitische Äußerungen getätigt habe. „Darüber spricht auch die Evangelische Kirche laut und deutlich“, sagte er. „Aber die Reformation als kultur- und keineswegs nur kirchengeschichtliches Ereignis, das gerade Norddeutschland enorm geprägt hat, darauf zu reduzieren, halte ich für eine falsche Einordnung“, betonte Weil. Wenn es nach ihm ginge, werde der Feiertag kommen; entscheiden werde aber das Parlament.

Enttäuscht zeigten sich viele Verbandsvertreter, dass die Entscheidung mit der Vorfestlegung der norddeutschen Ministerpräsidenten anscheinend schon feststehe. „Wir haben den Eindruck, dass die Sache eigentlich schon gegessen ist“, sagte Bernard. Es wundere ihn, dass die Bundesländer Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein und Bremen das weit bevölkerungsreichere Niedersachsen so in Zugzwang hätten bringen können.

„Alles bereits entschieden“

Katarina Seidler vom Landesverband der israelitischen Kultusgemeinden von Niedersachsen kritisierte, die jüdischen Gemeinden seien „erst übergangen, dann instrumentalisiert, dann zu Gesprächen eingeladen worden, obwohl alles bereits entschieden war.“ Die Vorfestlegung der Parteichefs Stephan Weil (SPD) und Bernd Althusmann (CDU) auf den 31. Oktober sei ein Beispiel der „Entfremdung von Bürgern und politischen Eliten“.

Johann-Albrecht Haupt von der Humanistischen Union kritisierte, die Landesregierung hantierte mit zu hohen Zahlen der evangelischen Christen im Land. Derzeit seien nur noch 44,7 Prozent der Niedersachsen evangelisch, Tendenz fallend. Dagegen gehörten ein Drittel der Bevölkerung gar keiner Religionsgemeinschaft an, sagte Haupt. Einen kirchlichen Feiertag lehnt die Humanistische Union grundsätzlich ab. „Ich kann nicht begreifen, warum es Aufgabe des Staates ist, die Ökumene zwischen evangelischer und katholischer Kirche zu unterstützen“, sagte Haupt. Lutz Renken vom Humanistischen Verband sprach von einer vertanen Chance: „Ich kenne viele Humanisten und Religionsfreie, die sich ausgegrenzt fühlen.“

Volker Müller von den Unternehmerverbänden Niedersachsen lehnt einen zusätzlichen Feiertag grundsätzlich ab. Der Vergleich mit dem Feiertagsspitzenreiter Bayern gelte nicht: In dem süddeutschen Bundesland sei das Bruttosozialprodukt weit höher und der Schuldenstand weit niedriger. Einen solchen Vorsprung hole man nicht mit einem zusätzlichen freien Tag auf, kritisierte Müller. Sein Vorschlag: Der 29. Februar. Dem widersprach Lars Niggemeyer vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). Die Benachteiligung der norddeutschen Arbeitnehmer mit neun Feiertagen gegenüber Süddeutschland mit drei bis vier zusätzlichen müsse ein Ende haben.


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